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Neue Nationalzeitung · 1910-02-18 · Heft 4 (18.2.1910) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 4 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 genossen machen. Sollten von Zeit zu Zeit in der Türkei wirtschaftliche Streitigkeiten ausbrechen und zu einem nationalen Kampfe ausarten, so werden sie niemals die Reaktion der Mehrheit gegen die Minderheit darstellen, vielmehr werden sie im Grunde; stets reine wirtschaftliche Kämpfe bleiben und auf die politischen und gesellschaftlichen Beziehungen der einzelnen Völkerschaften keinen Einfluß ausüben. Im öffentlichen Leben und in der Gesellschaft wird der Jude, wenn ein Bevölkerungsteil gegen ihn mit den Waffen des Antisemitismus ankämpfen sollte, von den anderen Nationalitäten, die seine Bundesgenossenschaft suchen, auf das nachdrücklichste in Schutz genommen werden. Auf diese Weise werden sich die Kämpfe mit gleichen Waffen, unter gleichen Bedingungen und bei gleichen Chancen abspielen; in jedem Falle aber wird die Regierung, die Staatsgewalt, die Allgemeinheit niemals antisemitisch sein. Es gibt auch noch eine andere geheime Kraft, die eine eventuelle antisemitische Bewegung in der Türkei von vornherein zur Ohnmacht verurteilen würde. Und diese geheime Kraft ist nichts anderes als die jüdische Solidarität. Jawohl, eine große jüdische Siedelung in der Türkei kann eine defensive Kraft haben, wie sie anderswo nicht denkbar ist. In der Türkei wird der Jude in kultureller und moralischer Beziehung seinen nationalen Charakter stets rein erhalten, weil der Einwanderer bei uns keine höhere Kultur antrifft, die seinen Geist beherrschen und in ihren Bann zwingen könnte. Weder die albanesische noch die armenische Kultur z. B. werden den Juden zu assimilieren und ihm seinen jüdischen Charakter und sein jüdisches Geistesleben zu rauben vermögen. Die Juden, die nach Deutschland, England oder Frankreich auswandern, werden mit der Zeit in kultureller und moralischer Hinsicht zu Deutschen, Franzosen oder Engländern, Sie denken, empfinden und handeln als Deutsche, Franzosen oder Engländer, mit einem Worte, sie assimilieren sich völlig, verlieren ihren jüdischen Charakter und erregen sehr oft die Verachtung der wirklichen Autochthonen ihres AdoptivVaterlandes, die in diesen Juden, die sich ihres Ursprungs schämen, mit Recht Fremdlinge ohne Selbstachtung sehen, bereit, ihr eigenes Ich, ihre Persönlichkeit zu verleugnen und preiszugeben, ungeschickte und verächtliche Schüler, die sie sklavisch, oft in kleinlicher Weise nachahmen. Bei uns kann von alledem nicht die Rede sein. In unserem Lande wird der Jude, so sehr er seinem innersten Wesen nach ottomanischer Staatsbürger werden wird, niemals Veranlassung und Neigung haben, sich in kultureller Hinsicht zu hellenisieren. Er wird nicht leicht in Versuchung geraten, seine Nationalität gegen die arabische oder kurdische zu vertauschen. Er wird in nationaler Beziehung immer Jude bleiben. In der Türkei hat man von alters her die nationale Kultur als eine geheiligte Sache angesehen. Sie galt hier immer als Privatsache, die den Staat nichts angeht. In den regierenden ottomanischen Kreisen weiß man sehr wohl, daß das Vaterland bei einer freien Entwicklung der nationalen Geisteskräfte der einzelnen Völkerschaften nur zu gewinnen hat, und daß das Reich, wenn die Juden in der Lage sein werden, sich frei zu entfalten, von ihrer Intelligenz, ihrem sittlichen Adel ihrer treuen Anhänglichkeit und allen den vorzüglichen Eigenschaften, die den Schatz der jüdischen Volksseele ausmachen, den größten Nutzen ziehen kann. Wenn nun die jüdische Bevölkerung immer jüdisch bleiben wird, wenn die Assimilation ihr nichts anhaben kann, wenn sie nicht durch Parteiungen zerklüftet sein wird und die Bande der Brüderlichkeit in ihrer Mitte erhalten bleiben, kurz, wenn die jüdische Solidarität unverbrüchlich bestehen bleibt, wird der Antisemitismus zum Aussterben verurteilt sein. Und wenn es ein Land gibt, wo die jüdische Selbsthilfe nach dem Wunsche unseres verstorbenen Herzl wirksam sein wird, so ist dies die Türkei, denn die jüdischen Bewohner des ürkischen Reichs können einen einheitlichen und unteilbaren Block bilden, der für das ganze jüdische Volk eine große moralische Stärkung bedeuten wird. (Schluß folgt.) DIE JÜDISCHE T)äe Emigraf ions-Enquete in Petersburg. (Von unserem Korrespondenten.) Petersburg, 10. Februar. Nur durch die Verhältnisse des russischen Lebens und durch die Atrophie des Staates kann eine so sonderbare Erscheinung erklärt werden, daß der mächtige Emigrationsstrom aus Rußland bisher ohne jede gesetzliche Reglementation blieb. Die Qualen der russischen und insbesondere der jüdischen Emigranten beschäftigen schon seit mehreren Jahren nicht nur die russische Presse. Eine Reihe von Staaten erließ unterdessen eine Anzahl gesetzlicher Bestimmungen, die die russische Transmigration durch ihr Territorium regulieren sollten. Rußland aber blieb teilnahmslos dem harten Los ihrer eigenen Auswanderer gegenüber. Waren ja diese Auswanderer in der überwiegenden Mehrzahl — die verhaßten Juden, Polen und Letten. Und wenn die russische Regierung sich nun endlich gezwungen sah, der Emigration ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, so geschah dies ausschließlich aus merkantil-f iskali sehen Rücksichten und nicht aus der Einsicht, daß sie endlich ihre Staatsbürger gegen die Bande der offiziellen und unoffiziellen Aus- EfllQRflTION. beuter, welche dem Auswanderer den ganzen Weg verbittern, schützen müsse. Die einheimische Handelsflotte muß unterstützt werden! Infolgedessen muß die russische überseeische Emigration über L i b a u gehen. Libau wurde aber bisher von den Emigranten gemieden, da die zahllosen Schwierigkeiten bei Erlangung eines Reisepasses sie zwangen, die kontinentalen Grenzen vorzuziehen, die man in der Regel illegal überschreiten kann, obwohl nicht ohne Gefahr der Entdeckung. Das ist die wahre Ursache, warum die jetzt tagende offizielle Emigrationsberatung sich so energisch der Reform des Reisepaßwesens zuwandte. Die Erlangung von Reisepässen für Auswanderer soll endlich bedeutend erleichtert werden, ja, es sollen sogar Reisepässe unentgeltlich erteilt werden. — Das muß für die jüdischen Emigranten von besonders großer Bedeutung sein, denn selten sind alle dazu nötigen Dokumente bei ihnen in der Ordnung: dem einen fehlt der Geburtsschein, der andere muß 300 Rubel Strafe zahlen wegen Militärpflichtentziehung eines Verwandten, die dritte muß eine offiziell beglaubigte Einwilligung des Mannes vorzeigen, der bereits in Amerika ist, usw. — Die projektierte Paßreform könnte also gerade für die jüdischen Emigranten eine beträchtliche Erleichterung mit sich bringen. Allerdings sind die russischen Schiffe nicht so

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