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Neue Nationalzeitung · 1910-03-04 · Heft 5 (4.3.1910) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 5 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'' Nr. 5 man Nowakowskys Vortrag gehört hat. Wie hat der Mann geforscht! Er weist nach, daß Goethe Vorliebe für Parmesankäse hatte." Vater, Großmutter und Sohn lachen unbändig auf. Die Tochter (sehr gereizt): „Mit Euch ist nicht zu reden. Was wißt Ihr von Goethe?" Der Sohn (noch immer lachend): „Manche seiner Gedichte gefallen mir sehr gut. Besonders das von der Christel, die „etwas rund hat". Der „Gott und die Bajadere" ist auch nicht schlecht." Der Vater gähnt. Die Großmutter blättert in ihrem Romane. Die Tochter (exaltiert): „Nowakowsky verspricht in einem zweiten Vortrage über Goethes Verhältnis zu seiner Waschfrau, in einem dritten von seinen Beziehungen zu seinen Schneidern zu sprechen. Der Vortragende hat sich unsterbliche Verdienste um die Erforschung des sozialen, ethischen, nationalökonomischen, literarischen, kulturellen Lebens des 18. Jahrhunderts erworben. Goethe for ever . . . Ohne Goethe keine Kultur." Der Vater (in sehr gereizter Stimmung): „Kann mir dein Goethe den Hunger stillen?" Es läutet auf das energischeste. Die Mutter (überschlank, sehr modern gekleidet, gebogene Nase, neueste Frisur, Hut mit Federn, Größe eines Lokomotivrades): „Guten Abend, ich bin begeistert. Im Vereine „Beistand und Hilfe" hielt der Kandidat Dr. David Mondschein einen Vortrag über die Religion der Buddhisten. Dann kommen andere Völker und — endlich die Juden .. ." Die Großmutter (sehr trocken): „Die Juden kommen, nebbich, immer zuletzt." Die Mutter (schwärmend): Ein großer Mann, dieser Mondschein, mit seinem blassen Gesichte, dem germanischen Barte und der angenehmen, weichen Vortragsweise. Hat der gesprochen! Jetzt erst weiß ich, wie hoch das Werk Buddhas zu schätzen ist. Dieser Prinz, der zu den Bettlern herniederstieg, hat zuerst Tierspitäler eingerichtet. Welche Humanität! Wir alle, vom Vereine „Beistand und Hilfe" waren begeistert " Die GroSmutter: „Wirklich, Tierspitäler hat er eingerichtet? Und in Wien gibt es zu wenige Spitäler für die Menschen. Wie weit sind wir in der Menschlichkeit zurück" Der Vater: „Das sage ich auch. Da läßt man Hungrige auf das Abendessen warten und nur deshalb, weil der Sohn einen Vortrag über Richard Wagner, Zionismus und Turnen, die Tochter einen solchen über Goethe und Parmesankäse, die Frau einen über Buddhisten, oder wie die Herrschaften heißen, einen zum Bettler gewordenen Prinzen und Tierspitäler hören muß. Ist das eine Zeit! Zum Verrücktwerden." Die Großmutter (einfallend): „Wenn man es nicht schon ist." Der Vater (resigniert): Ich bin zwar sehr hungrig, aber wissen möehte ich doch, was für Vorteil alle diese Vorträge bringen? Wichtigtuerei, Großmannssucht, Mode, nichts als Mode, wie die großen Damenhüte mit den teueren Straußfedern." Der Sohn: „Du magst ja recht haben, Papa, aber man kann sich doch nicht über die verschiedenartigsten Fragen, die unsere Zeit bewegen, aus dieken Büchern Rats holen? Das bekommt man heute billiger und bequemer zu hören." Die Großmutter: „Du sagst wenigstens die Wahrheit, wenn du von der Bücherscheu sprichst. Man erkennt diese auch aus deinem letzten Ausweise. Religion ,genügend', aber Zionist ist man doch. Ein Zionist, der nicht hebräisch lesen kann. Ist das nicht zum Lachen?" Der Sohn: „Man sieht eben, daß du, Großmutter, von den Zielen des Zionismus keine Idee hast." Der Vater: „Jetzt fangt mir nicht zu streiten an. Eines steht fest: Durch die Vorträge, welche über die unmöglichsten Dinge handeln, wird nur die Oberflächlichkeit, andere bezeichnen dies mit einem stärkeren Worte, großgezogen. Vor allem weiß ich auch nicht, ob die Herren Vortragenden mit ihrem Thema ganz vertraut sind. Diese Levysohns, Nowakowskys, Mondscheins sprechen über Dinge, die sie selbst nicht gründlich kennen, mit einer solchen Anmaßung und Aufdringlichkeit, daß man alles selbstverständlich finden soll, was sie in ihrer inappellablen Weisheit verkünden . . . Hab' ich einen Hunger! Bekommen wir bald etwas zu essen?" Die Tochter (mit Verachtung): „Du gleichst dem Geiste, den du begreifst." Die Großmutter (energisch): „Jetzt keine Anzüglichkeiten! Lehrt dich dies dein Nowak, oder wie der Mensch heißt, der mit Goethe schlafen geht, während seine Zuhörerschaft mit Kopfweh aufsteht?" Der Sohn: „Großmutter macht doch immer die besten Witze. Ich verzeihe ihr deshalb, daß sie sich anzügliche Bemerkungen über meine Schulbildung und deren Beziehungen zum Zionismus erlaubte." Die Großmutter (lachend): „Wenn Ihr schon Goethe zitiert, so tue ich es auch und sage dir, mein Gelbschnabel: Du weißt wohl nicht, mein Sohn, wie frech du bist" Die Tochter und Mutter (zugleich): „Das ist ans Goethes Werken? Wo steht der^Satz?" Die Großmutter: „Fragt den Nowakowsky, der so gut weiß, daß Goethe Parmesankäse gerne aß. Oder den Mondschein, dem der Buddhismus wichtiger zu sein scheint, als das Judentum." Der Vater: „Jetzt sind der Worte genug ge^ wechselt, ich will auch einmal das Nachtmahl sehen." Der Sohn (frech): „Papa zitiert nun auch, rette sich, wer kann . . ." Das Nachtmahl wird aufgetragen. Fazit: Suppe versalzen, Braten angebrannt, die Kartoffeln „schäleten", nach dem Kennerinnenworte der Großmutter. Die Köchin erklärt feierlichst ihre Unschuld. Man ißt nämlich statt um 9 Uhr um mehr als eine Stunde später. Das haben die Vorträge getan. Es wird aber nicht besser werden. Denn nächstens hört die Tochter den Vortrag über Goethes Häuslichkeit II. Teil, und die Mutter den Mondscheins über die Religion der älfen Babylonier. Es ist ein Jammer ...! ^^^m^^mm^mmm^M Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration.

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