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Neue Nationalzeitung · 1910-03-18 · Heft 6 (18.3.1910) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 6 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6 „Neue National-Zeitung" Seite 11 klein und winzig. Ihr alltäglich finsteres Leben ward hell und leuchtete auf wie ein Meteor. Und damals möchte sie ihrem Motele jedes Knöchlein satt küssen. Aber es geht doch nicht an, daß eine Mutter ihren groß gewordenen Sohn küsse. *V Als Motele den zwölften Winter hinter sich hatte, ward er wieder eine Waise. Eines kalten Wintertages kam Chawe die Schwarze ganz gefroren, müde und krank nach Hause. Ein heftiges Fieber hatte sich ihrer ganz und gar bemächtigt. Sie schickte Motele um die Muhme. Die Muhme kam, machte im halb zerfallenen Ofen Feuer an und ein erstickender Rauch erfüllte die Stube. Nach einigen Tagen, als schon der Arzt und die Apotheke alles Geld eingesteckt hatten, als sie schon Lea, der Wucherin, ihr goldenes Ohrgeschmeide — das sie von ihrem Gottseligen noch als Braut bekommen — und ein Polster als Versatzgegenstände hingegeben hatte, ist sie, die Armselige, gestorben. Und Motele ward nun doppelt verwaist. Die Stadt nahm sich seiner an. Man verschaffte ihm Freitische im „Beth Hamidrasch" und er setzte sein Studium fort. Das übrig gebliebene bißchen Wirtschaft wurde verkauft und der Erlös bei einem angesehenen Bürger der Stadt deponiert. Das ganze Städtchen war mit ihm zufrieden. Ruhig und still ging er immer in Gedanken vertieft daher. Allabendlich, wenn die Sonne sich dem Untergange zuneigte, pflegte er stehen zu bleiben und mit den Augen den Sonnenuntergang zu verfolgen. „Wie schön es dort ist! Wie schön!" pflegte er dann zu den Vorbeigehenden voll Entzücken zu sagen. Die Derben pflegten ihm deshalb auf die Nase zu schnellen oder des Winters in den Schnee zu werfen. Die Stadt behauptete, er sei krank, tiefsinnig; manche sagten, er wäre so nur im Sommer, wenn ihn die glutenheißen Sommertage heimsuchten; andere wieder meinten, er sei immer so melancholisch. Und unter anderen Verhältnissen wäre er schon •längst verheiratet. Seine Muhme hatte schon einige Winter hindurch Pechfedern gesammelt, um für ihn Polster zu machen — aber folgender Fall hatte sich in Reb Mojsche Chaims Hause ereignet. Reb Mojsche Chaim war ein Chassid. Tage und Nächte hindurch sitzt er im Beth-Hamidrasch und betet. Er lebt nur davon, was seine Frau im kleinen Kramladen verdient. Aber eine Tochter hatte er, Reisele heißt sie, mit blauen Augen und langem, blondem Haar. Motele kam oft zu Reb Mojsche Chaim ins Haus. Seine Besuche galten niemandem sonst als — Reb Mojsche Chaim. Sie, Reisele, interessierte ihn so viel, wie eine weiße Gans, wie nichts. Sein Wunsch war nur, sie in der Ecke dort bei der Küche mit dem roten Vorhängchen sitzend zu treffen. Dort, wohin er oft seinen schamhaften Blick warf, dort, woher ihre Blicke verstohlen zu ihm hervorstrahlten. Und ihre Blicke sind so beredt, so bedeutungsvoll, sie reden so freundlich, lieblich, teilnahmsvoll und doch so scheu. Immer, wenn er sie sieht, wird er ernst, gut und mitleidig, sein Herz quillt ihm über. Es wird ihm zu Mute, als ob er weinen wollte. Ihr Blick scheint ihm nicht fremd. Er hat schon einmal solch gute Augen gesehen. Ja, er hat sie gesehen, diese Augen. Und schon lange, lange sieht er sie nicht mehr. Sie erloschen, diese Augen, seitdem seine Mutter verschied ... Ja! nur die Mutter hatte so dreingeschaut... Und s i e blickt ihn auch so an. Ihr Blick scheint zu fragen: „Motele, warum bist du so traurig? Wie geht es dir, Motele? Bist du gesund?" So' fragen ihre Augen, voll Zärtlichkeit und Liebe. Und er möchte etwas ... Er errötet sehr . . . Er befürchtet, man könnte von seinen Gesichtszügen herunterlesen, was er sinne . . . Er möchte bloß ein Wort zu ihr sagen: „Reisele!" Nur dieses und ihr dabei nicht ins Gesicht sehen. Denn er könnte nicht den Kopf emporheben und ihr in die Augen blicken ... Wenn er am Bettrande neben Mojsche Chaim sitzt und zu ihr verstohlen einen raschen Blick wirft, dann verspürt er, wie ein süßes, leises Zittern seinen Körper durchströmt, wie ein wohliger Schrecken ihn übermannt. Und er fühlt auch, wenn ihre Augen sein Antlitz treffen. Dann ist es ihm, als ob ihn eine warme Behaglichkeit umwehe, als ob ihn unsäglich süße Wollust beherrsche. Und in solchen Momenten fürchtet er, den Kopf emporzuheben. Vielleicht begegnen sich ihre Blicke. Die Nächte hindurch träumt er auf seinem Lager und es däucht ihm, er sitze obenan bei einem gedeckten Tische. Zu seiner Rechten sitze der Rabbi, zur Linken Reb Mojsche Chaim und um den Tisch herum viele Gäste. Ein Teller werde zerschellt und es erschallen freudige Rufe: „Masel tow!" Er errötete vor Scham . . . Die Bettdecke rutscht vom Lager herunter. Ein linder Wind bläst durch eine eingeschlagene Fensterseheibe auf ihn und trotzdem spürt er nichts. Und er träumt fort: Nach der Hochzeit . . . Reisele hat ein Häubchen auf . . . Sie schämt sich, ihn anzuschauen . . . Sie haben noch kein Wort gewechselt ... Er weiß nicht, wieso ein Gespräch anzuknüpfen . . . Und des Morgens, wenn er sich entsinnet, was er geträumt, dann ergießt sich eine Röte über sein Antlitz, dann schämt er sich vor sich selbst ... Er fürchtet, man werde noch die bösen Gedanken von seinem Gesichte herablesen ... Er hatte ihr einmal ein Brieflein geschrieben. Folgendermaßen: „Komm' heute, Reisele, Vorabends zum Brunnen hinunter, hinter dem Städtchen . . . Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen . . ." Und sie kam. Aber er sagte ihr nichts und schaute sie sogar nicht an. Er konnte nicht. Und sie ging fort, den Kopf verschämt hinuntergesenkt . . . Eines Sabbath-Nachmittags war's. Motele kam zu Reb Mojsche Chaim zu Besuch. Im Zimmer war alles aufgeräumt, sauber, inmutig, wie ein kleines Gan=Eden (Paradies). Alles blinkte, alles glänzte und ein blendend weißes Tuch bedeckte den Tisch. Im Ohre sogar schien ihm die Heiligkeit des Sabbath zu tönen.

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