Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nftie MClOML-CEiCÜNG XIL JAHRGANG. WIEN, 1. APRIL 1910. Nr. 7. Jüdisch-nationale Politik und galizische Hilfsaktion Vom Reichsratsabgeordneten Ernst T. Breiter. (Ein Interview). Der Lemberger Abgeordnete Ernst Breiter gehört zu jener äußerst geringen Zahl christlicher Parlamentarier, die in wirklich herzlicher Gesinnungden Juden zugetan sind. Der radikale Abgeordnete von Lemberg ist ein Volksmann, nicht aus bloßer Opportunität, sondern aus innigster Ueberzeugung, und er hat aucli wiederholt die Gelegenheit ergriffen, um sowohl parlamentarisch als auch publizistisch für die galizischen Juden energisch einzutreten. Herr Breiter steht mit dem Jüdischen Klub auf freundschaftlichem Fuße; er ist durch eigene Beobachtung und aus persönlichem Verkehr in der Lage, die Vorzüge und Irrtümer der zionistischen Bewegung zu würdigen. Als genauer Kenner der politischen und wirtschaftlichen Struktur Galiziens ist Herr Breiter kompetent, in der Frage der Hilfsaktion für die notleidenden jüdischen Massen ein maßgebendes Gutachten abzugeben. Wir haben uns daher an Herrn B r e i t er mit dem Ersuchen gewendet, uns seine Ansicht über die jüdisch-nationale Politik und über die Chancen einer Hilfsaktion in Galizien bekanntzugeben. Hier seine Antwort: „Ich habe durchaus nicht die Absicht, an irgend einer Partei Kritik zu üben oder irgend eine Strömung besonders herauszustreichen. Lediglich vom Standpunkte des allgemeinen Wohles und meiner aufrichtigen Freundschaft für die jüdischen Volksmassen nehme ich keinen Anstand, Ihrem Wunsch gemäß hier mein Urteil offen auszusprechen. Im öffentlichen Leben müssen wir mit den praktischen Lebensverhältnissen rechnen, umsomehr, wenn wir die trostlosen Verhältnisse der jüdischen Volksmassen in den kleineren Städten in Betracht ziehen. Es ist wirklich trostlos, wenn man sieht, wie auf dem flachen Lande die Juden systematisch verdrängt werden, wie den Juden das gesellschaftliche Leben der christlichen Bevölkerung verschlossen bleibt, wie in jüngster Zeit durch die Aufhebung der Propinalion viele Tausende jüdische Familien brotlos gemacht werden. Und da entsteht die Frage! Kann der Zionismus diesen jüdischen Massen helfen? Nach Palästina ist ein weiter Weg! . . . Dort ist ihre Zukunft unsicher. Das Volk aber fordert Brot. Sofort. Und damit sollte die zionistische Partei rechnen. Es wäre Sache der Partei-Taktik, das Palästina-Programm an die zweite Stelle zu rücken. Als Hauptfrage müßte gelten: Wie kann den Massen jetzt geholfen werden? Die Partei gibt aber den Juden ein Ideal, statt eines praktisch greifbaren Zieles. Von Idealen können doch nur die herrschenden Klassen leben, nicht die Massen, welche Brot verlangen. Tausende und Tausende Kronen werden aber alljährlich nach Köln getragen und gerade von den Aerm^ten, die inzwischen aus Mangel an Spitälern, Aerzten und Brot zugrunde gehen. Wäre es nicht viel vorteilhafter, dieses Geld im Interesse der Aermsten hierzulande zu verwenden? Es wäre daher Pflicht der Partei, ein Gegenwarts- Programm unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Interessen der notleidenden jüdischen Massen in Galizien zu schaffen. Nach dieser Richtung hätten sich die Juden nur an das Vorbild der Polen und Ruthenen zu halten. Es müßte im Interesse der Hilfsaktion ein Mittel verwertet werden, welches bisher ganz übersehen wurde: Das Genossenschaftswesen. Dasselbe macht