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Neue Nationalzeitung · 1910-02-04 · Heft 3 (4.2.1910) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 3 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 3 Die grosse Moschee in Buchara. Zeichen an der Kleidung tragen. Ihr Rabbi ist Molia Hesekia ha-Kohen, dessen Vater gleichfalls Rabbi hier gewesen war. Vielleicht kam ich schon mit einem günstigen Vorurteil zu ihnen, aber sicherlich waren sie höchst intelligent und gastfreundlich. Viele.Juden waren weitgereiste Leute, einer war in China gewesen und "mehrere von ihnen waren durch Afghanistan und über den Chaiberpaß nach Indien gezogen. Mindestens einige Hundert waren „Hadschis", die die Pilgerfahrt nach Jerusalem gemacht hatten und mindestens ebensoviele Bucharer Juden sind dauernd nach' Jerusalem übergesiedelt, in der frommen Absicht, dort,.zu leben und zu sterben. Die meisten derer, die größere Reisen machen, waren in Moskau, viele auch in Paris und einige in London gewesen. Einer von ihnen war fünfmal in Moskau gewesen. Seine erste Reise dorthin hatte er mit einer Karawane (über Astrachan und die Wolga) gemacht und es hatte 80 Tage gedauert und 500 Rubel gekostet. Aber das war vor nahezu 40 Jahren. Keiner von den Bucharer Juden ist reich: aber alle scheinen in auskömmlichen Verhältnissen zu leben. Einige bauen Baumwolle, einige Weine und wieder andere bauen Tabak; viele sind .Kaufleute, die auf dem Moskauer Markte Teppiche gegen Manufakturwaren eintauschen und indischen Tee von Bombay über Batum und Baku importieren. Ihre Kulturstufe ist viel höher als man erwarten sollte. Die Hälfte von ihnen spricht hebräisch und am Neujahrstage (Rosch - Haschanah) hörte ich in ihrer Synagoge einen wandernden Rabbi aus Safed in seiner hebräischen Predigt Evolutionstheorien entwickeln. Sein Thema war der rabbische Satz, daß „Reue, Gebet, Wohltun das Böse abwenden". Aber wie, fragte er, kann der Lauf der Welt geändert werden? Und er antwortete, daß wir nach und nach nur allmählich den mächtigsten Strom ablenken und auch die Natur zwingen können, einen anderen Lauf einzuschlagen. Die Hauptsynagoge ist 500 oder 600 Jahre alt, mit Anbauten aus neuerer Zeit, die so etwas wie die Kapellen einer Kathedrale darstellen, insoferne als in jeder einzelnen Gottesdienst abgehalten wird. Natürlich hat sie ein Genizah — in diesem Falle nahe dem Dache — zur Aufbewahrung der für den Gebrauch untauglich gewordenen hebräischen Texte. Unter den Papieren dort fand ich, sorgfältig gefaltet, kein geringeres Kuriosum als ein Plakat in bengalischer und englischer Sprache, in dem eine Zaubervorstellung angekündigt war. die in Kalkutta im Jahre 1866 unter der Leitung von Professor Vanek, dem „Groß-Magier des Nordens", hätte stattfinden sollen. Die meisten jüdischen Einwohner besaßen Bücher, meist in hebräischer Sprache oder persisch in hebräischer Schrift. Aber sie hatten mehr frühe Drucke als Manuskript. Ich fand dort auch mehrere Inkunabeln, darunter den Ixar-Pentateuch, der in Spanien im Jahre 1490, zwei Jahre vor der Vertreibung der Juden aus dem Lande, gedruckt worden war. Das Exemplar ist deshalb von besonderem Interesse, weil Randbemerkungen und Korrekturen zeigen, datf es in Kairo mit dem berühmten Ben Ascher-Kodex verglichen worden war, der dort im Jahre 897, also vor 1000 Jahren geschrieben worden ist und die älteste mit einem Datum versehene Bibelhandschrift der Welt darstellt. Ich fand auch einige Seiten des Katalonischen Gebetbuches, das im Jahre 1526 in Saloniki für die jüdischen Verbannten aus Barcelona gedruckt worden war, sowie viele Konstantinopeler Drucke, die teils Unica, teils sehr selten waren. Daß auch Bücher ihre Schicksale haben, läßt sich mit besoderem Rechte von den wandernden jüdischen Büchern sagen. Es leben vielleicht 20.000 Juden in Ghanate, wovon die meisten in den Städten wohnen. Juden haben .viele Jahrhunderte sowohl im Lande wie in der Hauptstadt gelebt. Wie von ihren Nachbarn, den Afghanen, so glauben viele auch von den Bucharen und Turkmenen, daß sie von den zehn Stämmen abstammen; aber die Juden von Buchara sind Talmudjuden und stammen wahrscheinlich von den babylonischen Juden, die nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer sich ostwärts wandten. Ihre Familiennamen zeigen, daß viele von ihnen aus Per-ien (über Merw), aus Chiwa, gekommen sind. Die chinesischen Juden von Kai-Fong-Fu kamen wahrscheinlich aus Buchara, da viele persische Elemente in ihrer Liturgie den bucharischen Dialekt zeigen. Die Bucharer Juden selbst haben eine Tradition, wonach ihre Vorfahren sich in verschiedenen Teilen Persiens und besonders in Sabzawarm, zwei Tagereisen von Meschhed, niedergelassen hätten und daß sie von dort unter dem Eroberer Dschingos Khan (1220) nach Balkh und Samarkand gebracht worden seien. Als dann Samarkand unter Mehemet Chan, dem Eroberer von Schach Abbas, zerstört wurde (1598), siedelten sie nach Buchara über, wo sich schon eine jüdische Gemeinde befand, und eine Anzahl von ihnen wanderte von dort nach Tschihu Patschihu (Ghina) aus, von wo aus sie nur kurze Zeit mit ihrem Heimatlande in Verbindung blieben, obwohl sie „ihre Stammtafeln sich genommen" hatten. Der jüdische Missionar Wolff besuchte Buchara im Jahre 1832, als Molla Pinchas der Aeltere dort Oberrabiner war, und es befanden sich damals vier Synagogen in der Stadt. Wolff schätzte die Anzahl der Juden auf 10.000 und sagte, daß sie nur 300 Dollars jährlich als Steuern an Bahadur Ghan zu zahlen gehabt hätten. Er berichtete auch, daß sich dort 300 jüdische Familien befunden hätten, die zum Islam übergetreten und bei der Bevölkerung verhaßt waren; sie hätten mit dem „Gholoom" oder persischen Sklaven Ehen geschlossen, aber nicht mit den Uzbeken. Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts kam ein gewisser Joseph ben Moses Maimon, ein Jude aus Tetuan der deshalb „Mughrebi" genannt wurde, über Jerusulem und Bagdad nach Buchara. Er fand die Juden un

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