Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 „Neue National-Zeitung' Seite 3 auf der Tagesordnung stand; während der Budgetdebatte, als alle Parteien und Klubs ihre Wünsche darlegten, blieben die fünf Juden stumm, wie wenn sie dafür bezahlt wären. Die Vertreter von 800.000 Juden hatten gar keine Wünsche.. . . Wann werden endlich die galizischen Juden diese gewissenlosen Streber zum Teufel jagen? * Die Juden haben in gleich freudiger Stimmung ill Bosnien und ^e Proklamation der neuen Ver- Herzegowina fassung wie alle anderen Einwohner - unserer neuen Reichsländer vernommen. Die Grundsätze der neuen Verfassung werden auch ihnen zugute kommen. Sie sind freiheitsliebend, intelligent, zum großen Teil auch politisch reif; sie werden daher die Vorzüge der konstitutionellen Regierung zu schätzen wissen. Allerdings wollen wir hoffen, daß die Verfassung bezüglich der Juden nicht bloß ein Stück Papier bleiben wird, wie es anderweitig der Fall ist. Die Juden haben sich in Bosnien und Herzegowina sehr große Verdienste um die wirtschaftliche Hebung dieses Landes erworben; eine kluge Regierung wird solche Elemente durch Wohlwollen, Entgegenkommen und Förderung stets in guter Stimmung zu erhalten suchen. Eduard Kaufmann: „Bezalel". (Nach einem Gespräch mit Prof. Boris S c h a t z.) „Wohl sind nur wenige Wochen verstrichen, seitdem ich Palästina verlassen habe, und doch ist mir schon weh ums Herz, glaubt mir's Herr! Noch kein Stückchen Himmel habe ich gesehen; nur trübe Wolken, grau in grau, eintönig, melancholisch. Dort unten aber bei uns erhebt sich ein tiefblauer Himmel und ewig lächelt reine Güte aus dem Himmelsauge. Die Sonne scheint so warm und uns ist so wohl. Wir leben wieder auf." So sprach der wackere Mann. Wie seltsam mutet uns da die Frage an: Warum gerade Palästina? Weil uns die Heimat ruft, weil dort aus jedem Winkel zu uns die Vergangenheit spricht. Und sie übt einen ganz eigenen Zauber aus. Deshalb gründeten wir dort unsere Kolonien. Und deshalb wurde auch der Bezalel in Jerusalem gegründet. Die Kunst soll sich hier begeistern an der Erhabenheit des Vergangenen, gleichzeitig aber auch an der glühenden Farbenschönheit des Orients. Idealistik und Realistik! Auch sollen die Juden hier freier schaffen, unbeirrter und unbeeinflußter von den Strömungen der europäischen Kunst; ein individueller, spezifisch jüdischer Stil soll sich hier entwickeln. Aber kein Kunstghetto. Vergangenheit und Gegenwart vereint, sollen eine herrliche Zukunft schaffen. Deshalb nannten die Schöpfer ihr Werk „Bezalel", nach dem Namen des ältesten jüdischen Künstlers, der die Ausstattung des ersten Tempels vollführt hatte. Auf einem der höchsten Punkte Jerusalems liegt das Gebäude des Bezalel, „damit die Kunst dem Himmel näher sei." Als vor 3Y2 Jahren der Jüdische Kolonisationsverein dieses Haus den Gründern mietsfrei zur Verfügung stellte, da mochte er bange und besorgt der künstlichen Entwicklung des Bezalel entgegensehen. Nun sind JaDre verflossen. Welch kleine Spanne Zeit in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit und doch bedeutend, wenn in ihr Bedeutendes geschaffen wurde. In der Tat, der Bezalel hat verhältnismäßig 'Hervorragendes geschaffen und die schönen Proben seines Könnens haben wir erst jüngst in Wien gesehen. Sie sind doppelt bewundernswert, wenn man die kurze Zeit und die geringen Mittel des Vereines berücksichtigt. Nun, da er seine Leistungen gezeigt, hegt er die berechtigte Hoffnung, daß man seine Bestrebungen fördern wird. Der Bezalel soll die Kehrseite i,um Turme von Babel werden. Höher immer höher soll er wachsen, aber nicht zum Hohne, sondern zum Ruhme des Schöpfers und sie alle, die da in den mannigfaltigsten Sprachen redeten, sollen sich verstehen lernen, um sich dann auch verstehen zu können; eine Sprache soll sie einigen: das Hebräische. Denn alle nimmt der Bezalel auf. Ob verjagt aus Rußland und Rumänien oder durch Not getrieben aus Jemen und Galizien und den übrigen Ländern, alle finden den Bezalel gastlich geöffnet, alle heißt er freundlich willkommen. Möglichst entsprechend ihrem früheren Berufe gibt er ihnen Beschäftigung. Alle widmen sich ibr mit Lust und Freude. Welch erhebender Anblick, wenn wir die Arbeitsräume betreten. Bald sind wir im Atelier für Silberarbeiten. Da sitzen alte Männer, mit 50 Jahren, und noch älter; sie haben ihr Heim verlassen müssen. Einige waren früher Thoraschreiber; damit sie nicht ganz die heilige Beschäftigung vergessen, fertigen sie jetzt Thoraschmuck aus Silber an. Aber dabei wird das Praktische nicht übersehen. Sie arbeiten hiei an Bechern, Tellern, Zigarettentaschen und verschiedenen Nipps, lauter Filigranarbeit. Jedes einzelne Stück ist sorgfältig und schön gearbeitet. Wir betreten das „K u p f e r a t e 1 i e r", wie es kurzweg bezeichnet wird. Derbere Arbeit, Kessel, massive große Teller, mächtige Krüge, teils kunstvoll verziert. Ueberall sehen wir höchst originelle Gestalten; allen ist eines gemeinsam: der Schmerz, der sonst so deutlich aus dem Auge des Juden spricht, ist hier nicht zu bemerken, alle umspielt ein sanfter Zug der Befriedigung. Können sie ja jetzt ruhig leben, die stete Angst und Sorge jagt und quält sie nicht mehr. Und dann! Sie sind der Sorge um ihre Familie jetzt enthoben. Wieder öffnet sich eine Tür. Männer und Frauen, Knaben und Mädchen sind mit Teppicharbeiten beschäftigt. Vor ihnen liegt ein Teppich als Modell. Aber zumeist entlehnen sie der Vorlage nur das Muster, die Zeichnung. Die Farbenzusammenstellung rührt von ihnen selbst her. Vor allem aber erregen die Teppiche unser Augenmerk, deren Zeichnung von den Arbeitern angefertigt wurde. Da sehen wir Jüdische Motive, entzückend stilisiert, Menorahs, Esrogim, dann wieder alte Gebäude, Stätten jüdischer Vergangenheit. Die Arbeiter sitzen nun, knüpfen und knoten emsig, wochen-, monatelang, bis das Werk vollbracht ist. Ursprünglich infolge ungenügender Arbeitskraft und schlechten Rohmaterials mangelhaft, gestaltet sich die Teppichwirkerei in rascher Zeit mit der besseren finanziellen Lage der Schule ungemein günstig und das Streben geht dahin, gleichwertige Teppiche, wie die persischen herzustellen. Wir steigen höher! Vom Kunsthandwerk zur Kunst. Diese Ateliers sind nur von einigen Auserlesenen besucht. Fleißig wird da gemalt und gezeichnet. Die Schulung geht ganz nach moderner Art vor sich, vom einfachen Stilleben zur Darstellung des menschlichen Körpers und zur Komposition von größeren Bildern. Es ist staunenswert, wieviel Schönes da geschaffen wird. Allerdings darf man nicht zu strenge Kritik üben. Dürfen wir ja nicht vergessen, daß noch alles im Werden begriffen ist. Auch Lithographie wird betrieben und ein wenig Plastik. Und wieder ist der Bezalel praktisch. Er verfertigt selbst die Rahmen zu seinen Bildern, vom schlichtesten Muster bis zur kunstvoll eingelegten Arbeit. So herrscht im Bezalel ein reges Arbeiten, Bilden und Schaffen; denn alle drei Stufen des menschlichen Könnens, des menschlichen Geistes sind dort vertreten. Gegen 200 Personen sind bereits in der Schule tätig, darunter mehr als 50 Familienväter, so daß eine ganze Reihe von Familien versorgt ist. Vom ersten Tage bekommen sie für ihre Arbeit bezahlt, nur für ihre Arbeit, denn der