Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N2Ü5 M&CML-CElLÜNG XIL JAHRGANG. WIEN, 18. MARZ 1910. Nr. 6. Der Tod Dr. Luegers. Heute wird der Wiener Bürgermeister Dr. L u e g e r begraben. Es ist ein Leichenbegängnis, wie es an Massenaufzug, Pracht und Ehren nur einem Monarchen bereitet wird. Tn allen Gassen staut sich die Menge; Tausende von Wachmännern und Soldaten sind aufgeboten, um Ordnung zu halten; der Kaiser und die Spezialgesandten auswärtiger Souveräne, Minister und hohe Generale haben sich zum Leichenbegängnis eingefunden; vom Stefansdom ertönt die Glocke, die sonst nur Kardinäle zum Grabe geleitet. Denn der Mann, dessen irdische Hülle heute in die Erde gesenkt wird, war mehr als seine Vorgänger, mehr als ein Wiener Bürgermeister. Er war der Chef der größten parlamentarischen Partei; er war der Begründer und Gebieter einer mächtigen Organisation, die von der Bukowina bis nach Vorarlberg reicht, er war der Abgott der Wiener Bevölkerung. Daher hatte er schon bei Lebzeiten den größten Einfluß, den ein Parlamentarier haben konnte; Minister buhlten um seine Gunst und der Ministerpräsident mußte im Bürgermeistersalon Rede und Antwort stehen. Und da drängt sich die Frage auf: Wodurch sind die maßlosen Erfolge eines Mannes zu erklären, der als Sohn eines Hausknechtes zur Welt kam, der als Advokat über das Mittelmaß nicht hinausragte, dessen sonstiges Wissen ganz durchschnittlich war? Waren es bloß sein Ehrgeiz, seine Schlagfertigkeit, seine Bonhomie, seine reinen Hände, seine fesche Gestalt, seine Leutseligkeit und was alles mehr an ihm jetzt von der antisemitischen Presse und ihren pseudoliberalen Ablegern gerühmt wird — wodurch Dr. Lueger zur Höhe hinaufkam? Die Antwort darauf ist zu offenkundig, als daß sie verhüllt werden könnte. Sie könnte höchstens aus Rücksicht für den Verstorbenen unterdrückt werden. Doch dazu haben wir keinen Anlaß. Denn höher als die Pietät für den toten Bürgermeister sind uns die Pflichten gegenüber den lebenden Juden. Und diese Pflichten gebieten uns, den Juden in Erinnerung zu rufen, wie Dr. Lueger sie skrupellos schmähte und verfolgte, wie er die Karriere der jüdischen Gemeindebeamten und Lehrer unbarmherzig zerbrach, wie er vor jüdischen Waisenkindern nicht Halt machte und selbst das Blutmärchen nicht verschmähte. Das Attentat gegen die Existenzen von Tausenden jüdischer Hausierer hat er unterstützt und die jüdischen Lieferanten der Gemeinde hat er alle um ihr Brot gebracht. Noch als greiser Bürgermeister hat er den Juden mit russischen Massakres gedroht .... Der Mann, der heute mit den höchsten Ehren begraben wird, war nicht bloß Antisemit — vielleicht war er es auch nicht — sondern er hat den antisemitischen Instinkt in der Seele des Volkes wachgerufen und die so entstandene antisemitische Ueberzeugung zu einem politischen Parteibekenntnis umgewandelt — um sich seiner als Stufenleiter, als Mittel zur Erreichung politischer Macht zu bedienen. D r umont, Ahlwardt, Stöcker, Schönerer u. a. waren seine Vorbilder, aber er hat sie weit übertroffen. Er kümmerte sich sehr wenig um Rassentheorien, um Ariertum und Deutschtum; er hatte ein greifbares persönliches Ziel vor Augen, auf das er ohne jede Rücksicht losging. Und da er dieses Ziel nur durch den antisemitischen Appell an das „christliche Volk" erreichen konnte, so hat er als feiner Kenner der Volkspsyche die antisemitische Werbetrommel gerührt. Der Tod dieses Mannes läßt uns kalt. Wir haben weder einen Grund, ihn zu beklagen, noch ihn zu bejubeln. Seine antisemitische Saat hat reichliche Früchte getragen, und wenn er auch tot ist, sein Geist und sein System werden fortleben. Das müssen wir uns vor Augen halten; das lehrt uns das Leichenbegängnis von heute .... Es wäre kindisch, seinen Anhängern, deren materielle Existenz mit dem System eng verwachsen ist,