Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. M. J. Feld: Vorfrags-Epidemie (Ein komisches Bild einer gesellschaftlichen Krankheitserscheinung der Gegenwart.) Personen des Bildes: Der Vater, Die Mutter, Die Großmutter, Die Tochter, Der Sohn. Die Handlung spielt iu einem eleganten Salon eines Wiener Hauses Es ist 9 Uhr abends. Der Salon ist hell erleuchtet uud wohlig durchwärmt, Auf dem Fußboden machen echte Perser jeden Schritt fast unhörbar. Am gedeckten Tisch sitzen der Vater und die Großmutter. Der Vater studiert das Abendblatt, die Großmutter liest in einem Buche,- das ihre Aufmerksamkeit sehr fesselt. Es ist der Roman Hermanns „Jettchen Gebert." Der Vater (Vierziger, gesundes Gesicht, schütteres, schon ziemlich angegrautes Haar, fein, aber etwas salopp gekleidet, dreht das Abendblatt hin und her): „Jetzt lese ich schon zum so- und sovieltenmale, daß die Deutschen und Tschechen sich nicht verständigen, die Türken mit den Griechen Krieg führen wollen, lese von den Seine-Ueberschwemmungen, den mißlungenen Flugversuchen, der New-Yorker Börsenkrise, von dem französischen Hahn, der auf der Bühne kräht, den Massenvergiftungen in Stockholm, von dem Kolischer - Prozeß, und, was weiß ich wovon, der Kopf dreht sich mir schon, als ginge mir darin ein Mühlrad 'rum, und noch immer ist kein Zweck, kein Ziel, d. h. kein Abendessen, nicht einmal aus der Ferne zu erblicken. Und, warum? Weil die Frau Gemahlin, das Fräulein Tochter und der Herr Sohn noch nicht zuhause sind, und den wissenschaftlichen Hunger durch Vorträge zu stillen suchen. Ist das eine Zeit! Ich komme mir schon wie der selige Sisyphus vor, der auch den Braten aus der Ferne roch, aber ihn nicht zu essen bekam. Eine Zeit das! Man möchte in einem Luftschiffe davonfahren!" (Er wirft zornig das Abendblatt auf den Tisch.) Die Großmutter (Würdige Matrone, helle Augen, schlichtes, weißes Haar, sehr nett gekleidet): „Teuerer Sohn, gut, daß deine liebe Frau und noch liebere Familie nicht anwesend sind. Sie hätten sonst über den seligen Sisyphus, den du soeben nanntest, gelacht. Du meinst wohl den unseligen Tantalus. Aber, Spaß auf die Seite, wie dein lieber Vater, mein herziger Mann, zu sagen pflegte, die Herrschaften sollten mehr Rücksicht auf deinen Appetit, der sehr berechtigt ist, nehmen. Rücksicht, die fehlt dieser modernen Zeit der Automobile, verschrobenen Romane, dieser Zeit der Sanatorien, Luftschiffe und Röntgen-Bestrahlungen. Findest du nicht auch, daß die Leute immer rücksichtsloser werden? Die Köchinnen wollen nicht parieren und die Frauen und lieben Kinder auch nicht. Es wird immer ärger und ein normales Menschenkind glaubt in einem Tollhause zu leben. Da lese ich auch ein solches Buch, aus dem man nicht recht klug wird. Dieses Jettchen mit ihren Onkeln, Tanten, Vettern und ihrer Liebschaft will mir nicht gefallen. Aber so ist die neueste Literatur. Verhüte der Himmel, daß man dagegen vor deiner Tochter rede. Dann hat man sich die Suppe ausgeschüttet." Der Vater (ärgerlich): „Wenn ich sie, nämlich die Suppe, nur sähe. Aber vorläufig noch keine Spur. Ich armer Sisy — pardon, wie heißt doch der Mensch? — Tantalus." Es läutet ziemlich energisch. Der Sohn stürmt herein. Der Sohn (Septimaner, blaß, sehr schlank, Kneifer, blond, Zigarettenstummel in der Hand): „Guten Abend die Herrschaften, habe riesigen Hunger, bekommen wir bald 'was, um, mit Homer zu sprechen, die Begierde nach Speise und Trank, viel, viel Trank zu stillen?" Der Vater (unwillig): „Warum kommt der Herr Sohn so spät und läßt seine Ahnen so lange warten? Oder glaubt er, daß nur er das Privileg darauf hat, die Gier nach Speise und Trank, wie der Homer sagt, stillen zu dürfen? Vater ist gar nichts, Großmutter noch weniger? Gedulde dich nun, mein Sohn. Deine Mutter und deine Schwester hören noch Vorträge an, hoffentlich beliebt es den Herren Vortragenden, sie bald zu entlassen, und dann, nach der literarischen Nahrung, kommt die leibliche." Der Sohn (lachend): „Papa spricht wie ein Buch. Aber, was kann man tun? Man wird zu den Vorträgen förmlich gereizt. Die zionistische Organisation, der anzugehören ich die Ehre habe, hat einen interessanten Vortrag veranstaltet. Doktor Plato Levysohn las über Zionismus, Richard Wagner und den modernen Sport . . . Großartig, originell, Geistesblitze, Donnerworte . . ." Die Großmutter (ruhig): . . . „Und Perversität." Der Sohn (von oben herab): „Das verstehst du, Großmutter, nicht. Du lebst im Alten, die neue Zeit ist dir total terra incognita." Der Vater: „Inkognito hin, Terrain her, essen möchte ich." Der Sohn: „Ich auch. Der Plato Levysohn ist mit seinem Vortrage noch nicht fertig. Der Hunger trieb mich zu den häuslichen Penaten. Aber, das muß man diesem modernen Plato lassen. Er ist originell. Will der Mann nachweisen, daß Richard Wagners Musik jüdisch ist. Der sinnliche Reiz, den seine Helden ausströmen, stammt aus dem jüdischen Blute, das in seinen Adern strömte. Zu Muskelmenschen, wie sein Siegfried ist, sollen die Juden erzogen werden. So weit kam er, als mich der Hunger nach 'Hause jagte. Es ist vielleicht nicht alles richtig, was Plato Levysohn vortrug, aber geistreich, originell, das muß man sagen. Bekommen wir bald etwas zu essen?" Die Großmutter: „Dein Plato ist verrückt. Und das nennt man jetzt Bildung. Laßt mich aus mit eueren schrecklichen Vorträgen." Es läutet wieder. Energisch und noch energischer. Die Tochter (16jährig, sezessionistisch mager, Lüneburger Haide, der Kopf, ein verworrener Haarschopf. Wirft den Abendmantel mit theatralischer Gebärde ab, die Augen schleudern unheimliche Blitze): „Es war groß, exorbitant, gewaltig. Dr. Kurt Nowakowsky sprach über Goethe. Und wie sprach er! Nicht über den Faust, aber über Goethes Häuslichkeit, 1. Teil, Goethe und die Kochkunst . . ." Der Vater: „Deine Kochkunst möchte ich schon gerne sehen. Da aber dafür keine Aussicht ist, vor3 läufig die unserer Köchin." Die Tochter (mit höhnischem Lächeln): „Mit Banausen und Philistern ist schwer zu reden, wenn