Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-03-18 · Heft 6 (18.3.1910) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 6 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425808--1624-2427995
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr 6. zu predigen, daß sie sich nunmehr ändern; es wäre eine trügerische Hoffnung, daß die durch künstliche Wahlgeometrie für Jahrzehnte festgelegte antisemitische Herrschaft in Stadt und Land sich plötzlich auflösen würde. Ob der Nachfolger Dr. Weißkirchner oder Dr. Neumayer oder gar Dr. P o r z e r, der Sohn einer getauften Jüdin, sein wird, dem jüdischen Gewerbesland, den jüdischen Lehrern, den jüdischen Studierenden, die als Aerzte, Ingenieure oder Konzeptsbeamten dem sicheren Hafen einer Beanitenversorgung zustreben, den jüdischen Waisen und Petenten, bleiben die Tore der Gemeindeverwaltung verschlossen. Man wird allerdings kein Schußgeld auf Juden predigen, auch mit Pogroms ihnen nicht mehr drohen, aber die tiefe Kluft, die in Wien zwischen Juden und Christen durch jahrzehntelange Minierarbeit gegraben wurde, ist nur durch Großkapital oder Taufe zu überbrücken; der Haß, der durch zwei Jahrzehnte dem Wiener Volke von Dr. Lueger eingeimpft wurde, wird vor dem Rathaus Wache halten und jeden Versuch einer Umkehr als Verrat stempeln. Die Wiener Juden haben sich die Fehler ihrer christlichen Mitbürger rasch angeeignet, ohne jedoch ihre Tugenden zu besitzen. Sie sind genußsüchtig, leichtlebig, ohne jeden politischen Ernst, voll unverwüstlichen Optimismus. Aber es fehlt ihnen jede Disziplin und Organisationsfähigkeit, sie bleiben, selbst wenn man sie mit Skorpionen züchtigt, stumm, regungslos. Es fehlt ihnen jedes Selbstbewußtsein und jene große Leidenschaft, wie sie in dem Hasse gegen den Feind oder in der Liebe zum eigenen Volkstum sich ausprägt. Das einzige, was sie und ihre gleichgeratenen Führer können, ist das Warten. Sie hoffen, daß auf die Fußtritte, die sie schweigend entgegennehmen, auch einmal ein Leckerbissen folgen wird. Und kommt er wirklich in der Gestalt einiger nichtssagender Phrasen oder als Erfüllung einer unter gesitteten Menschen selbstverständlichen Pflicht — wie es die Anwesenheit des Bürgermeisters Dr. Lueger beim Leichenbegängnis zweier jüdischer Gemeinderäle war — dann sind sie froh, daß sie an alles, was geschehen, vergessen können. Stumpfsinnig jubeln sie dem Feinde zu, wenn auch ihre Wunden noch offen sind. Der Tod Dr Luegers hat bewiesen, daß in Wien dem ungeheuren Aufschwünge der antisemitischen Partei ein tiefer Niedergang der Judengemeinde gegenübersteht. L. Wien, den 14. März. Eduard Drumonf und Alfred Stern kondolieren... Unter den Kondolenzen, welche dem Wiener Gerneinderate anläßlich des Todes des Bürgermeisters zugekommen sind, verdienen zwei unsere besondere Aufmerksamkeit: die des französischen Antisemitenführers Eduard Drumont und des Dr. Alfred S te r n, Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde von Wien. Drumont, der wütendste Judenhasser, der Führer der Anti-Dreyfuß-Kampagne, der Chefredakteur des verworfensten antisemitischen Hetzblattes „Libre Parole" und Dr. Alfred Stern, der greise Präsident der Wiener Ku tusgemeinde, erscheinen beide als Leidtragende am S;irge Dr. Luegers. Die Kondolenz, die Dr. Stern im Namen der Kultusgemeinde zur Niederschrift brachte, hat folgenden Wortlaut: An das hochlöbliche Präsidium des Gemeinderates der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien! „Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien beehrt sich, anläßlich des Ablebens Seiner Exzellenz des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger dem hochlöblichen Gemeinderatspräsidium die herzliche Anteilnahme an dem für unsere Vaterstadt so schweren Verluste zum Ausdruck zu bringen. Möge eine heilige Friedensstimmung, wie sie in letzterer Zeit Kundgebungen des Dahingeschiedenen durchleuchtete, zu seinem ehrenden Gedenken in unserer Vaterstadt dauernd walten sowie auch unsere Glaubensbrüder sich beugend vor der Majestät des Todes, vereint mit allen unseren Mitbürgern tiefbewegt an dieser Bahre stehen." Jetzt erst sehen wir, was die Petersburger Juden unterlassen haben. Wäre Dr. Stern dort KultuspräsMent, dann hätte er gewiß auch anläßlich des Todes von I g n a t i e w, P1 e h w e und Pobiedenoscow kondoliert. Denn auch sie waren hochverdient um Thron und Altar, ihr Tod bildete einen schweren Verlust für ihr Vaterland und ihr Volk. Der Wiener Kultusvorstand und sein Präsident haben mit dieser Kondolenz sehr viel aufs Spiel gesetzt. Die jüdische Bevölkerung ist dadurch zur Ueberzeugung gekommen, daß die Leiter der Gemeinde nicht nur administrativ unfähig sind, sondern auch jedes Gefühl für die Würde der Gemeinde verloren haben. Möge Dr. Stern an der Seite Drumonts paradieren; der wahre Jude, der heute, nach tausenden von Jahren, noch die Megilath Esther liest, wird auch nicht vergessen, was ihm in der zeitgenössischen Aera Lueger angetan wurde. * L. Dr. Lueger über die Juden. Wir widmen hiemit dem Herrn Kultuspräsidenten Dr. Stern zur Auffrischung seines altersschwachen Gedächtnisses nachstehende kleine Auslese aus den Reden Dr. Luegers: „Der Antisemitismus ist der Notruf des unterdrückten christlichen Volkes an Kirche und Staat, damit sich diese endlich einmal der so schwer verletzten Interessen des christlichen Volkes annehmen." „Ich werde Ihnen den Grund der Verrohung unserer Jugend sagen: Die schlechte Presse hat die Entsittlichung des Volkes auf dem Gewissen, die Schund- und Schandliteratur, die Blätter, die von Juden und Juden knechten geschrieben werden. Gerade die Juden sind in allen Staaten das zerstörende Element. Der jüdische Staat ist zusammengebrochen und nur dort, wo man es verstanden hat, die Juden im Zaume zu halten, hat man das monarchische Prinzip und auch das Volk geretet." * „Der Deutsche bleibe ein Deutscher, der Jude ein Jude! Wir wollen ehrlich gegeneinander kämpfen und sehen, welche Nation die Oberhand gewinnt. Hoffentlich die deutche, vorausgesetzt, daß endlich auch Sie (die Liberalen) zu der Ueberzeugung kommen, daß es Ihre Pflicht ist, die Deutschen gegen die Juden zu schützen, und wenn Sie nicht dazu kommen, daß andere Männer, an Ihre Stelle treten." . . i „Die in der letzten Zeit zutage tretende Lässigkeit der hohen Geistlichkeit ist mit daran schuld, daß, das Judentum und seine Anhänger kühner, denn je ihr Haupt erheben und wahrhaft Unglaubliches in bezng

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.