Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „Neue National-Zeittmg" Seite 5 jüdischen Einwanderung in die Türkei. Jawohl, diese Toleranz der Osmanen und die festen Bande der Freundschaft zwischen den Muselmanen und den Juden bilden für unsere Auswanderer den verlockendsten Anreiz. Was veranlaßt denn die Juden, ihr Geburtsland zu verlassen? Doch die Unduldsamkeit ihrer Bedrücker, die Geißel des Antisemitismus. Nun denn, da der Antisemitismus und die Intoleranz bei uns unbekannt sind, können die Juden vertrauensvoll zu uns kommen in der sicheren Erwartung, daß sie hier Ruhe finden werden. Die Türkei hat Beweise ihrer musterhaften Duldsamkeit selbst in den alten Zeiten, zur Zeit der allmächtigen Kalifen geliefert, die den Christen außerordentliche Privilegien gewährten. Für die Juden war die Türkei mehr als tolerant; sie war ihr Schutzengel in den kritischen Zeiten unserer Geschichte, als der Geist der Inquisition, dessen Gifthauch ganz Europa erfüllte, Hunderttausende von Juden obdachlos machte. In den christlichen Ländern mag das gutmütigste Volk seine Sanftmut vergessen, wenn es sich um Juden handelt. Diese traurige Erfahrung haben wir im Verlaute unserer Geschichte oft genug gemacht. Allein in den moslemischen Ländern, insbesondere in der Türkei, ist das Gegenteil der Fall. In der ganzen Christenheit, sind die unwissenden Schichten der Bevölkerung allzu leicht geneigt, den Anstiftungen gewissenloser Judenfeinde Gehör zu geben, weil sie seit Jahrhunderten gewöhnt sind, in uns die Mörder des Stifters ihrer Religion zu sehen. Ein ebenso plumper und unsinniger Aberglaube hat die Wahnvorstellung eines Ritualmordes erzeugt. Dem ungebildeten Mann aus dem Volke gilt der Jude noch heute häufig genug als der Mann, der die kleinen Kinder zu religiösen Zwecken tötet. Derartiges ist in den Ländern des Islam undenkbar. Hier hat man uns niemals beschuldigt, Mohammed gekreuzigt zu haben. Niemals wurde hier die wahnwitzige Beschuldigung ausgesprochen, daß das Blut der Moslems zur Erzeugung unserer Mazzoth dienen könne. Es ist also unmöglich, daß sich in den Tiefen der moslemischen Volksseele die Keime eines Hasses gegen die Juden eingenistet hätten. Das antisemitische Gift findet hifr keinen günstigen Nährboden. Ueberdies gibt es mannigfache historische, moralische und religiöse Bande, eine Verwandtschaft der Sitten und Bräuche zwischen den Jud<?n und Türken, die uns vor dem Antisemitismus schützen. Dies wird durch zahlreiche Tatsachen bekräftigt, von denen ich nur eine anführe, die sich jüngst abgespielt hat, nämlich die wertvolle Hilfe, die die ausländischen Juden in Saloniki den Jungtürken in ihrem Kampfe gegen den Absolutismus angedeihen ließen. Ein albanesischer Geschichtsschreiber, der die Geschichte des Komitees Einheit und Fortschritt geschrieben hat, verzeichnet sehr eingehend die wirksame Mithilfe der fremden Israeliten in diesem Kampfe, die ja gar kein Interesse an der Befreiung der Türkei vom europäischen Joche hatten. Nach Einführung der Verfassung begrüßte die ganze jüdische Welt mit großer Freude den Anbruch der neuen Aera in der Türkei. Unsere moslemischen Mitbürger wissen sehr wohl, wie viele Juden aller Länder Turkophilen sind, genau wie auch wir wissen, wie viele Türken Philosemiten sind. Allerdings, all dies ist recht schön in der Theorie. Wenn wir es aber in die Praxis umsetzen wollen, können wir Zweifel und Besorgnisse nicht unterdrücken. Und dann sehen wir kleine Wolken den Horizont unserer Zukunft verdunkeln. Fürwahr, das jüdische Volk wurde oft genug durch die bizarren Ueberraschungen des Antisemitismus enttäuscht. Unsere Feinde haben uns allzu oft selbst unsere Tugenden, die uns ihre Bewunderung und ihre Wertschätzung hätten zuziehen sollen, als Verbrechen angerechnet. Die Betriebsamkeit, die Intelligenz, die treue Anhänglichkeit an das Vaterland, die bei anderen Völkern Ruhmestitel bilden, sind uns gegenüber Motive des Hasses und der Verachtung. Die dehnbare Moral gewisser Kreise verdammt die Vivisektion, duldet aber gleichmütig die Niedermetzelung Tausender von unschuldigen Juden. Der Entrüstungsschrei der zivilisierten Welt machte die Mächtigen zittern und stürzte Ministerien wegen der als ungerecht empfundenen Verurteilung eines Ferrer. Und dieselbe zivilisierte Welt bleibt unbeweglich angesichts der entsetzlichen Pogrome und der ungezählten Hekatomben, die der Judenhaß alljährlich fordert. Alle Ungerechtigkeiten, alle Roheiten sind gerechtfertigt, wenn sie gegen menschliche Geschöpfe gerichtet sind, die den Namen Jude tragen. — Wir machen ja oft genug die Wahrnehmung, daß unsere eigenen Brüder die schrecklichsten Antisemiten sind. Welcher Nichtjude könnte uns also die Gewähr bieten, daß er dem Uebel des Antisemitismus gegenüber gefeit sei? — Gibt es nicht auch im Mond Antisemiten? fragte einst ein Humorist. — Wie können wir nun eine große jüdische Einwanderungsaktion unternehmen, sei es auch nach der Türkei? Wer kann uns dafür bürgen, daß unter den verschiedenen Errungenschaften der Zivilisation, die die Türkei fortgesetzt aus Europa einführt, sich nicht auch die systematische Feindseligkeit gegen die Juden einschleichen wird, die von der europäischen Zivilisation unzertrennlich zu sein scheint? Zangwill stellt die Behauptung auf, daß der Antisemitismus der ständige Begleiter des Juden sei, dem Schatten vergleichbar, der einem überallhin folgt. In der Tat sehen wir bereits in der Türkei Leute, die das Schreckbild einer „jüdischen Gefahr" zeichnen, die sie fern am Horizont als düstere Wolke heranziehen sehen .... Und man appelliert bereits an die niedrigen Instinkte der Massen, um das Volk gegen die Ansiedlung unserer Brüder aufzustacheln. Sollten wir für immer dazu verurteilt sein, auf völlige Ruhe und Sicherheit verzichten zu müssen und uns mit einer relativen Sicherheit zu begnügen? Unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart scheinen dies zu bekräftigen. Es bleibt uns also nichts übrig, als uns jener relativen Sicherheit anzupassen. Dieser Grundsatz muß uns auch als Ausgangspunkt dienen bei der Untersuchung der Frage einer jüdischen Einwanderung in die Türkei. Wenn also auch nicht anzunehmen ist, daß der Antisemitismus in unserem Lande stets unbekannt bleiben wird, so ist es doch ziemlich sicher, daß er niemals einen allgemeinen und dauerhaften Charakter wird erlangen können. Von Zeit zu Zeit wird er vielleicht in einzelnen Teilen des Reiches aufflammen, um alsbald wie ein Strohfeuer zu verglimmen. Wie ein hervorragender moderner Denker nachgewiesen hat, ist der Antisemitismus eine sehr natürliche psychologische Erscheinung; er ist die Reaktion der Mehrheit gegen die Minderheit, der sie alle Uebelstände und alle Missetaten in die Schuhe schiebt. Wenn die jüdische Minorität in allen Ländern durch die bloße Tatsache ihrer zahlenmäßigen Schwäche zu leiden hat, so fällt dies bei uns aus dem einfachen Grunde fort, weil es in der Türkei eine nationale Mehrheit nicht gibt. Zwanzig verschiedene Nationalitäten bewohnen das Reich. Keine erhebt sich durch ihre numerische Ueberlegenheit merklich über die anderen. Die Reaktion der Majorität gegen eine Minorität ist also nicht zu befürchten. Das türkische oder, besser gesagt, moslemische Element, das als das herrschende angesehen werden kann, ist vor der antisemitischen Seuche ziemlich geschützt, da es sich im großen und ganzen nicht mit dem Handel befaßt. Seine Interessen kollidieren nirgends mit denen der Juden. Außerdem gibt es, wie wir bereits ausgeführt haben, zahlreiche Berührungspunkte und verwandte Wesenszüge zwischen den Muselmanen und Israeliten. Nichts trennt sie feindlich-; wohl aber gibt es eine Menge Dinge, die eine Annäherung zwischen ihnen bewirken und sie gegenseitig zu Brüdern und Bundes-