Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XII. JAHRGANG. WIEN, 4, MÄRZ 1910. Nr. 5. Der Jüdische Klub Der „Jüdische Klub" im östereichischen Parlamente besteht nicht mehr. Wohl mag er noch im Klubverzeichnis des Abgeordnetenhauses figurieren; sein ältestes Mitglied mag noch an den Obmänner-Konferenzen teilnehmen — in Wirklichkeit hat dieser Klub jede Tätigkeit eingestellt. Sitzungen und Beratungen finden nicht mehr statt; die drei jüngeren Mitglieder versagen ihrem Obmanne die primitivste Ehrenbezeugung: den Gruß. Eigentlich hat ja in diesem Klub nie eine Einigkeit geherrscht. Jeder wollte sprechen, obwohl außer dem Obmärine keiner irgend ein politisch oder wirtschaftlich wichtiges Fach beherrscht; jeder wollte Politik treiben, wiewohl der größere Teil aus politischen Neulingen besteht; zur Ausarbeitung eines Programmes fehlte den Herren Zeit und Lust. Es hat auch an groben Verstößen gegen den politischen Takt nicht gefehlt. So ist Herr Stand zweimal nach Czernowitz, dem Wahlbezirke seines Obmannes, zum Zwecke politischer Agitation gekommen, ohne denselben früher anzufragen oder nur bloß zu verständigen; Herr Dr. M a h 1 e r wieder hat hinter dem Rücken des Klubs anläßlich der Annexiöns-Vorlage der Regierung Versprechungen gemacht und ist dann vom Klub in demonstrativer Weise desavouiert worden. Die Duellforderung Dr. Gabel- Dr. M a h 1 e r hat den Klub lächerlich gemacht. Bei vielen wichtigen Abstimmungen waren die meisten Herreri im Hause gar nicht anwesend. vor der Auflösung. Ist's ein Wunder, wenn unter solchen Umständen der Klub während seines dreijährigen Bestandes nichts geleistet, wenn er sich im Parlament gar kein Prestige erworben, wenn er von der Regierung als eine quantite negligeable betrachtet wird? Ein derartiger Zustand ist unhaltbar. Obmann Dr. Scraucher hat auch zum Schlüsse der vorigen Session in Briefen an seine drei Klubgenossen darauf hingewiesen. Diesen Briefen ist historische Bedeutung leider nicht abzusprechen. Darin konstatiert Dr. Straucher, daß die vier Mitglieder des „Jüdischen Klub" nichts mit einander verbindet, weder Freundschaft noch Disziplin, weder eine gemeinsame Politik noch ein gemeinsames Programm. Er erklärte weiters, daß er so lang die Geschäfte des Klubs nicht weiterführen werde, bis nicht seitens der drei Herren Garantien dafür gegeben werden, daß sie im Einvernehmen mit ihm handeln und auch sonst die ihnen als Mitgliedern des Jüdischen Klubs obliegenden Pflichten erfüllen werden. Als Antwort auf dieses Schreiben haben die drei Mitglieder des Klubs, Dr. Gabel, Dr. Mahler und Stand mit ihrem Obmann Dr. Straucher jeden Verkehr abgebrochen . . . Es fällt uns schwer, diese beschämenden Tatsachen in die Oeffentlichkeit zu bringen. Sollen wir sie aber verschweigen? Sollen wir die jüdische Bevölkerung in dem Wahne leben lassen, daß sie eine parlamentarische Vertretung hat, die für sie arbeitet