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Neue Nationalzeitung · 1910-03-04 · Heft 5 (4.3.1910) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 5 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 ,Neue National-Zeitting" Nr. 5 Diese Stellungnahme der neugebildeten sozialdemokratischen Partei zur Judenfrage hat die korrupten Politiker in Rumänien keineswegs aus dem Häuschen gebracht. Die antisemitische Presse leistete sich die unverschämte Frechheit, auf den perfiden Wortbruch Rumäniens hinzuweisen und höhnend zu verkünden, daß die Forderung, welche vom Berliner Kongreß nicht durchgeführt werden konnte, von einer Handvoll Sozialdemokraten noch viel weniger wird verwirklicht werden. Nur einen Mann gab es in diesem „Kulturstaate* an der unteren Donau, den die wiederaufgerollte Judenfrage nicht schlafen ließ, und das war der berüchtigte Kammerdeputierte Dumitru Mea Jorga, der bereits aus Oesterreich und aus Ungarn ausgewiesen wurde. Dieser selbst in .Rumänien, dem Eldorado der Antisemiten, größte und gemeinste Judenhasser brachte in der Kammersitzung vom 14t. Februar eine Interpellation ein, worin er unter dem Schutze des Immunität die niedrigsten Verleumdungen und gehässigsten Verdächtigungen gegen die jüdische Bevölkerung des Landes vorbrachte und schließlich seine Kammerkollegen aufforderte, gleich ihm ihre Wähler zu Judenpogroms aufzureizen. Daß der den Vorsitz führende Kammerpräsident Ferechydes den „illustren" Redner nicht zu unterbrechen versuchte, wird niemanden, der den parlamentarischen „Anstand" in Rumänien kennt, sonderlich wundernehmen, zumal auch in kulturell höher stehenden Staaten die parlamentarischen Sitten in letzterer Zeit leider immer mehr verrohen und immer gröbere Formen annehmen. Wozu in die Ferne schweifen? Man denke nur an die antisemitische Programmrede des tschechischen Abgeordneten Myslivec und an den Beifall klatschenden Parlamentspräsidenten P a 11 a i! ... Der rumänische Kammerpräsident Ferechydes applaudierte zwar nicht dem Herrn Jorga, aber er ließ ihn fast eine volle Stunde die unerhörtesten Beschimpfungen gegen die jüdische Bevölkerung vorbringen, ohne ihn auch nur ein einzigesmal zu unterbrechen und ihn aufmerksam zu machen, daß Angriffe auf wehrlose Abwesende parlamentarisch unzulässig sind. Aber auch nach einer anderen Richtung geschah in dieser rumänischen Kammersitzung etwas Ungewöhnliches. X-Interpellationen werden eingebracht und bleiben in der Regel unbeantwortet, nur auf die Judeninterpellation des Herrn Jorga glaubte der Ministerpräsident und Minister des Innern Jonel B r a t i a n u die Antwort nicht schuldig bleiben zu sollen. Er erhob sich gleich, nachdem Herr Jorga sich gesetzt hatte und gab von der Ministerbank aus folgende Regierungserklärung ab : „Es wäre im Interesse der Juden gelegen, den Feinden des Landes — id est den Sozialdemokraten — mit Nachdruck entgegenzutreten. Was die von Herrn Kollegen Jorga ausgesprochene Befürchtung anbetrifft, daß die Juden die Einberufung eines Nationalkongresses planen behufs Beanspruchung der politischen Rechte, kann ich den Herrn Vorredner vollständig beruhigen. Die rum'änische Verfassung gewährt Versammlungsfreiheit einzig und allein den Staatsbürgern. Dajedoch die Juden des Landes der weitaus größeren Anzahl nach Nichtstaatsbürger sind, so wird die Regierung dieAbhaltung eines jüdischen Kongresses auf rumänischem Boden unter keinen Umständen gestatten!" So wagte es Rumäniens Ministerpräsident, der erste Würdenträger dieses bankerotten Bojarenstaates, in öffentlicher Parlamentssitzung zu sprechen L Und die Signatarmächte — schweigen! . . . W. SfiDRReSPONDCNZffN Oesterreich-Ungarn. Generalversammlung des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines. Wien. Montag den 28. Februar fand eine außerordentliche Generalversammlung des Brigiüenauer israelitischen Tempelvereines statt, mit der Tagesordnung: Neuwahl des Gesamtvorstandes. Der Verlauf dieser Versammlung war folgender: Nachdem der Vorsitzende, Herr Herrn. Elt bogen, die Anwesenden und besonders den Vertreter des Kultusvorstandes, Herrn Adolf Schräme k, die Vertreterinnen des Brigittenauer Frauen-Wohltätigkeitsvereines, Frau Dr. W e i ß und Dr. Roth sowie die Herren Dr. S. R. Landau und Dr. Bloch begrüßt und einige einleitende Worte gesprochen hatte, erteilte er das Wort dem Vorstandsmitgliede Josef K o h n zur Erstattung des Referates. Der Referent bezeichnete nun als den einzigen Grund, weshalb alle zwölf Vorstandsmitglieder die Mandate vorzeitig niedergelegt haben, die Art und Weise, wie der Kultusvorstand Eingaben, resp. Wünsche des Vereines behandelt, resp. ignoriert. Diese Wünsche gehen dahin, daß im 20. Bezirke eine eigene Bezirkskommisson gebildet werde oder, wenn dies nicht möglich wäre, daß diesem Bezirke ein Drittel der Kommissionsmitglieder für den 2. und 20. Bezirk entnommen werde. Auf diese Eingabe hat der Vorstand keine Erledigung erhalten. Die zweite Beschwerde betrifft die Rabbinerfrage. Seit dem Bestände unseres herrlichen Gotteshauses seit nahezu zehn Jahren bildete die Lösung dieser Frage für uns den Gegenstand ernstester Erwägurgen und Bemühungen; gleichwohl gelang es uns 'mangels Entgegenkommen seitens des Kultusvorstandes in den Jahren 1900 bis 1910 nicht, in dieser Frage einen Schritt nach vorwärts zu tun. Die Brigittenau, die mehr Juden zählt als die Innere Stadt, (11.800) hat einen halben Rabbiner. Es kam nämlich im Jahre 1907 zwischen dem Kultusvorstand und dem Verein für ein Jahr ein Uebereinkommen zustande, wonach Herr Gemeinderabbiner Dr. Armin A b e 1 e s unter Beibehaltung seiner Stellung als Vereinsrabbiner des Tempels im 3. Bezirke nach einem festgestellten Turnus abwechselnd mit einem Rabbinatskandidaten die „rabbinischen Funktionen" im Brigittenauer Gotteshause zu versehen habe. Dieses Uebereinkommen wurde im Jahre 1908 auf ein weiteres Jahr bis Ende Juni 1909 verlängert. Im Juni 1909 wollte der Kultus vorstand diesen Vertrag auf weitere drei Jahre verlängert haben, der Verein war nur noch bereit, es nur für ein weiteres Jahr zu verlängern. Einen dritten Beschwerdepunkt bildet die Behandlung unseres Subventionsgesuches Auf Grund einer dreijährigen Durchschnittsberechnung unserer Gebarungsergebnisse beanspruchte dei Verein Ende Dezember 1909 für das laufende Vereinsjahr eine Subvention von 6850 Kronen. Der Kultusvorstand bewilligte jedoch eine Subvention von nur 5000 K. Diese fortwährende Brüskierung veranlaßte den Vereinsvorstand zur Niederlegung der Mandate, worauf die Vorstandsmitglieder des Vereines, Dr. Eltbogen und Weiner zu einer Besprechung vom Präsidenten Dr. Stern eingeladen wurden. Dieselbe nahm jedoch ein vorzeitiges Ende. Der greise, abgeklärte Präsident fand es für notwendig, zum besseren Nachdrucke für seinen ablehnenden Standpunkt auf den Tisch zu schlagen, weswegen es Herr Eltbogen für gut befand, das Zimmer zu verlassen. An dieses mit Beifall aufgenommene Referat schloß sich eine lebhafte Debatte, an welcher sich unter andern folgende Herren beteiligten: Michael Engel, Hermann P1 a s c h k e s, Dr. Heinrich Schreiber, Kultusvorsteher

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