Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Ministerpräsident Graf Khuen-Hedervary gegen den Antisemitismus. Budapest» Der hiesige „Budapest! Naplö" veröffentlicht ein Interview mit dem neuen Ministerpräsidenten über die Judenfrage, welches, so wenig sagend es auch ist, jedenfalls für die immer stärker werdende christlichsoziale Propaganda eine kalte Douche bedeutet. Das Interview begann mit der Frage : „Es wäre uns interessant, zu wissen, wie Sie, Herr Minister, über die konfessionelle Frage und speziell über die Juden denken." Graf Khuen-Hedervary war über die Frage anscheinend überrascht und verweigerte auf sie die Antwort. „Es gibt," sagte er, „Antisemiten und antijüdische Strömungen; zu einem Mann von meiner Position dürfen sich diese aber nicht heranwagen. Schon die Frage ist unstatthaft, denn sie investiert die Möglichkeit, daß man am Staatsruder sein und sich von konfessionellen Gesichtspunkten leiten lassen könne. Diese Möglichkeit, die den Staatsgrundgesetzen widerspricht, muß selbst in dieser Form ausgeschlossen sein." Der Minister betonte des weiteren, daß er sich in seinem ganzen Systeme und auch in Behandlung dieser Frage nur von höheren humanen Gesichtspunkten leiten lasse. Wo er Gelegenheit gehabt habe, mit Juden in persönliche Berührung zu kommen, habe er die besten Erfahrungen gemacht. So das erstemal vor dreißig Jahren, als die Gesetzestreuen von Raab, von jedem abgewiesen, sich an ihn, den jungen Reichsratsabgeordneten, wandten und er ihrer gerechten Sache zum Siege verhalf. Die Zeichen der Anhänglichkeit und Dankbarkeit, mit der ihm seit damals die ungarische Judenheit begegnete, haben ihm aus der Seele wohlgetan und seien ihm noch heute überaus sympathisch. Für die ideelle Auffassung des jüdischen Familienlebens, für die innige Liebe und Aufopferungsfähigkeit der Juden überhaupt, wie auch für das prinzipientreue Festhalten an altjüdischer Tradition habe er volles Verständnis. „Wie ich hingegen über die bodenlosen Verdächtigungen, daß sie Wucherer und Parasiten seien, wie über Anklagen, die die Fehler des gestempelten Individuums der Allgemeinheit aufbürden wollen, zu denken habe, darüber hat mir die Erfahrung in meinem Patronatsort die Richtlinie gegeben. In Hedeswar wohnt ein jüdischer Krämer, der seit fünfzig Jahren seinen Kreislerladen gewissenhaft bedient. Sein kleiner Besitz hat den Neid der Andersgläubigen erregt. Sie haben in einem katholischen Geschäft und in einer Konsumbude dem alten Mann den Kampf auf Tod und Brot gekündet. Und der Mann lebt doch — und sein Vermögen wächst noch immer. Wie könnte das anders als nur durch die unentwegte, fleißige und ehrliche Arbeit dieses braven Mannes möglich sein. — Die rastlose Arbeit eines halben Jahrhunderts muß ihren Lohn im Erfolg finden. Dieses kann nur von rohen Menschen als Wucher gebrandmarkt werden." „Sie wissen, daß ich zwei Söhne habe. Zu meinem jüngeren habe ich mir einen jüdischen Universitätshörer empfehlen lassen. Und glauben Sie, daß mir die Glaubenstreue dieses jungen Studenten nicht Bewunderung abgerungen hat? Er wies das ihm bei Tisch vorgesetzte Gedeck mit dem Hinweis auf sein jüdisches Bekenntnis zurück. Es blieb mir, dem designierten Ministerpräsidenten, dem Ritter vom goldenen Vließ, nichts anderes übrig, als mit dem jüdischen Metzger über die Koscherverpflegung des jungen Magisters ein Abkommen zu treffen. Als ich dann weiter erfahren habe, daß mein Hauslehrer, der Sohn eines armen Rabbiners, mit für die Versorgung seiner dreizehn Geschwister arbeiten muß und sehr leicht durch die stolze Weigerung nicht nur sich, sondern auch seiner armen Familie das Brot entzogen hätte, hat mir der Mann umsomehr imponiert." Rußland. M. L. Lilienblum. Odessa, 13. Februar. (Orig.-Korr.) Der Nestor der Choveve-Zion-Bewegung in Rußland, gleichzeitig der Begründer des hiesigen Choveve-Zion-Vereines, ist gestern im Alter von 67 Jahren verschieden. Mit MosesLeibLilienblum schwindet aus unserer Mitte eine der hervorragendsten Gestalten des zeitgenössischen russisch-jüdischen Lebens. Zuerst, trotz des bedeutenden talmudischen Wissens, ein fanatischer Vertreter der Haskalah, der religiösen Reform und des assimilatorichen Fortschrittes, hat sich Lilienblum nach den Pogromen der achtziger Jahre zum nationalen Judentum bekehrt und ist ihm bis an sein Lebensende treu geblieben. In zahlreichen Artikeln, die bald im „Haschachar", bald im „Hamelitz" oder „Hamagid" und schließlich in seinem jiddischen Blatte „Serubabel" erschienen, hat Lilienblum für die Kolonisation Palästinas und die nationale Wiederbelebung des jüdischen Volkes gekämpft. In seinem hebräischen Werke ,.Der Weg der Buße" hat er diese Wandlung vom Ässimilanten zum Nationaljuden eingehend begründet. In den letzten Jahren war Lilienblum mit der Ordnung seiner zahlreichen Schriften beschäftigt. Sein Tod bedeutet für die russischen Zionisten einen schweren Verlust. GSMEiNöS= VERGkNSNÄlftRilWW Wien. Wie uns mitgeteilt wird, hat der Vorstand des „B r i g i 11 e n a u e r israelitischenTerapelvereines" einstimmig den Beschluß gefaßt, seine Mandate niederzulegen. Als Ursache wird die wiederholte Brüskierung des Vorstandes durch das Präsidium der Kultusgemeinde bezeichnet. Die nächste, außerordentliche Generalversammlung soll am 28. d. M. stattfinden. Die Erbitterung in den Kreisen der Vorstandsmitglieder ist eine derartige, daß sie entschlossen sind, kein Mandat mehr anzunehmen. Es sind dies zumeist jene Herren, die sich bisher für Herrn Dr. Stern bei den Kultuswahlen sehr exponiert haben. Nun haben sie ihren Lohn .... Wien. (Verein der Sabbat h freunde.) Herr Rabbiner Jakob Hoffmann aus Kostel wird am Donnerstag den 24. Februar, 8 Uhr abends, im Festsaale des „Hotel Central", IL, Taborstraße 8, über das Thema: „Die Bedeutung des Sabbath im jüdisch-religiösen Leben" einen Vortrag halten. Gäste, Damen und Herren, willkommen. Wien. Der akademische Verein „Jüdische Kultur" veranstaltet anläßlich des 50. Todestages des berühmten Schriftstellers J. B. L e w i n s o h n eine Gedenkfeier. Ort: Vereinslokal (II., Blumauergasse 20), Tag und Zeit: Montag, 21. Februar 1910, 8 Uhr abends. Gäste herzlichst willkommen. Wien. (Verein zurHebung der Gewerbe in W i e n.) Einladung zu der am Sonntag den 20. Februar d. J., um 10 Uhr vormittags, stattfindenden Exkursion nach der im Bau begriffenen I. Internationalen Jagd-Ausstellung in der Rotunde im k. k. Prater. Für die Vereinsleitung : B r o d, Präsident; Franz F r a n k 1, Schriftführer. Zusammenkunft präzise halb 10 Uhr vormittags im Grand Cafe Winkler, IL, Stuwerstraße 1, Haltestelle Lustspieltheater. Wien. (Vortrag aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur,) Donnerstag, den 24. Februar, präz. halb 8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Vereines, I. Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann statt. Thema: „J. N. Man nheimer". Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei, ohne Karten.