Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr 4. selbst galizischer Jude ist, lange Jahre galizischer Reichsratsabgeordneter war und der sogar bei den letzten Reichsratswahlen ein galizisches Mandat für sich in Anspruch genommen hat, die Veröffentlichung dieses „Offenen Briefes" ablehnte. Und mit welch merkwürdiger Begründung! Das älteste, vornehm tuende jüdische Blatt, zu dessen ständigen Mitarbeitern einst Lazarus, Steinthal, Steinschneider u. a. gehört haben und in dem gedruckt zu sein sich bisher jeder jüdische Schriftsteller zur Ehre gerechnet hat, sinkt unter einem unfähigen, dem Judentum ganz entfremdeten Redakteur so tief, daß es zum Tummelplatze antisemitischer Bübereien eines Renegaten wird — und Herr Dr. J. S. B1 o c h, der sich die Bekämpfung des Antisemitismus zur Lebensaufgabe gemacht hat, rührt keinen Finger, Dr. J. S. Bloch aus Dukla bleibt reserviert, wenn seine Eltern im Grabe, alle seine Verwandten und er selbst als galizische Juden, zu Gaunern, Betrügern, Mädchenhändlern gestempelt werden .... Beneidenswerte Unempf indlichkeit! Und schickt man ihm einen fertigen Protest ins Haus, dann wirft er ihn in den Papierkorb. Diese Haltung der „Oesterr. Wochenschrift" ist für die heutigen Verhältnisse in Oesterreich so charakteristisch, daß ich es für eine Verletzung meiner publizistischen Pflicht halten müßte, darüber stillschweigend hinwegzugehen. Die galizischen Juden sollen und müssen wissen, wer ihr Freund und wer ihr Feind ist; wer den Mut hat, sich zu ihnen, den verfolgten und verhöhnten Parias, offen zu bekennen und wer sie nur für gerade gut genug hält, um ihnen alle sechs Jahre ein Mandat abzunehmen. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der galizischen Juden werden immer trauriger. Politisch entrechtet und ein Spielball in den Händen der Bezirkshauptleute, wirtschaftlich bedrängt und stets von neuen Katastrophen überrascht, haben sie gegen Vorurteile und Mißtrauen in den Reinen der eigenen Volksgenossen schwer anzukämpfen, sobald sie die heimatliche Scholle verlassen. In der vorigen Nummer war zu lesen, wie inhuman und fanatisch ein Ludwig August Frankl und Baron Königswarte r die galizischen Juden von sich stießen. Es ist heute in Wien nicht besser geworden. Das publizistische Organ der Gemeinde hat eine gute Nase und sein Schweigen spricht Bände. Wie die offiziellen Kreise in Berlin über die galizischen Juden denken, beweisen die Schandartikel eines Lessing in dem Blatte, dessen Eigentümer und Redakteur dem Berliner Kultusvorstande angehören. Diese Artikel mögen für die galizischen Juden und ihre Führer endlich eine Warnung sein, auf daß sie sich organisieren: in Galizien und anderswo — speziell in Wien. Dann werden ihr Ansehen und ihre Macht steigen; sie werden einen gleichwertigen politischen und sozialen Faktor bilden, wie gewisse Koterien, deren Mitglieder ja auch selbst keine Urwiener sind. Es wird dann möglich sein, den Freunden und Feinden der galizischen Juden in verdienter Weise zu begegnen. L. POLITISCHE RUNDSCHAU. Das Parlament wird am 24. d. M. wieder eröffnet. Trotz der Reform der Geschäftsordnung hängt die tschechische Obstruktion in der Luft. Es kann Niemand vorhersagen, ob das Parlament „arbeiten" wird. Jedenfalls wird sich der „Jüdische Klub" den arbeitswilligen Parteien zur Verfügung stellen. Seine Mitglieder sind ja sehr bescheiden. Sie verlangen für ihre Arbeit gar nichts. Es genügt ihnen eine Audienz beim Ministerpräsidenten; dann warten sie wieder ein ganzes Jahr. Der Ministerpräsident ist mit dem „Jüdischen Klub" sehr zufrieden und gedenkt die bevorstehende Volkszählung nach der alten Schablone durchzuführen. Die Gemeinderatswahlen für den I. Wahlkörper, die jetzt in Wien bevorstehen, zeigen den politischen Verfall innerhalb der Wiener Judenschaft recht drastisch. Die paar Mandate, die im I., II. und LX. Bezirk auf die jüdischen Majoritäten entfallen, sollen „Politikern" als Beute zufallen, die sich um das Judentum nie gekümmert haben, ja, die sogar ihre politische Karriere mit der Taufe einleiteten: In der Inneren Stadt werden solche zwei Renegaten kandidiert (Dr. v. Fürth und Dr. Wilhelm N e u m a n n); im II. und IX. Bezirke wieder Herren äla Schwarz-Hill er und M eich er, die ihr Judentum sehr rentabel zu gestalten wissen. Nirgends (mit Ausnahme des Dr. Hein) Männer von Opferwilligkeit, jüdischem Interesse oder politischem Talent, die fähig und würdig wären, die Mandate jüdischer Majoritäten in einem antisemitischen Gemeinderate zu bekleiden. Darüber sollte man sich auch nicht wundern. Die Führer der Wiener Judengemeinde haben durch ihre pseudoliberale Stickluft jede jüdische Regung in den jüngeren Generationen erdrosselt. Jetzt sehen wir ihre Zucht: Streber, Geschäftspolitiker, Renegater. Zwei neue Industriebanken sind in den letzten Tagen gegründet worden; eine in W ie n, die andere in Lemberg: beide judenrein. Jüdisches Kapital nehmen sie recht gerne; auf jüdische Mitwirkung wird verzichtet. Die Lemberger Industriebank wird zwar aus Landesmitteln gegründet, aber gerade die galizische Landes-Autonomie hält sich traditionell die Juden vom Leibe. Die Bank, die Herr P r a d e gründet, wird den christlichsozialen Geschäftsfreunden Rechnung tragen müssen und ihr christliches Großkapital gegen Juden in Schutz nehmen. Dafür werden die jüdischen Großbanken nach wie vor — christliche Komittenten vorziehen. Lasciate ogni speranza hat der Kriegsminister im preußischen Landtage dem Abgeordneten G o i t h e i n betreffs der Beförderung jüdischer Einjähriger zugerufen. Es bleibt beim Alten: der jüdische Einjährige kann in Preußen nicht zum Offizier ernannt werden. „Trotz aller Leistungen, die ich vollkommen anerkenne, müssen wir uns auch bei den jüdischen Einjährigen fragen, ob ihre Persönlichkeit geeignet ist, die Autorität vor der Front unter allen Umständen zu sichern." So lautet kurz und deutlich die Enunziation des Kriegsministers. Der Kaiser möchte die Juden ernennen, aber das — Offizierskorps mag sie nicht. Es ist unglaublich, wie wenig Macht der deutsche Kaiser besitzt.