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Neue Nationalzeitung · 1910-03-04 · Heft 5 (4.3.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 5 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 „Neue National-Zeitung" Seite 5 spesen, selbst in der Höhe, wie sie eben in der Bilanz ausgewiesn sind, als nicht unbeträchtlich zu bezeichnen sind. Will die „Kredit-Union" wirklich das sein, wozu sie eigentlich berufen ist: e i n j ü d i s c h e s V o 1 k si n s t i t u t, so kann sie es nur dann sein, wenn sie den Volks- und nicht den Interessen Einzelner dienen wird. Die Vorgänge, die sich am 20. v. M. in der Generalversammlung abgespielt haben, die zutage getretenen berechtigten Beschwerden einzelner Mitglieder, und die antidemokratischen Anträge, die seitens der Leitung eingebracht wurden, beweisen zur Genüge, daß wir im Interesse der galizischen Judenschaft handeln, wenn wir die Herren der „Kredit-Union" noch rechtzeitig auf den falschen Weg, den sie inauguriert haben, aufmerksam machen. Sehr charakteristisch für die Art der Leitung dieser hauptsächlich von zionistischen Institutionen und zionistischen Parteifreunden ins Leben gerufenen Kreditgenossenschaft ist der Umstand, daß in der erwähnten Generalversammlung Stimmen laut wurden, die über Zurücksetzung der zionistischen Genossenschaftsmitglieder Beschwerde führten. Es soll uns freuen, wenn es uns bei der nächsten Besprechung möglich gemacht wird, das Institut in einem anderen, besseren Lichte darzustellen. Dr. Rüben Bierer: Perez Smolensky (Erinnerungen zu dessen 25. Todestage.) Ich schicke voraus, daß ich meine Vaterstadt Lemberg im Jahre 1879 verließ und meinen ärztlichen Beruf sowie meine politische Tätigkeit im Vereine „Schomer Israel" abbrach, um in Wien die medizinischen Studien aufzunehmen. Von Lemberg aus haben mich zwei Persönlichkeiten Wiens interessiert: Der jüdische Bibliograph Ch. D. L i p p e und Perez S m olensky, mit welchem ich auch während der ganzen Zeit meines Wiener Aufenthaltes in ständigem Verkehr stand. Perez Smolensky, ein russischer Ghettojude, schien mir auf den ersten Blick gut situiert gewesen zu sein. Er leitete die hebräische Druckerei Brog in Wien, woselbst er meistens anzutreffen war,und er empfing mich sehr freundlich. Viel ließ sich mit Smolensky nicht verkehren, da er zumeist von verschiedenen Missionären in Anspruch genommen war. Diese, höchstwahrscheinlich seine Landsleute, haben ihre Traktätchen bei Brog erscheinen lassen. Die böse Welt legte, wie ich später erfahren sollte — dem seligen Smolensky die Vaterschaft dieser Traktätchen zur Last. Jedoch will ich diesen Verdacht nicht teilen und annehmen, daß er bloß die Korrektur besorgte, was ja sein Amt war. Uebrigens haben ja die Missionäre in ihrer Mitte gediegene hebräische Schriftsteller aufzuweisen. Konnte ich auch nicht meinen ursprünglichen Plan realisieren — einen Schomer-Israel-Verein in Wien zu gründen, so kamen uns das jüdische Massenelend und die Massenmassakres in Rußland und Rumänien zu Hilfe. Ich machte Smolensky den Vorschlag, einen Verein zu gründen, welcher sich mit der Kolonisierung des Heiligen Landes befassen und den Emigrantenstrom dorthin leiten würde. Er stimmte bei, doch machte er mir gleichzeitig Mitteilung, daß er vor einigen Wochen ein diesbezügliches Memorandum, acht Bogen stark, dem Wiener Kultusvorstande überreicht hat: ohne jedes Resultat . . . Die weitere Geschichte dieses Vereines, „Ahawas Zion", gehört nicht direkt hieher; ich füge bloß bei, daß Perez Smolensky ins Gründungskomitee gewählt wurde, während Rabbiner Spitzer das Präsidium und ich die Verwaltung übernahm. Wie ich beifügen möchte, arbeitete mit uns neben Smolensky auch Ben Jehuda, welcher sich bald meiner ärztlichen Untersuchimg unterziehen mußte und von mir den Rat erhielt, stante pede Druckerei und Europa zu verlassen, um nach Palästina zu ziehen, was er auch tat. Anders unser Perez, welcher mit dem Todeskeim in der Brust noch eine Zeitlang arbeiten mußte. Krank schon versah derselbe seinen Beruf. Unter seiner Aufsicht und Mitarbeit wurden die Statuten des ersten jüdischen Kolonisationsvereines Ahawas Zion gedruckt und etwa ein halbes Jahr ciarauf luden wir ihn ein zur Gründungssitzung der „Kadimah". Schon waren wir mit der Statutenredaktion fertig, als uns der Name dieses ersten jüdischen Akademikervereines Schwierigkeiten bereitete. Das Werk sollte vertagt werden, bis ein passender Name gefunden würde. In dieser Verlegenheit erscheint Perez Smolensky, der Hebräer, und nahm neben mir Platz. Bald erfuhr er von unserer Verlegenheit. Ohne viel zu überlegen, meinte er: Vielleicht wird euch, meine Herren, der Name „Kadimah" recht sein: Das hebräische »Ostwärts4, die Weltgegend, wo unser Vaterland liegt, aber auch „Vorwärts". Ein frenetischer Jubel entrang sich unserer kleinen Gründerschar. Ein Tusch auf den wackeren Helfer in der Not wurde ausgebracht. Man leerte die Biergläser auf das Wohl des Meisters des hebräischen Wortes. Es war dies seine letzte Leistung für die jüdisch-akademische Jugend. Sie hat Früchte getragen. Was immer in der modernen jüdischen Nationalarbeit geleistet wurde—es bewegt sich in den zwei Worten „Kadimah"—„Ahawas Zion". Weniger Freude an der Arbeit Smolenskys fand die Schiffschulpartei; sie nahm leider Anstoß, mit Smolensky bei einem Tische zu sitzen. Rabbiner Spitzer trat bald vom Präsidium zurück, wegen Smolenskys Verkehrs mit den Missionären. Kurze Zeit darauf starb er. Die Judenfrage in der rumänischen Jammer. Vor wenigen Tagen hat in Bukarest der erste Kongreß der neugebildeten sozialdemokratischen Partei stattgefunden, an welchem zahlreiche Delegierte aus 18 Städten des Landes teilnahmen. Gleich am ersten Kongreßtage meldete sich ein gewisser Galiu zum Worte und beantragte, in das Parteiprogramm einen besonderen Absatz einzufügen, mit der Forderung der Gleichberechtigung der rumänischen Juden. Nach längerer, überaus heftiger Debatte, an welcher sich mehrere Pro- und Kontraredner beteiligten, wurde schließlich ein diesbezüglicher Passus in folgender Form angenommen : „Die Emanzipation der eingeborenen Juden, welche von unseren ersten liberalen Generationen verlangt und noch vor 30 Jahren von Europa bindend und feierlichst versprochen wurde, wird von der rumänischen sozialdemokratischen Partei in ihr Programm eingeschrieben, weil die rumänische Sozialdemokratie gleich derjenigen aller anderen Nationen gegen jede Ausbeutung und Unterdrückung kämpft, ob sie nun gegen eine Klasse, eine Partei oder einen Volksstamm gerichtet ist!"

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