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Neue Nationalzeitung · 1910-03-04 · Heft 5 (4.3.1910) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 5 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5 Neue National-Zeitung" Seite 7 Schramek, Dr. S. R. Landau, Dr. Redlich und Dr. J. S. B loch. Gegenstand der Diskasion bildete die Frage, welche Haltung der Verein nunmehr gegenüber dem Kultusvorstand einzunehmen habe und ob in formeller Beziehung die Demission des Vorstandes nicht anzunehmen oder eine Neuwahl zu vollziehen sei. Die Stimmung der Versammlung war sehr oppositionell und hat insbesondere der Vorsteher der Pferdehändlergenossenschaft, P 1 a s c h k e s, in seiner bekannten kernigen Art unter stürmischem Beifall das ganze absolutistische Regime in der Seitenstettengasse charakterisiert. Dagegen suchte Kultusvorsteher Schramek als Delegierter vermittelnd einzugreifen, während Dr. I. S. Bloch, der wiederholt von der Versammlung unterbrochen wurde, zur „Einigkeit" mahnte. Der Vorsitzende Eltbogen erwiderte dem letzten Redner, daß er sich lieber mit dieser Mahnung an eine andere Adresse in der Seitenstettengasse wenden möge. Die Versammlung schloß mit der Neuwahl des bisherigen Vorstandes, der sich jedoch eine achttägige Bedenkzeit für die Annahme der Mandate vorbehielt, um in der Zwischenzeit neuerlich zu paktieren. Wir haben absichtlich den Bericht über diese Versammlung eines Tempel verein es so ausführlich gebracht, um zu beweisen, wie traurig es in Wien um die Leitung der jüdischen Gemeinde bestellt ist, wenn selbst so zahme, konservativ gesinnte Elemente in so mutwilliger Weise gezwangen werden, in Kampfesstellung zu treten und ihre Beschwerden in die Oeffentlichkeit zu tragen. SPRECHS/ldL. Der getaufte Ben-Tieber als Antisemit. Tit. Redaktion der „Neue National-Zeitung" Wien. Im Apollo-Theater (Dilektor Ben-Tieber) wird in der Variete-Nummer „Chantecler" eine Figur als Herr »Rebhuhn" gezeigt, welche fortwährend mauschelnde, das Selbstgefühl der Juden verletzende Aeußerungen macht, den Juden als hinterlistigen Verführer und als Feigling darstellt. Ich bitte Sie, dieses entsprechend beleuchtet in Ihrem Blatte zur Kern tnis des jüdischen Publikums zu bringen und dasselbe darüber aufzuklären, daß es doch sinnlos ist, wenn die Juden ihr gutes Geld hintragen, um sich dafür verlogene Sotisen und Beleidigungen sagen zu lassen. Hochachtungsvoll Ingenieur J. L. P. S. Wir glauben, daß hier überflüssig wäre, noch etwas beizufügen. Anm. d. Red. ^(JS AUEN WCßCEiLEN Moses Efraim Lilien, unser berühmter nationaler Künstler, hat in Gesellschaft seiner Gattin, die eine Tochter des Justizrates Magnus in Braunschweig und selbst eine Malerin ist, eine dreimonatliche Studienreise nach Palästina angetreten. Diese Reise gilt in erster Linie der Sammlung von Typen und historischem Material für den IV. Band seiner illustrierten „Bücher der Bibel", enthaltend „Richter" und „Könige". Herr Lilien hat sich auf der Durchreise nach Triest einige Tage in Wien aufgehalten und hat hier seinen ersten Besuch dem Herausgeber dieses Blattes abgestattet. Die Jaden und die türkische Sprache. Die ottomanischen Juden bemühen sich eifrig, die türkische Sprache zu erlernen, wozu schon wirklich höchste Zeit war. Zur Förderung dieser Bestrebung hat der Hilfsverein der deutschen Jaden eine Organisation geschaffen, die sich der Protektion verschiedener maßgebender Persönlichkeiten erfreut. Es sind Abendklassen in den Schulen des Hilfsvereines eingerichtet worden, die von dem Lehrpersonal der Schule und einem türkischen Offizier geleilet werden. Ueber 100 Schüler haben sich bereits zur Teilnahme gemeldet. Die Bettelei in New-York. In New-York ist eine Gesellschaft zur Bekämpfang der Wanderbettelei gegründet worden. Bei dieser Gelegenheit wurde ein Bericht über die Bettelei in New-York erstattet Darnach sind von den 9000 Bettlern in dieser Stadt nur 3 0 0 J u d e n. Diese sind meistens Krüppel und erwerbsunfähige Kranke. Bei den 300 jüdischen Bettlern sind auch die Personen mitgerechnet, die für Bildungs- und Wohltätigkeitsinstitutionen sammeln. Der Bericht konstatiert ferner, daß unter den Juden keine „professionellen" Bettler, die sich aus dieser Tätigkeit einen Beruf machen, und keine Betrüger und Schwindler gefunden wurden. Moses Leib LilienblliniS Leichenbegängnis fand Sonntag den 20. Februar statt. Sonntag gegen 2 Uhr nachmittags versammelten sich vor der Wohnung des Verblichenen seine Freunde und Verehrer und eine etwa zwanzigtausend Mann starke Menge, die die Straße und zum Teil auch die Nachbarstraßen stark überfüllten. Nachdem Rabbiner Polinkowsky und der Vorsitzende im „Rate der geistigen Verwaltung", Herr Kaufmann, an der Bahre von den großen Verdiensten des Verblichenen gesprochen und der Kantor der Hauptsynagoge mit dem Chor das „El mole rachamim" gebetet hatten, hoben Mitglieder des P a 1 ä s t i n ak o m i t e e s und Verehrer des Verewigten den Sarg auf ihre Schultern und trugen ihn so den ganzen langen Weg, von der immer mehr anwachsenden und zu einer riesigen Volksprozession sich gestaltenden Menge begleitet, nach dem Friedhof — mehrere Kilometer weit — mit einer kleinen Rastpause an der im Innern schwarz drapierten Hauptsynagoge, wo wiederum das Totengebet mit großer Feierlichkeit verrichtet wurde. Als die Trauerprozession auf dem Friedhof angelangt war, begannen die Abschiedsreden der Freunde und Verehrer des Verewigten. Es sprachen u. a.: Ussischkin, Klausner und S c h e i n k i n. Aus allen Gegenden der alten und neuen Welt kamen den Hinterbliebenen Beileidstelegramme zu. Das Odessaer Palästinakomitee beschloß, einen Fonds auf den Namen Lilienblums zu gründen, von dessen Zinsen die besten Lehr- und Lesebücher in hebräischer Sprache für Naturkunde überhaupt und Landwirtschaft im besonderen prämiiert werden sollen. Eine allgemeine rassisch-jüdische Organisation. Vom 18. bis 20. Februar fanden in Petersburg Beratungen von führenden Persönlichkeiten der russischen Judenheit statt. Im Vordergrund der Erörterungen stand die von den jüdischen Dumaabgeordneten ausgearbeitete G esetzesvorlage wegen Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons. Weitere Verhandlungspunkle bildeten die S a b b a t h r u h e, in Verbindung mit dem Gesetzesprojekt bezüglich des Ruhetages für Angestellte, und die Rabbinerfrage, im Zusammenhange mit der Rabbinerkonferenz. Betreffs der letztgenannten Frage wurde der Beschluß gefaßt, eine Enquete folgenden Inhalts abzufassen : Soll das gegenwärtig herrschende System der Trennung von Kultus- und Kronrabbiner beibehalten werden? Wenn ja — welcher Bildungszensus soll dann von den Rabbinern verlangt werden? Wie ist die Ausstellung von Rabbinerdiplomen zu regeln? Welche allgemein gültigen Bestimmungen sind für die Wahlen und die Gehälter der Rabbiner festzusetzen? Diese Rundfrage soll an alle kompetenten jüdischen Persönlichkeiten im Reiche versandt und in der jüdischen Presse publiziert werden. Die Erwiderungen sollen dann der im nächsten Monat stattfindenden Beratung zugrunde gelegt werden. Bis dahin sollen auch in allen größeren jüdischen

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