Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425806--1599-2427968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr.: 4 -. Neue National-Zeitung" Seite 3 Stanley Berp (Montreal): ... ( _ Die Aussichten der jüdischen Emigration nach Kanada. Als ich vor einigen Monaten aus Kanada zurückkam, habe' ich mich einem Journalisten gegenüber fast pessimistisch über die Aussichten der Juden in Kanada ausgesprochen. Dieses Land wird ja von vielen Leuten neben Amerika als die zweite Heimat für die verfolgten Juden angesehen. Und so hoffe ich, daß Ihre Leser eine eingehendere Schilderung der Situation unserer kanadischen Brüder,' des Landes, welches sie bewohnen, und der Aussichten für die weitere Emigration rege interessieren wird Sir Wilfrid Laurier, der Premierminister von Kanada, hat einmal gesagt, daß das zwanzigste Jahrhundert Kanada gehöre. Denn in diesen 100 Jahren wird das Wachstum Kanadas in demselben Grade vorwärts schreiten, wie die Ausdehnung Amerikas im letzten Jahrhundert. Vorläufig kann man ja darüber kein Urteil1 fällen, ob sich diese Prophezeiung als richtig erweisen wird oder nicht — sie ist ja im Grunde nichts mehr als eine schöne Phrase. Das kann aber niemand bestreiten, daß Kanada ein fruchtbares und an Mineralien sehr reiches Land ist, dessen Bevölkerung im stetigen Wachsen begriffen ist. Doch bis Kanada die hohe Kulturstufe Amerikas zu ersteigen imstande sein wird — bis dahin ist es noch lange Zeit. Einen ungehemmten Fortschritt Kanadas hindert in erster Linie die Rassenfrage. So hält die große Masse von Franzosen zwar nach außen hin treu zu England, aber im Grunde ihres Herzens stehen sie auf Frankreichs Seite und suchen ihren Traum, französische Kultur in Kanada zur Blüte zu bringen, zu verwirklichen. Aber unsere französischen Katholiken verstehen unter französischer Kultur etwas ganz anderes als das moderne Frankreich. Sie träumen von der französischen Kultur im 16. Jahrhundert und haben, konservativ wie sind, wenig Sympathien für den Fortschritt, die hohe Kunst und Wissenschaft des modernen Frankreichs — mit einem Worte: sie sind klerikal und reaktionär und tun alles Mögliche, um ihre „Nationalität" nicht aufgeben zu müssen. Andererseits schließen sich auch die kanadischen Engländer ganz für sich ab. Die notwendige Folge ist, daß die Einheit und Einigkeit dem Volke, beziehungsweise den Volksgruppen, die dieses Land bewohnen, fehlt: Dinge, die zum Emporblühen eines Landes die erste Voraussetzung sind. Sehen wir uns die internen Verhältnisse näher an: Den kanadischen Schulen, und darin liegt ihr Krebsschaden, fehlt das System der allgemeinen Schulen, wie es in Amerika und anderen zivilisierten Ländern eingeführt ist. Sie liegen ganz in den Händen der Kirchen, sowohl katholischer als auch protestantischer. Infolgedessen tragen die Schulen offensichtlich den kirchlichen Stempel. Deshalb ist die große Immigration von Amerika nach Kanada ein sehr erfreuliches Faktum. Es wandern ungefähr 70.000 amerikanische Familien jedes Jahr ein. Dieser Zufluß aus Amerika bringt frisches Blut, regeres Leben und neue Ideen von Freiheit und Gleichheit in unser Land. -Ungefähr in den Achtzigerjahren gab es noch wenig Juden in. Kanada. Die allerersten nach Kanada einwandernden -Juden1 kamen aus Spanien und Portugal, dann aus England, in geringerer Zahl aus Frankreich. Sie erlernten schnell die beiden Landessprachen, französisch und englisch, und haben1 sich rasch emporgearbeitet. Die ersten polnisch en Juden kamen bereits im Jähre 1848 nach Kanada. Ein großer Teil von ihnen wurde Haus i e r er. Dieser Beruf war damals "ganz frei" xmä kostete nicht, wie' heute, 250 Dollars Lizenzgebühr. Aber der Rest widmete sich der Landarbeit. Sie gingen auf die Aecker, in die Wälder, wurden Holzhändler und jetzt sind sie große Kaufleute und reiche Herren. Damals waren sie junge Leute, die hier reichliche Beschäftigung fanden. Das schnelle Anwachsen des Immigrationsstromes nach Kanada begann erst vor einigen Jahren. Dieses Hochgehen der Immigrationsziffer beruht aber nicht auf natürlicher Entwicklung, wie dies in den Vereinigten Staaten der Fall ist, sondern ist nur künstlich herbeigeführt worden durch die großen Wohltätigkeitsinstitute in Europa. Noch vor wenigen Jahren waren bei uns die Immigrationsgesetze sehr milde gefaßt und gehandhabt, viel milder als in Amerika. Und so glaubten die europäischen Wohlfahrtsinstitute, Kanada sei der beste Platz, jene Immigranten abzusetzen, die sie wo anders nicht unterbringen konnten. Diese sind nun nicht nach Kanada gekommen, weil man dort für sie Arbeit hat oder sonstige gute Aussichten ihrer warten, sondern infolge der Politik ihrer Wohltäter. Diesen Immigranten geht es nun nicht so gut wie denen, welche ich oben erwähnte. Einige Daten mögen das rapide Anwachsen der Immigrationsziffer in den letzten Jahren beweisen. Im Jahre 1901 gab es in Montreal nur 9 Schulen. Heute haben wir dort bereits deren 20. Weiters befanden sich im Jahre 1901 in Kanada 20.000 Juden, jetzt haben wir annähernd 60.000. Die Juden wohnen hier in ungefähr 130 Städten und Dörfern, nicht einberechnet die Farmen. Jene, welche schon längere Zeit im Lande sind, haben einen gewissen Einfluß auf Handel und Gewerbe. Haben sie doch den Aufschwung der Industrie in Kleidern, Zigarren u. dgl. herbeigeführt! Ein ganz kleiner Teil der Eingewanderten widmet sich akademischen Berufen. Die kanadischen Schulen sind voll von jungen Juden, besonders Kindern der Mittelklassen und der Armen, die ihren Kindern eine möglichst gute Erziehung zu geben suchen. In den kleineren kanadischen Städten spielen die Juden keine besondere Rolle im Handel. Die meisten sind Hausierer. Der gesellschaftliche und finanzielle Zustand der Juden in den kleineren Städten Kanadas ist ein solcher, daß man vorläufig von einer weiteren systematischen Immigration dorthin absehen muß. Dazu gehören noch Jahre. Werfen wir wieder einen Blick in die Statistik: Vor sieben Jahren zählte die Stadt Montreal 10,000 Juden. Ihre Zahl ist heute auf 35.000 angewachsen. Der gleiche Zuwachs ist in Toronto und anderen großen Städten zu bemerken. Die meisten dieser eingewanderten Juden kamen hieher, um sich ein Heim zu gründen, wo sie vor Verfolgungen geschützt sind. So stieg die Einwanderungsziffer immer höher und die Arbeitsgelegenheit schrumpfte immer mehr und mehr zusammen. Dann noch eines: Der Arbeiter, der aus Rußland zu uns kommt, muß noch viel lernen, bevor er ein guter Arbeiter wird und so seinen Lebensunterhalt finden kann. Nicht genug damit, geben die Engländer dem englischen Arbeiter den Vorzug und beschäftigen keinen Juden, wenn sie an seine Stelle einen Engländer bekommen können. Die „Trade Unions* stehen dem jüdischen Arbeiter auch gar nicht freundlich gegenüber und wollen sie auch nicht als Mitglieder aufnehmen, obwohl die Arbeiterführer immer enunzieren, alle Arbeiter seien untereinander gleich ohne Unterschied der Konfession oder Rasse. Das Resultat davon ist, daß in Kanada ebenso wie in anderen Ländern, jüdische Arbeiter nur in solchen Trades Aufnahme finden, die entweder Juden geschaffen oder Juden zu Führern haben. Und dann können diese Trades erst nur einer beschränkten Anzahl von Juden Arbeit verschaffen. Der größte Teil maß sich seine Arbeit in christlichen Fabriken suchen und hat mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen, bis er etwas findet