Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 6 Schalom Asch: Motele.*) Wir haben mit Motele zusammen bei Reb Jochanan im Cheder gelernt Von Kindheit auf war er stets traurig und nachdenklich. Oft pflegte er stehen zu bleiben und in die Welt zu schauen, ohne zu wissen, worauf er eigentlich schaue. Oft pflegte er mit tauben Ohren zu hören. Aber was und wo? Das wußte er selbst nicht. Wir Kinder saßen im Cheder um den langen Tisch herum und lernten. Der Rebbe stand neben uns und paßte auf, daß wir in den grauen Talmudbüchern lesen und nicht von der blauen Blume träumen. „Motele" — unterbricht er plötzlich — „Motele, wo liest du eben im Talmud?" Motele ruft, als ob man ihn gerade aus dem Schlafe gerüttelt hätte, mit vor Freude funkelnden Augen und auf den Himmel hinweisend: „Vögelchen fliegen! 's ist eine Hochzeit .... Die zwei da vorne sind Braut und Bräutigam und die übrigen die Musikanten . . . ." Als wir das hörten, lachten wir laut auf. Wir lesen von zwei Männern, die sich um einen Gebetmantel zanken und der erzählt Geschichten von Vögelchen, die Hochzeit feiern .... Oft schlich sich Motele aus dem Cheder weg, verkroch sich in dem Walde außerhalb des Städtchens. Dort pflegte er tagelang unter dem dichten Grün der Bäume herumzuirren, ganz mit sich selbst beschäftigt. Er setzte sich auf einen Hügel nieder, vor dem ein krystallreines Wässerchen dahinrieselte. Darin spiegelte er sich und ergötzte sich an den niedliehen, lustig herumschwimmenden Fischlein. Bald hob er seine Augen gen Himmel und schaute, wie die weißen, fetten Wölkchen dahinzogen, von leisem, zärtlichem Winde getrieben. Und er verspürte ein unnennbares Verlangen. Den blauen Himmel flehte er um Etwas an und sehr traurig ward es ihm zu Mute .... Alles schien ihm mißgestimmt, die ganze Schöpfung Gottes traurig und ernst. Alles weint im Stillen. Die hohen Himmel schauen traurig drein, traurig gleiten die letzten Sonnenstrahlen von den Baumgipfeln hinunter und traurig schaukeln sich an den Aesten die Zweige.. Alles erscheint ihm von süßer Trauer umflort. Und diese Verstimmung in der Natur entlockt ihm Tränen, die reichlich seine Wangen betauen. Nachts, wenn er den silbern scheinenden Mond betrachtete, glaubte er, daß er mit ihm Verstecken spiele. Bald verstecke er sich hinter einer dichten Wolke, daß er ihn nicht finde; bald bricht er durch die Wolke und winkt ihm schalkhaft zu. Bald deucht es Motele, daß der Mond ein Sternlein erfasse und es zu ihm hinunter schleudere, und er streckte die Hände hin, als ob er es auffangen wollte. * Sabbathausgang. Kein Stern war noch am Himmel zu sehen, im Zimmer noch kein Licht angesteckt. Lange, gespenstisch graue Schatten bewegten sich hin und her auf den Wänden und am Fußboden. Motele stand beim Fenster und ließ seinen Blick dorthin in die Ferne schweifen, wo die Wipfel der Bäume aus dem grünlich-grauen Flecken hinausragten, der den *) Uebersetzt aus dem Jiddisch von A. Kleinmann. Wald dort außerhalb der Stadt umhüllte. Seine Mutter saß in einem Winkel und summte ihr „Gott von Abraham". Da verspürte er ein heimliches Verlangen. Ums Herz ward ihm so weich, so warm. Er konnte es nicht bei sich halten, er mußte es sagen. Er ging auf die Mutter zu, während ihm sein Herz pochte, seine Augen sprühten. „Mutter!" — stammelte er kaum hörbar mit schamhaft leiser Stimme — „Mutter, ich bitte dich, sei nur nicht böse, lache nicht . . . ." „Was willst du, mein Kind?" fragte sie ihn voll Zärtlichkeit. Das reizte noch mehr sein Verlangen. „Mutter" — sagte er ganz still — „Mutter, ich will dich küssen!" „Du Närrchen! Das schickt sich doch nicht für einen erwachsenen Jungen!" „Nein, Mutter! Ich will nicht mehr!" — schrie Motele verschämt auf und Tränen glänzten in seinen Augen. „Ich bitte dich, sage das niemandem sonst." Und in seinem Herzensinnern dachte er: „Ist es meine Schuld, wenn meine Versuchung groß ist?" „Gehe lieber beten" — sagte die Mutter — „und bete fromm!" Und Motele ist beten gegangen. Er betete fromm und flehte den Allmächtigen an, daß er seinen „schlechten Geist" der Versuchung von ihm bannen möge. *V Moteles Vater war vor einigen Jahren gestorben. Und das betrachtete seine kindliche Naivität als ein Glück, denn dies hielt den Rebbe davor zurück, ihn zu schlagen und sich über ihn lustig zu machen. Er hatte einen Vater unter den Toten und dieser würde sich seiner annehmen. Und am „Tischu b' Ab" war er unser Führer auf dem „heiligen Orte" (dem Friedhofe). Er war unser Cicerone und zeigte uns die schönsten und bedeutendsten Grabsteine. Er führte uns umher über die traurigen Gefilde, wie ein Herr auf seinen Gütern, denn er war einheimisch dort: Hat er doch hier einen Vater liegen! .... Seine Mutter, Chawe die Schwarze — so pflegte man sie zu nennen — war ein schlankes, mageres Weib. Ihr Gesicht war oval, wachsgelb, die Wangen eingefallen, gerunzelt. Die Lippen eingetrocknet, gespalten und der Hals war schwarz, mit dicken, blauen Schlagadern. Sie ging täglich ihren eigenen Geschäften nach. Sie kaufte und verkaufte Hühner, Eier und Butter; fror den ganzen lieben Tag in der Kälte in Lumpen gehüllt. Ihre Speise war trockenes Brot, und doch arbeitete sie wie zwei. Ihr einziges Gut auf dieser Welt war Motele. Sie zahlte für ihn Cheder-Geld; sorgte dafür, daß er ein ganzes Kapotröckchen, warme Stiefelchen und einen warmen Kaftan für den Winter habe, damit er sich nicht, Gott behüte, erkälte. Sabbath, nach dem Nachmittags=Schläfchen pflegte sie ihre neue Jacke und die neue Haube anzulegen, ihr Jüngelchen bei der Hand zu nehmen und ihn zum Dajon (Rabbinats=Assessor) zum „Verhören" zu führen. Und hörte sie ihn das „hohe Lied" heruntersagen, dann ward sie stolz und groß. Die Welt erschien ihr