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Neue Nationalzeitung · 1910-03-18 · Heft 6 (18.3.1910) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 6 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Seite 3 auf Verhöhnung der christlichen Religion leisten, was auch ungestraft durchgeht, Avährend jeder Angriff auf die jüdische vom Staatsanwalt unerbittlich unterdrückt wird." „In den Versammlungen der Sozialdemokraten darf man über alles, über Religion, über Staat und Pfaffen schimpfen, nur der Jude ist geschützt, über den darf man nicht sprechen. Dies zeigt, wer der Herr der Sozialdemokraten ist." POLITISCHE RUNDSCH/W. Der Jüdische Klub hat sich entschlossen, zur Alarmnachricht unseres Blattes über seine bevorstehende Auflösung Stellung zu nehmen. Und da ist sofort ein Erfolg eingetreten, wie wir ihn gar nicht besser wünschen konnlen. Die vier Herren, die seit Dezember v. J. keine einzige Sitzung abgehalten haben, sind sofort zusammengetreten, haben verhandelt, beraten und beschlossen, gemeinsam die Klubauflösung zu dementieren. Wir sind den Herren wegen dieses Dementis gar nicht böse, wenn sie uns auch jetzt mit den wirklichen Gegnern ihrer Kluborganisation in einen Topf werfen möchten. Denn wir vertrauen auf das gute Gedächtnis der jüdischen Oeffentlichkeit, der wohl bekannt ist, mit welchem Eifer unser Blatt vor den und während der letzten Reichsratswahlen für die Gründung eines jüdischnationalen Klubs eingetreten ist. Allerdings werden wir uns das Recht der Kritik nicht nehmen lassen. Die Herren können noch was lernen. * Ein jüdischer Generalprokurator in England Mr. Rufus 1 s a a c s, Rechtsanwalt und seit sechs Jahren liberaler Abgeordneter von Reading, ist zum Solicitor General ernannt worden. Damit hat die englische Regierung den zweiten Juden in ihre Milte berufen. Die Stellung eines Solicitor General in England, die in ihren Funktionen der unseres Generalprokuralors entspricht, ist dennoch in bezug auf Rang, Ansehen und Gehalt eine weit hervorragendere. Der Solicitor General hat den Rang eines Ministers, ein Gehalt von über 200.000 Kronen und die Anwartschaft auf eine Präsidentenstelle einem der Obersten Gerichtshöfe. Die englische Regierung nimmt keinen Anstand, an mit diesem hohen Amte einen Juden zu betrauen. Was ist ein Auskultant? Er gehört zum niedrigsten Rang in der Beamten-Hierarchie: elfte Rangsklasse. Der Auskultant ist ein zuerst unbesoldeter und dann auf ein „Adjutum", d. h. eine Unterstützung des Staates angewiesener Handlanger der Justiz. Er darf die Akten zu den Sitzungen oder Verhandlungen tragen, er darf auch Protokolle und Urteile abfassen — nach dem Diktat seines Chefs. Der Auskultant kann auch avancieren; jedenfalls hat er die Schwelle zum richterlichen Dienst übertreten. Seit mehr als zehn Jahren müssen im Sprengel des Wiener Oberländesgerichtes jüdische Reehtspraktikanten an dieser Schwelle halt machen. Sie werden zu dem bedeutenden Amte eines Auskultanten nicht bemfen, weil sie — Juden sind. Erst wenn sie sich taufen lassen, werden bei ihnen die zur Erlangung einer unbesoldeten Auskaltantenstelle notwendigen geistigen und richterlichen Fähigkeiten vermutet. Wohl gibt es in diesem Sprengel mehrere jüdische Oberlandesgerichtsräte, Landesgerichtsräte und Bezirksrichter; aber als Richter und Auskultanten wurden sie vor zehn Jahren auf den Sterbeetat gesetzt. Ja noch mehr! Jüdische Rechtspraktikanten werden in den richterlichen Vorbereitungsdienst, aus dem sich der Auskultantennachwuchs rekrutiert, aufgenommen .... Aber wenn sie um eine Auskultantenstelle einschreiten, dann haben sie für ihr außerdienstliches Studium das Nachsehen. Einem Rechtspraktikanten, Dr. H., erklärte jüngst der Personalreferent d-s Oberlandesgerichtes v. Grosser ganz unverblümt: ,.S i e w e rd en nie ernannt werden." Was sagt denn dazu der neue Oberlandogerichts-Präsident Dr. von V i t o r e 11 i, dei doch bisher über jeden Verdacht antisemitischer Gesinnung erhaben war, oder der Juslizminister, der als gerecht und unparteiisch gelten will *? Oder ist vielleicht der Obergerichtsrat von Grosser die höchste Instanz? Allen diesen Funktionären möchten wir empfehlen, einmal, wenn sie nichts anderes zu tun haben, über folgendes nachzudenken: Was sollen sich die österreichischen Juden von ihrem Vaterlande denken, wo ein Jude nicht einmal Auskultant werden kann, und von England, dessen König einen Juden zum Generalprokuratur ernennt? Ein jüdischer Botschafter in Peking. Der jüdische Deputierte B a r z i 1 a i wurde von der Regierung zum italienischen Botschafter in Peking ernannt. Barzilai ist Jude und stammt aus Triest. Er ist im italienischen Parlament besonders als irredentistischer Heißsporn aufgetreten. Durch diese Ernennung hat der italienische König, der bereits wiederholt Juden zu Ministern, auch zum Kriegsminister, ernannt hat, neuerlich seine große Unparteilichkeit und wahre Gerechtigkeit allen seinen Untertanen gegenüber bewiesen. Dieser Ernennungsakt ist wohl für die österreichischen Juden von besonderem Interesse. In Italien wird ein Jude Botschafter, in Oesterreich-Ungarn nicht einmal Konzepts- Praktikant im Ministerium des Auswärtigen. Es dürfte wohl nicht ohne Aktualität sein, wenn wir an folgenden Vorfall erinnern, der sich vor einigen Jahren in Triest ereignet hat: Der Statthalter läßt den Rabbiner zu sich kommen und ermahnt ihn, doch die Juden von der irredentistischen Propfigarda zurückzuhalten. Darauf meint der Rabbiner, daß .die österreichische Regierung dies wohl leichter besorgen könnte. Die Triestiner Juden sehen nämlich, daß in Italien ein Jude Kriegsminister ist, während in Oesterreich Juden nicht einmal in die Kriegsschule aufgenommen werden ... Die jüdische Einwanderung in die Türkei. (Referat, erstattet auf dem IX. ZionistenkongrelJ.) Von Moise Cohen. (Schluß.) Dies hindert freilich nicht, daß der wahre, national selbstbewußte Jude zu gleicher Zeit auch ein guter Ottomane sei, ein Ottomane in der vollen Bedeutung dieses Wortes. Der ruhelose, ewige Jude, der sich so lange auf der Suche nach einem gastlichen Heim befindet, wird sicherlich, sobald er den belebenden Hauch der Freiheit einatmet, mit aller Kraft bestrebt sein, dieses Land zu seinem Vaterlande zu machen, den Boden, der ihn liebevoll aufnimmt, mit kindlicher Liebe zu umfassen. Die Geschichte aller Völker beweist, wie sehr der Jude zu allen Zeiten seinem Adoplivvaterlande treue Liebe und rührende Anhänglichkeit bewahrt hat. Gibt es ein Land auf dem weiten Erdenrunde, das nicht mit dem Blute jüdischer Vaterlands freunde getränkt wäre? Wurde je; als ein Kampf für die Güter der Zivilisation ausgefochten, zu dem die Juden nicht Mitkämpfer und Helden geliefert hätten? Um nur die allerjiingsten Regobenhoiten anzuführen, so waren

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