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Neue Nationalzeitung · 1910-03-18 · Heft 6 (18.3.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 6 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite » Nr. 6 Rußland. Jüdischer Antisemitismus. Petersburg, den 11. März (Orig.-Korr.). Kein Druckfehler, sondern eine brutale Tatsache: jüdischer ökonomischer Antisemitismus! Seit einigen Jahren gelangen in die rassischjüdische Presse immer häufiger Nachrichten, die geeignet sind, die traurigsten Gedanken über die Aussichten der jüdischen Arbeitermassen zu erwecken. Jüdische Unternehmer entlassen ihre jüdischen Arbeiter — sobald sie in ihren Fabriken den Maschinenbetrieb einführen — und ersetzen sie durch nichtjüdische. Die Tatsachen, die wir hier verzeichnen wollen, werden in der allerletzten Zeit so häufig, daß sie in eine Massenerscheinung überzugehen drohen. Vor kurzem wurde in der Bialystoker Textilindustrie der Maschinenbetrieb^ eingeführt und die Folge war, daß in den jüdischen Fabriken für jüdische Arbeiter — eine Prozentnorm festgesetzt wurde! Darauf bestanden die nichtjüdischen Arbeiter. So erzeugt gerade die neuzeitlichkapitalistische Entwicklung in Bezug auf das jüdische Leben Erscheinungen, die an mittelalterliche Zustände mahnen. Ferner hat auch die »Heldentat« des bekannten jüdischen Zuckerkönigs Leo Brodsky jüngst durch die gesamte jüdische Presse eine Runde gemacht; er entließ sämtliche jüdische Arbeiter auf die boshafteste Weise. Er fand bald zahlreiche Nachahmer: ein jüdischer Tabakfabrikant (Grodno) entließ 200 jüdische Arbeiterinnen, nachdem sie ihre Jugend seiner Fabrik zum Opfer gebracht haben. In W i 1 n a wurden jüngst sämtliche jüdische Arbeiter einer Schokoladenfabrik auf die Straße geworfen. Und nun eine neue Schmach: in Zdunska-Wolj a (bei Lodz) wurden vor wenigen Tagen zirka -iOO jüdische Arbeiterexistenzen brotlos gemacht, da die jüdischen Unternehmer sie nach Einführung von mechanischen Webstuhlen nicht mehr behalten wollen. Und das tun ja dieselben Herren Brodsky's, die so viel von jüdischem »Achdus« (Solidarität) auf den Kongressen zu sprechen wissen! Und doch werden diese Herren immer noch als Delegierte auf verschiedene Kongresse und Beratungen gewählt. Solange die jüdische gesellschaftliche Meinung nicht mit aller Energie zu Gunsten der so gehäßig behandelten jüdischen Arbeiter eingreifen wird, — solange werden die schamlosen Ausbeuter ihr verheerendes antisemitisches Werk frohen Mutes fortsetzen. Ben-Urijohn. GEMGiNöE=usö VCREiNSNMRRilMW Wien. (Brigitten auer israelitscher Tempel- Verein, XX. Kluckyga sse 11.» Freitag, den 18. d. M , Predigt bei dem Abendgottesdienste durch Sr. Ehrw. Herrn Kabbiner Dr. Abel es. Wien. Die (liargenwahlen der akademischen Verbindung ..Libanonia" für das S. S. 1910 hatten folgendes Ergebnis: stud. med. Josef (■ r ü n b e r ir e r X : stu^ 3ur- Viktor X e ubrunn XX : stud. med. Fritz T icho XXX- Wi*n. (Jalizisches undBukowiuaer rituelles Speisehaus. (IL, Herminengasse 8 ) Der Vorstand des Vereines .,A c h w a, Jüdische B r ü d e r" erlaubt sich hiermit mitzuteilen, daß die neuen Lokalitäten seiner Spei s.ehalle zur Ausspeisung unbemittelter Juden bereits fertiggestellt sind und am 20. d. M. bezogen werden. Der Tag der feierlichen Ein w e i h u n g wird demnächt bekanntgegeben werden. Der genannte Verein, der von galizischen und Bukowinaer Juden gegründet worden ist, hat es sich zum Ziele gesetzt, den minderbemittelten Juden durch Errichtung einer Speisehalle Gelegenheit zu geben, um billiges Geld streng rituelle, nahrhafte Kost zu erhalten. Den jüdischen Studenten wird eine separate Abteilung der Speisehalle, die ihnen zur „M e n s a Academica" werden soll, reserviert werden. ausn weßwiiw Ein jüdisches Gemeindeblatt in Berlin. In ihrer letzten Sitzung, vom 6. März, hat die jüdische Repräsentanten - Versammlung (Kullusvorstand) in Berlin endgiltig die Herausgabe eines jüdischen Gemeindeblattes beschlossen. Der Referent, Herr Geheimrat Senator, berichtete, daß der vorberatende Ausschuß prinzipiell der Herausgabe eines Gemeindeblattes zugestimmt habe, das die Aufgabe haben solle, nicht nur Mitteilungen über die Gemeinde und ihre Institutionen zu bringen, sondern auch über das Wesen und die Bedeutung der jüdischen Religion durch geeignete Veröffentlichungen in objektiver Weise Belehrung zu verbreiten. Herr Geheimrat Geiger befürchtete, in dem Gemeindeblatt keine Konkurrenz für die jüdischen Blätter, er hielt es aber für recht verfehlt, literarische Artikel in einem solchen Blatte zu bringen, das ausschließlich den Charakter eines Gemeindeblattes tragen müsse. Herr Benas L e v y war dagegen der Ansieht, daß das Blatt niemals Interesse erwecken werde, wenn es nur die Nachrichten über die Gemeindeversammlungen und die Tätigkeit der verschiedenen Kommissionen bringen würde. Selbstverständlich dürfe das Blatt keiner Partei dienen, auch selbst bei den Repi'äsentantenwahlen müsse es neutral bleiben. Doch müßte es dem Blatte gestattet werden, zur Zeit der Wahlen die Kandidatenlisten der einzelnen Parteien in Form eines Inserates oder eines beigelegten Flugblattes zu bringen. Rechtsanwalt Dr. Cohn bat, davon Abstand zu nehmen, daß in das Gemeindeblatt irgendwelche Parteisachen hineinkommen. Das Blatt würde jedoch verflachen, wenn es nur Nolizen bringe, die sich auf Gemeindeangelegenheiten beziehen. Herr Emil Pincus begrüßte das Gemeindeblatt von dem Standpunkte aus, daß endlich ein Blatt geschaffen werde, das unentgeltlich in die Hände aller Gemeindemitglieder gelange Es sei unbedingt notwendig, daß bei den Gemeindemitgliedern das Interesse für die von der Verwaltung geschaffenen segensreichen Institutionen geweckt werde. In diesem Blatte sei auch der Platz, die Namen der neu nach Berlin verzogenen Glaubensgenossen zu veröffentlichen, die häufig viele Jahre hindurch ohne jede Kenntnis der großartigen Leistungen der Gemeindeverwaltung bleiben. Herr Lewinski wandte sich ebenfalls dagegen, in diesem Blatte nur amtliche Mitteilungen zur Kenntnis zu bringen. Der Vorsitzende Herr Louis Sachs wies darauf hin, daß eine Redaktionskommission eingesetzt werden solle, in der ja auch die Repräsentantenversammlung mitzureden haben werde. E r warnte jedoch, das Blatt zu irgendwelchen parteipolitischen Zwecken herzugeben, da allzu leicht das Blatt selbst den Grund zu Zersplitterungen in der Gemeinde abgeben könnte. Damit schloß die Debatte, der Antrag des Ausschusses wurde angenommen. In Wien macht es sich der Kultusvorstand bequemer. Da werden einzelne Blätter — „pauschaliert". Und hat der Herr Kultuspräsident das Bedürfnis, gegen die Opposition zu hetzen, weil sie eine Erweiterung des Wahlrechtes anstrebt, dann läßt er bloß einen Herausgeber los. Das wäre in eigener Regie dem Herrn Präsidenten nicht so leicht. Rabbiner Dr. Hirsch Plato in Köln ist Samstag, den 5. d. M., verschieden. 1822 geboren, wirkte Dr. Plato zuerst als Leiter des Lehrerseminars in Weinheim und Karlsruhe, wohin das Seminar von Weinheim verlegt wurde. Er nahm, dann eine Stelle als Lehrer an der Realschule der

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