Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 den Wortlaut des Gesetzentwurfes über die Regulierung der Auswanderung aus Rußland auszuarbeiten und nach einigen Wochen der Gesamtkommission vorzulegen. Die Organisation der Immigranten-Vereine. Die verschiedenen jüdischen Einwanderer-Hilfsvereine in Nordamerika haben sich zu einer National Union of Jewish Immigrant Aid Societies vereinigt. Präsident der neuen Organisation wurde Louis Edward L e v y-Philadelphia. Auswanderungschronik. In den ersten zehn Monaten des letzten Jahres haben sich 139.746 Emigranten (fast doppelt so viel als in demselben Zeitraum des Vorjahres) von Bremen aus nach den Vereinigten Staaten begeben. In letzter Zeit stieg besonders die Zahl der Zwischendeckpassagiere. An die Emigration in den Jahren 1906—07 reicht jedoch die diesjährige bei weitem nicht heran, was aus folgenden Zahlen zu ersehen ist. Es begaben sich von Bremen aus nach den Vereinigten Staaten von Amerika in den ersten zehn Monaten des Jahres 1906 171.647 Emigranten 1907 208.523 „ „ 1908 58.370 „ 1909 123.122 Vor Beginn des erstgenannten Jahres waren bekanntlieh die furchtbaren Judenmetzeleien in Rußland, die eine fluchtartige Massenauswanderung von Juden aus diesem Lande zur Folge hatten. Nach England kamen laut offiziellen Mitteilungen in den ersten neun Monaten vorigen Jahres 337,771 Schiffspassagiere, darunter 88.232 Durchreisende gegen 330.545 Personen (davon 47.560 Durchreisende) im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Die Zunahme in der Zahl der Durchreisenden beweist eine Verstärkung der Emigrationnach Amerika. Die Einwanderungsgesetze werden jetzt in England viel strenger als bisher angewendet. So wurden in den neun Monaten vorigen Jahres 954 Einwanderer wegen Krankheit oder Geldmangel zurückgeschickt — gegen 514 Personen im gleichen Zeitabschnitt des Jahres 1908. 378 Fremde (gegen 266 im Vorjahre) wurden von England zurückgeschickt, nachdem sie sich daselbst bereits niedergelassen hatten. Gesuche von angehaltenen Einwanderern werden immer weniger berücksichtigt. Die Emigrations-„Fürsorge" der „Israelitischen Allianz" in Wien. Die „Israelitische Allianz" in Wien, mit dem „Vormärz-Juden" David von Guttmann an der Spitze, versendet ein Kommunique, das von rührender Naivetät ist. Es bestätigt nämlich, was ja auch sonst Eingeweihten längst bekannt ist, daß die Philantropen in der Weihburggasse, die beim grünen Tisch in ihren Mußestunden für das „Volk" „sorgen", in Wirklichkeit die Verhältnisse des Volkes gar nicht kennen. Obiges Kommunique erteilt nämlich den Emigranten einen klassischen Rat: sich mit regelrechten Gouverneur- Pässen zu versehen und diese durch den österreichischen Konsul vidieren zu lassen. Aber wissen denn die Vorsteher und Beamten der Allianz nicht, daß Emigranten keine Millionäre sind, daß sie absolut keine Mittel besitzen, um sich die teueren Pässe zu verschaffen und daß sie mit „Eizes" ohnehin versehen sind? Wenn die „I. A." auf dem Gebiete des Emigrationswesens etwas leisten will, so hat sie dazu tausenderlei Gelegenheil. Aber mit solchen Ratschlagen hilft sie niemandem: sie macht nur sich selbst lächerlich. R0R£ßSP©NMNZ6N Oesterreich-Ungarn. Die verbotenen Selchwaren. Wien. Von mehrfacher Seite werden wir auf das Aergernis aufmerksam gemacht, welches darin liegt, daß die beiden offiziösen Blätter der Kultusgemeinde den vom Rabbinat mit Boykott belegten vier Selchfabriken noch immer Reklame machen. Wir können diese Tatsache nur feststellen, müssen jedoch dem Kultusvorstand für seine Blätter die Verantwortung überlassen. Höchst peinlich muß es aber berühren, daß „Die Welt" sich nicht scheut, zwei der obigen Fabriken noch immer als „koscher" zu bezeichnen. Weiß man denn in Köln so wenig von den Wiener Vorgängen? Es ist ja unerklärlich, welches Interesse die zionistische Presse gerade hat, diese Rabbinatsverbote zu unterdrücken. Dagegen läßt es das „Israelitische Wochenb 1 a 11" in Zürich an gehöriger Beleuchtung dieses Falles nicht fehlen. Wir lesen da in einer Korrespondenz aus Wien: „Vor einigen Tagen kam es zutage, daß die größte Judengemeinde der Monarchie jahrelang von einigen Wurstfabrikanten in schändlichster Weise hintergangen wurde. Das Wiener Rabbinat machte mittels Zirkulars urbi et orbi bekannt, daß die sich koscher nennenden Wurstfabrikanten in Wien, die größten Firmen am Platze, direkt trefes Fleisch verarbeiten und daß daher ihre Produkte nicht genossen werden dürfen. Dieses Rundschreiben wurde allenthalben mit einem vielsagenden Kopfschütteln aufgenommen. Nicht etwa deshalb, weil den Wurstfabrikanten Unrecht geschieht, denn in Wien und in der Provinz war es schon längst kein Geheimnis mehr, daß die sich koscher nennenden Wurstfabrikanten trefe sind — sondern, daß das Wiener Rabbinatskollegium erst jetzt sieh zu dieser heroischen Tat entschlossen hat. Es ist in der Tat höchst traurig, daß in der größten Gemeinde der Monarchie, wie sich die Wiener Gemeinde bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit nennt, ein solcher Unfug jahrelang getrieben werden konnte mit den heiligsten Gefühlen all' jener, denen jenes Gebot unserer Religion noch heilig ist. Abgesehen davon, haben die Rabbiner in Oesterreich eine mächtige Waffe in Händen, die sie in den Stand setzt, gegen solche vorzugehen, die das jüdische Publikum in religiöser Beziehung täuschen und hintergehen. Hier besteht nämlich eine oberstgerichtliche Entscheidung, wonach jeder, der seine Ware als koscher bezeichnet und trefe verkauft, sich des Betrages schuldig mache und wie jeder andere Betrüger zu bestrafen sei. Wer also zum Beispiel gewöhnliche Ware als Pessachware verkauft, wer auf seinem Firmaschild die bekannten drei Buchstaben (*H!D) anbringt und dabei trefe verkauft, wird unnachsichtlich als Betrüger bestraft. Freilich verfielen vor einigen Jahren die jüdischen Fleischhauer in Prag auf eine neue Idee. Sie brachten an ihre Firmenschilder die drei Buchstaben *nt!D (-Fleisch) an, anstatt "IttD- Bei der Aehnlichkeit dieser beiden Worte ist es nicht leicht, den Unterschied herauszufinden, zumal für Frauen, die zumeist den Fleischeinkauf selber besorgen. Die Prager Statthalterei entschied aber über eine diesbezügliche Beschwerde, daß es gestattet sei, das hebräische Wort anzubringen, obgleich dadurch das Publikum leicht getäuscht und irregeführt werden könnte. Sache der Konsumenten ist es, genau auf die Schreibeweise des Wortes zu achten, ob es "IBD oder laute."