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Neue Nationalzeitung · 1910-03-04 · Heft 5 (4.3.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 5 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr 5. und kämpft, während hier bloß einige Abgeordnete, die auf dem jüdisch-nationalen Schilde in die Höhe gelangt sind, deren Wahl ein seltenes Maß von Mut erforderte und viele Familien-Existenzen in den Ruin stürzte, in selbstgefälliger Weise die Parlamentsfauteuils abdrücken, ohne bisher den Beweis erbracht zu haben, daß sie die für ihr hohes Amt unerläßlichen Eigenschaften, wie Fleiß, Eifer, Opferwilligkeit, Wissen und — Mut besitzen. Man erlasse mir, die bisherige „Tätigeit" des Jüdischen Klubs; noch eingehender zu analysieren. Es kann ihm nicht einmal die Wohltat jenes Spruches zugebilligt werden, der da sagt, daß es genüge, das Große gewollt zu haben. Die Herren wissen ja gar nicht, was sie wollen . . . Wir sind um eine Enttäuschung reicher. Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen haben die jüdischen Volksmassen den Eintritt jüdisch-nationaler Abgeordneter ins Parlament und dann die seit vielen Jahren heißersehnte Begründung eines jüdischen Klubs begrüßt! Diese Hoffnungen und Erwartungen sind alle wie eine Rauchwolke zerronnen. Kein Wort des Trostes, der Aufmunterung, der Aneiferung kommt den Volksmassen von jener Tribüne zu, die sie zu erobern mitgeholfen haben; niemand zeigt ihnen den Weg, niemand gibt ihnen das Losungswort. Die drei Mitglieder des Jüdischen Klubs schmollen mit ihrem Obmann. Es wäre aber gefehlt, aus dem Fiasko des ersten Jüdischen Klubs etwaige Konsequenzen gegen dessen Notwendigkeit oder Lebensfähigkeit zu ziehen. Oder wenn man gar die in anderen Klubs zerstreuten „Hausjuden" als Muster hinstellen wollte, wiewohl sie den jüdischen Interessen ganz passiv, ja, sogar fremd gegenüberstehen, und lediglich persönliche Geschäfte bei der Ausübung ihres Mandates im Auge haben ... Der Jüdische Klub ist für das jüdische Volk eine Notwendigkeit, sowohl vom wirtschaftlichen, als auch vom politischen Gesichtspunkte. Wenn die Männer, die jetzt darin sitzen, zum größten Teile ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, so wird man sie eben entfernen müssen. An einem Ersatz wird es nicht fehlen. Sie sind nicht hinaufgekommen, weil man keine anderen hatte, sondern weil sie der Zufall emporgeschwemmt hat. Darin liegt die Tücke der politischen Wahlen. Dr. Straucher, dem selbst seine ärgsten Feinde kluge Taktik, warmes, jüdisches Empfinden und eine eiserne Arbeitskraft nicht absprechen werden, hat das Recht, vom jüdischen Volke zu verlangen, daß es ihm verläßliche, brauchbare Mitarbeiter zur Seite stellt. Sonst wäre es besser, daß sich der Klub auflöst, statt ein solches Scheindasein zu rühren. L. M^" Unsere Freunde und Gesinnungsgenossen werden gebeten, in den Caf 6s und Restaurants die „Neue National-Zeitung" zu verlangen! POLITISCHE RWDSCH/W. Dr. Nathan Birnbaum feiert sein 25jähriges Schrift>tellerjubiläum. Wir wollen aus diesem Anlasse jener Verdienste gedenken, die Dr. Birnbaum als einer der ersten Propagatoren der jüdisch-nationalen Idee hat, denn sie übertreffen weitaus seine rein schriftstellerische Tätigkeit. Seine vor 25 Jahren begründete „Selbstemanzipation" bildet einen Markstein in der Geschichte der jüdisch-nationalen Bewegung. Sie hat die assimilatorisch gesinnte oder zum nationalen Bewußtsein noch nicht erwachte jüdische Jugend dem jüdischen Volke wieder erobert; sie war für die jüdische Jugend eine Erzieherin und Wegweiserin; sie hat die Kerntruppen für die Armee Dr. H e r z 1 s vorbereitet. Daß er später aus Neid und Rivalität verdrängt wurde, war ein Undank, von dem er aber nicht allein betroffen wurde. August Bebel ist 70 Jahre alt geworden und Millionen Proletarier feiern voll Jubel dieses Ereignis. Der einfache Drechsler Bebel hat sich durch seine imposante Rednergabe und durch sein Organisationstalent eine hervorragende Führerstelle in der deutschen Sozialdemokratie erobert. Es wird aber übersehen, daß er in erster Linie ein Vollstrecker des wissenschaftlichen Testaments von Marx und des politischen Testaments von Lassalle war. Und darum war er nicht bloß kein Antisemit, sondern er verpönte wiederholt in Reden, Artikeln und Interviews die versteckten Angriffe und offenen Anpöbelungen, wie sie zum Beispiel bei den getauften Führern der österreichischen Sozialdemokratie üblich sind. Erst jüngst — im Jahre 1906 — hat Bebel am sozialdemokratischen Parteitag in Berlin eine Rede gehalten — erschienen im Verlag der Buchhandlung Vorwärts unter dem Titel „Sozialdemokratie und Antisemitismus" — in der er die ganze Rohheit des Antisemitismus klarlegte und die Arbeiter davor warnte, sich für die niedrigen Ziele der antisemitischen Parteien mißbrauchen zu lassen. Bebel sagte damals: „Der Antisemitismus wird heute von den verschiedensten Parteien und Personen als Abzugskanal benutzt, um die Aufmerksamkeit von der eigenen volksfeindlichen Handlungsweise, von der auf Zerstörung von Bauern- und Handwerkerexistenzen gerichteien Tätigkeit abzulenken. Der Haß gegen die Juden muß den Deckmantel hergeben für alle möglichen Niederträchtigkeiten, die man selbst begeht, den Juden aber ankreidet." In Oesterreich hat sich noch kein sozialdemokratischer Führer ähnlich geäußert. Wir wünschen der deutschen Sozialdemokratie, daß ihr die edle Gestalt Bebels noch lange voranleuchte. Als stumme Abgeordnete können die fünf Israeliten im galizischen Landtag bezeichnet werden. Vierzig Tage währte die galizische Landtags-Session und die zwei Redner, die sich mit den Juden beschäftigten, hießen: Statthalter Bobrzynski und Abgeordneter T e r t i 1. Die „Mosaisten" hatten andere Sorgen. Dr. Ignatz Landau (Krakau) beschäftigte sich mit der Teuerungsfrage, Dr. Löwenstein (Lemberg) referierte über die zu gründende Industriebank und Dr. Kolischer (Handelskammer Lemberg) verteidigte die Parzellierungsbank Stapinskis. Sare und Ritte 1 schwiegen überhaupt. Sie verkrochen sich dann alle fünf feige, als das Los der vielen Tausende jüdischer Schanker

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