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Neue Nationalzeitung · 1910-03-04 · Heft 5 (4.3.1910) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 5 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung' Nr. 5 Gemeinden die Wahlen für die allgemeine russischjüdische Organisation vorgenommen werden, als deren Hauptaufgabe die einheitliche und planmäßige Regelung aller innerjüdischen Fragen gedacht ist. Rabbiner Schiuelkes bei einer Militärfeier. Vor kurzem beging das in Przemysl stationierte 77. Infanterie- Regiment seine 50jährige Jubiläumsfeier, zu der auch der Rabbiner Schnielkes eingeladen wurde. Dieser wurde befragt, welche Speisen für ihn vorzubereiten seien, worauf er erklärte, daß er bloß Früchte und Bier genießen werde. Am Festtag versammelten sich die achtzig jüdischen Soldaten des Regiments in der Synagoge, wo der Rabbiner eine Ansprache an sie richtete und sie zu Liebe und Treue für Kaiser und Reich ermahnte. In der Kaserne wurde der Rabbiner von den Offizieren mit großen Ehren empfangen. Gegen Abend entschuldigte sieh der Rabbiner und begab sich für kurze Zeit in ein anderes Zimmer, wo er das Mincha- Gebet verrichtete. Während des darauffolgenden Banketts unterhielten sich die anwesenden Geistlichen eifrig mit dem Rabbiner, wobei der Korpskommandant bemerkte : „Es freut mich sehr, daß die drei Konfessionen sich friedlich mit einander unterhalten. Es ist auch unser Bestreben, in der Armee jeden Konfessionsunterschied zu verwischen." Schön wär's schon, aber .... Die Zulassung der Juden zur Advokatur in Russland steht auf der Tagesordnung der Reichsduma. Eine Anmerkung zum Paragraphen 380 des Regierungsentwurfs über die Gerichtsreform besagt, daß Juden nur mit Erlaubnis des Justizministers zur Advokatur zugelassen werden können. Die Justiz-Kommission der Duma beantragt dagegen die Streichung dieser Anmerkung und schlägt vor, jede Beschränkung für jüdische Advokaten zu vermeiden. Die Erörterung dieser Frage in der Duma selbst wird sicherlich zu heißen Kämpfen Veranlassung geben. Der „echtrussische" Abgeordnete Kowolenko hat bereits den Antrag eingerachl. daß Juden nur bis zu 10 Prozent der an einem Gerichte wirkenden Advokaten zugelassen werden sollen. Ein anderer Vorschlag desselben Abgeordneten wendet sich gegen die jüdischen Advokaten-Gehilfen, die sämtlich von der Tätigkeit an den Gerichten ausgeschlossen werden sollen, sofern sie nicht dazu bereits eine spezielle schriftliche Erlaubnis von der Behörde besitzen. Eine solche Erlaubnis wurde immer nur mit Einwilligung des Ministers erteilt, und Juden fast stets versagt. Die Annahme dieses Antrages würde demnach die Ausschließung sämtlicher jüdischen Advokaten-Gehilfen von der Tätigkeit am Gericht bedeuten. Die Lügen des Renegaten Lessing haben die weitesten Kreise der reichsdeutschen Judenschaft mit Empörung erfüllt. Als Sühne hiefür wird sogar in mehreren Vereinen und Lesehallen der Boykott der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in Erwägung gezogen. So wurde in der Hauptversammlung des „Vereines für jüdische Geschichte und Literatur" in Königsberg i. P. folgender Antrag eingebracht: „Der Vorstand wird beauftragt, bis auf weiteres von einem Abonnement auf die ,Allgemeine Zeitung des Judentums' abzusehen." öeber diesen Antrag entspann sieh eine lebhafte Debatte. Schließlich wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen: „Die Versammlung spricht ihre Mißbilligung über den Artikel von Gebeimrat Ludwig Geiger über Schulfeiern und die Artikel von Th. Lessing über die Juden inGalizien a u s, sieht aber von der angeregten Einstellung des Abonnements der ,Allgemeinen Zeitung des Judentnms' ab." Rabbiner Feiwel Rohatyn in Zloczöw ist am 22. Februar, 52 Jahre alt, verschieden. Der Verstorbene war ein hervorragender Talmudist und auch in modernen Disziplinen gebildet. Er war der einzige ortodoxe Rabbiner in Galizien, der die Maturitätsprüfung bestanden hat. Sein bedeutendes Vermögen machte ihn nach jeder Richtung unabhängig; er nahm auch keinen Anstand, wiederholt seine Sympathien für den Zionismus zu bekunden. ,,Ueber die israe Ii tische (jfsehiclitschreibungim biblischen Zeitalter" sprach der Austausehprofessor der Harvard- Universität Dr. George Moore in der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums. Abgesehen von den Chinesen — so etwa führte er aus — haben nur zwei Volksstiimme, die Griechen und Israeliten eine historische Literatur im eigentlichen Sinne aufzuweisen. Aber auch zwischen ihnen beiden gebührt der Vorrang in Bezug auf Selbständigkeit der Auffassung und Darstellung, auf Gründlichkeit der Forschung, Zuverlässigkeit der Tradition ohne Frage den Juden. Während Assyrer und Babylonier die wichtigsten Etappen ihrer Volksgeschichte in oberflächlichen Annalen niederlegten, erstanden den Israeliten — etwa um die Zeit der Gründung des Königtums, der Befreiung vom Philisterjoch imposante Geschichtschreiber, die die historische Entwicklung völkischer Eigenart mit großzügigem Blick begleiteten, in großzügiger Weise festlegten. — Die Uranfänge solcher Geschichtsschreibung finden wir im Buche S a m u e 1 i s, das die Historie des Hauses David umfaßt: auch über die Könige Saul und Jonathan wird schon berichtet Dann greift der Chronist auf frühere Zeiten zurück, bucht die Leiden Israels unter ägyptischem Joch, den sagenhaften Zug durchs Kote Meer — Mose Erscheinen und seine Verkündigung der göttlichen Gebore. Der interessantere Teil der Ausführungen beschäftigte sich mit den künstlerischen (Qualitäten dieser Geschichtsschreibung. Zwar konnte Professor Moore in dieser Hinsicht nichts wesentlich Neues vorbringen, formvollendet aber war seine kritische Analyse. Nicht mündliche Ueberlieferung allein, so glaubt Moore, nur systematische Beschäftigung mit dem sprachlichen Kunstmaterial, ein bewußtes Streben nach stilistischer Keife und Präzision ist imstande, eine so plastische Darstellung des Tatsachenmaterials zu erreichen. Allergrößte Sparsamkeit, Schlichtheit des Wortes erzielt den erhabensten Ausdruck des Affekts. Nicht die heute so beliebte, naturalistische Kleinmalerei, der umständliche Apparat psychologischer Analyse — nur die sinnfältige Verkörperung jener, in der Phantasie erzeugten und darum einzig wahrhaften Vorstellungsbilder feiert hier ihren ungeahnten Triumph. Die Israeliten — so wollte Professor Moore mit dieser Würdigung wohl andeuten — strebten bewußt jene Synthese künstlerischhistorischer Darstellung an, die den weltbedeutenden Charakter ihrer biblischen Niederschrift ausmacht. Die Icn-Expedition nach Mesopotamien. Vor kurzem hat die von der Ica ausgeführte Expedition zum Studium der Kolonisationsmöglichkeiten in Mesopotamien ihre Keise angetreten- Zu den Mitgliedern der Expedition gehört auch der Lodzer Agronom Akiba Et.tinger, der seit Jahren in Diensten der Ica steht und sich besonders um die jüdischen Kolonisten des Chersoner und Podolier Gouvernements in Kußland sehr verdient, gemacht hat. Herr Ettinger sandte nun dem „Lodzer Taglatt" über seine Koise den ersten Bericht, dem Avir Folgendes entnehmen : Meine Keise hieher ging zu Meer über Aegypten und Indien. Von Bassora, der ersten Stadt Mesopotamiens, fuhr ich teils per Schiff, teils zu Pferde ungefähr 800 russische Meilen bis Bagdad. Das Land ist durchwegs unbebaut, man kann sagen, eine Wüste, aber der Boden ist sehr fruchtbar, genau so, wie in uralten Zeiten. Die Engländer sind hier schon fleißig an der Arbeit und beginnen mit der Gründung großer Unternehmungen. Die Kultur von Baumwolle, Keis und Kohrzucker können hier die Quelle immenser Keichtiimer werden. Ob es den russischen Juden lohnt, hieher zu emigrieren, ist eine Frage, auf die ich jetzt noch keine entschiedene Antwort geben kann. Unsere Expeditionskommission wird ihr Urteil erst nach Abschluß der genauen Erforschung der ökonomischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes abgeben. Wie lange wir noch in Mesopotamien bleiben, ist unbestimmt, doch hoffen wir anfangs Sommer wieder in Kußland zu sein. In den Wintermonaten ist das Leben hier sehr gesund. Wir sind im Jänner und und hier ist es sehr warm. Des Morgens haben wir 10—12 Grad Wärme und am Tage ist es recht heiß. In einem Monat beginnt der Frühling und im März-April schon Sommer. Im Sommer erreicht die Hitze mitunter 50 Grad Celsius im Schatten. Ich weiß nicht, ob die Hitze zu ertragen sein wird. Tatsache ist, daß die Europäer sie ganz gut vertragen, da das Klima in Mittel-Mesopotamien sehr trocken ist.

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