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Neue Nationalzeitung · 1910-02-18 · Heft 4 (18.2.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 4 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 Und wäre es nur auf kurze Zeit. Hiebei dürfen wir nicht den strengen kanadischen Winter vergessen, der sehr viele T r a d e s zwingt, ihren Betrieb auf Monate einzustellen. Dann fällt es den Juden am schwersten, ein Unterkommen zu finden. Nicht nur das: Wenn keine genügende Arbeit da ist oder der Betrieb stockt, werden sie zuerst entlassen. In politischer Beziehung sind die kanadischen Juden sehr schwäch. Ihr Einfluß ist im Verhältnis zu ihrer Menge direkt ein verschwindender. In ganz Kanada gibt es nämlich nur zwei Juden, die öffentliche Stellen einnehmen. Es sind dies zwei jüdische Gemeinderäte. Auch die Juden in Kanada haben einen schweren Kampf durchführen müssen, um zu den öffentlichen Aemtern zu gelangen. So ist im Jahre 1879 ein Jude namens Esekiel Hart in Three Rivers in die „Provincial Legislature" gewählt worden. Er hätte aber als Christ schwören sollen und hat deshalb die Stelle nicht annehmen können. Es hat 30 Jahre schwerer Arbeit gekostet, bis es Hart erlaubt wurde, auf sein Gewissen zu schwören und die Stelle anzunehmen. In Quebec halten die Juden fast durchwegs zu den Liberalen. Wie schon gesagt, sind das Schlimmste hier im Lande die Schulen, welche ganz in den Händen der Geistlichkeit liegen. Juden können zwar studieren und Lehrer werden. Nun aber die Kehrseite: Sie bekommen nie eine Anstellung in den Schulen und dies mit der Begründung, daß Juden sich nicht dazu eignen, christliche Kinder zu unterrichten. Im Winter bringt die Zeit der großen Schneefälle den Juden auch einmal Arbeit. Durch Wegführen von Schnee verdienen sie sich einige Groschen. Leider stehen sie aber ganz schutzlos da, wenn sie von den französischen Katholiken überfallen und geschlagen werden. Denn die paar jüdischen Polizisten können da nichts ausrichten. Voriges Jahr hat Israel Zangwill Sir Wilfrid Laurier, den Premierminister von Kanada, gefragt, ob sein Land einer größeren Immigration von Juden nicht entgegenstehe und ob die Regierung ihnen gewisse Privilegien erteilen würde. Der Premier antwortete darauf, daß man über so eine Frage vor zwanzig Jahren hätte diskutieren können, aber nicht jetzt. Kanada habe schlechte Erfahrungen mit den Sonderrechten gemacht, die es den Duchoborces und anderen verliehen habe. Man sei durch die Erfahrungen gewitzigt. Gegen eine Einzel- Immigration sei nichts einzuwenden, wohl aber gegen eine M a s s e n -Immigration. In Kanada sind wohl Plätze, wo sich Juden, die Ackerbauer sind, niederlassen können. Sie werden vielleicht den kanadischen Winter und die schwere Feldarbeit aushalten können. Besondere Aussichten sind aber diesbezüglich für die weitere Immigration nicht zu versprechen. Resümieren wir: Die jüdische Immigration nach Kanada hat geringe Chancen. Noch schlimmer wird aber die Sachlage dadurch, daß unsere kanadischen Juden ganz an ihre Menschenpflicht vergessen haben und den neu nach Kanada kommenden Juden fast gar keine Unterstützung zuteil werden lassen . . . Es wird noch lange Zeit dauern, bis Kanada ein brauchbares Feld für die jüdische Immigration werden wird, wie es die Vereinigten Staaten von heute sind. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration. t)ie jüdische Einwanderung in die Türkei. (Referat, erstattet auf dem IX. Zionistenkongreß.) Von A/ioise Cohen. Geehrte Versammlung 1 Das unselige Gespenst des Despotismus ist in zu weite Ferne gerückt, als daß wir oltomanischen Staatsangehörigen es noch nötig hätten, eine furchtsame Zurückhaltung zu beobachten angesichts von Problemen, die unser Vaterland unmittelbar berühren. Es ist uns nicht länger gestattet, zu schweigen, wenn die Interessen der Türkei, unseres Vaterlandes, auf dem Spiele stehen. Unter den verschiedenen Fragen, die gegenwärtig in der Presse und den leitenden politischen Kreisen unserer Heimat behandelt werden, gibt es eine, die die Aufmerksamkeit der ottomanischen Vaterlandsfreunde, insbesondere aber der otfomanischen Juden, sehr lebhaft in Ansprach nimmt. Sie ist für Tausende unglücklicher Juden von überaus großer Wichtigkeit und auch ihre Bedeutung für das ottomanische Reich darf nicht unterschätzt werden. Ich trete hier an diese Frage in meiner Doppeleigenschaft als ottomanischer Jude heran, an die Frage, die für die Juden der ganzen Welt recht einfach erscheint, die aber für die ottomanischen Juden überaus kompliziert ist; denn wir müssen sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten, vom ottomanischen und vom jüdischen Gesichtspunkte. Die ottomanische Judenheit hätte sich hierüber schon längst geäußert und sich mit diesem Problem sehr eingehend befaßt, wenn das neue Regime uns nicht in einem Zustande der vollendeten Desorganisation gefunden hätte. Ich erhebe also keinen Anspruch, Ihnen hier ein Spiegelbild der öffentlichen Meinung der ottomanischen Judenheit zu geben,- denn es gibt heute noch keine derartige öffentliche Meinung. Ich werde mich darauf beschränken, unsere persönliche Meinung auszusprechen, die von einem großen Teil unserer Mitbürger geteilt wird. Die Frage der Einwanderung von Juden in die Türkei wurde unmittelbar nach der Juli-Revolution aufs Tapet gebracht. Die Begeisterung und der Ueberschwang, die damals herrschten, die Freud.nstimmung, in die wir durch unsere plötzliche Befreiung versetzt wurden, brachten es mit sich, daß wir die Hoffnung nährten, die konstitutionelle Türkei recht bald in ein gesichertes Asyl für unsere verfolgten Brüder verwandelt zu sehen. Die Türkei, das einzige Land, das von der Plage des Antisemitismus verschont geblieben ist, erschien uns als das neuzeitliche Kanaan, als das gelobte Land für die heutigen Israeliten, die die modernen Länder Mizraim, die Stätten der Knechtschaft und der Trübsal verlassen. Wir stellten uns vor, daß Tausende Juden kommen würden, um unsere Einöden in froher Arbeit mit dem Schweiße ihres Angesichts zu netzen; anstatt wie bisher die Steppen und Eiswüsten Sibiriens mit ihrem Blute zu tränken. Der Plan schien uns der Verwirklichung sehr nahe gerückt — auf dem geraden Wege der schönen Träume. Die Fieberstimmung und die naive Zuversicht jener Zeit der politischen Befreiung hinderte uns, die Wirklichkeit klar zu sehen. Später fingen wir an, die Vorteile und Nachteile einer Auswanderung der russischen, rumänischen und sonstigen Juden in die gastliche Türkei deutlicher zu unterscheiden. Gegenwärtig ist es sehr wohl möglich — obgleich die Lage in unserem Vaterlande noch wenig geklärt ist — an die Untersuchung dieses Problems mit einer gewissen kritischen Strenge heranzutreten; wir können es mit einer genügenden Kenntnis der Bestandteile, aus denen es sich zusammensetzt, studieren. Die legendäre Toleranz der Türken ist überall bekannt, sie ist zu einem Gemeinplatz geworden. Aus ihr schöpfe ich mein erstes und entscheidendstes Argument zugunsten der

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