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Neue Nationalzeitung · 1910-02-04 · Heft 3 (4.2.1910) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 3 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 FEUILLETON. E. N. Adler (London/*): Die Juden in Buchara. Als der Zug in die Station Buchara einfuhr, zeigten die eingeborenen Fahrgäste deutliche Spuren von Aufregung und die Szene auf der Station war rührend zu beobachten. Der phlegmatische Orientale der Fabel ist in Turkestan nicht anzutreffen. Im Gregenteil — die Eingeborenen scheinen ganz Nerven und Erregung zu sein. Die Pilger wurden von den zu Hause gebliebenen Verwandten und Freunden mit Küssen und Umarmungen bewillkommt und selbst einfache Bekannte strichen ihren Bart als Zeichen der Wiedersehensfreude und als Willkommengruß. Die Station Buchara ist ungefähr zehn Meilen von der Hauptstadt entfernt. Sie liegt inmitten von Neu-Buchara, einer neuen persischen Vorstadt, die fürchterlich langweilig und uninteressant ist und wo alle Europäer wohnen, deren Amt oder Geschäft sie zwingt, in der Nähe der berühmten alten Stadt zu leben. Es gibt dort zwei Hotels, einstöckig gebaut und mit geringer Bequemlichkeit ausgestattet und das große und wichtig aussehende Gesandtschaftsgebäude, wo der liebenswürdige politische Agent Ignatieff residiert Die Landstraße nach Alt-Buchara ist nicht uninteressant. Baumwollplantagen, ein oder zwei malerische Dörfer und eine Reihe von Bäumen mildern die Einförmigkeit der Straße. Ein ununterbrochener Strom von Laubhütte in der bucharischen Kolonie zu Jerusalem. *) In dem zentralasiatischen Buchara, welches von seinem Emir bloß nominell regiert, von Kußland aber militärisch besetzt ist, bereitet sich eine große Umwälzung vor. Die durch die Kämpfe der Sunniter und Schiiten (mohammedanische Sekten) hervorgerufene innere Revolution will Rußland als Anlaß benützen, um das Land zu annektieren. Um die politischen Verhältnisse in Buchara noch mehr zu komplizieren, hat die russische Regierung alle in ihrem Reiche vorhandenen bucharischen Juden (ca. 10.000) ausgewiesen und ihnen dadurch den Vorgeschmack russischer Herrschaft geboten. In obigem Feuilleton, welches wir mit gütiger Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung Strecker &Schröder in Stuttgart dem bei derselben soeben erschienenen Buche „Von Ghetto zu Ghetto" von E. N. Adler entnehmen, finden unsere Leser eine nähere Beschreibung dieses merkwürdigen Landes und seiner jüdischen Einwohner. Auf das Buch selbst, welches mit zahlreichen Illustrationen versehen, viel Neues, besonders über die Juden in Asien enthält, werden wir noch zurückkommen. A n m. d. R e d. Eingeborenen zu Pferde, auf Kameelen und auf Eseln, kleine Wagen auf kolossalen Rädern und abgenutzte „ DroschkiesK wirbeln Staub auf und bringen Leben in das Bild. Näher der Stadt kommt man an Gärten voller Rosen und Granatäpfel vorbei, den „Gulistans" der pershchen Poesie"; aber leider sind sie von hohen Mauern umschlossen. Buchara selbst ist eine wundervolle alte Stadt. Mit einer malerischen alten Mauer aus der Zeit der Kreuzfahrer umgeben, hat sie keinen Raum, sich auszudehnen. Außerdem befinden sichBegräbnisplätze innerhalb der Mauern, die den für Häuser verfügbaren Platz noch weiter beschränken. Glücklicherweise empfiehlt jedoch russischer Rat, der hier einem Befehle gleichkommt, den Bewohnern, ihre Toten künftig nicht mehr bei den Häusern der Lebenden zu begraben. Die Straßen sind eng und krumm und an beiden Seiten befinden sich die hohen Mauern echt orientalischer Häuser, deren Fenster nur auf die Hofräumeblicken. Bei Sonnenuntergang werden die Tore geschlossen und die Straßen sind dann menschenleer. Der leichtsinnige Reisende, der sich auf der Rückkehr nach der Stadt verspätet hat, muß den Wächter wecken und ihn veranlassen, das Stadttor zu öffnen. Und — wie man dem, der die Erfahrung gemacht hat, glauben mag — es ist recht unbequem und unklug, sich durch die dunklen und leeren Straßen, alle Hunde Bucharas auf den Fersen, nach Hause zu tasten. Nahe der Mitte des Basars machen zwei Wächter, die mit Klappern ausgerüstet sind, die Nacht mit ihrem Geschrei, das die Geister erschrecken soll, unerträglich. Ich bin jedoch etwa gegen 10 Uhr abends fast zwei Meilen innerhalb der Mauern von Buchara gegangen, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. In der alten Stadt sind zwei oder drei Karawansereien, doch gibt es kein Haus, in dem ein Europäer gegen Bezahlung mit irgendwelcher Bequemlichkeit wohnen könnte. Ich war glücklicherweise im Gebäude der Moskauer Bank, dem einzigen, das irgendwie europäisch eingerichtet ist, gut aufgehoben. Den größten Teil meines ein wöchentlichen Aufenthaltes brachte ich mit meinen Glaubensgenossen zu, von denen 4000 oder 5000 in Buchara leben, wo sie ein besonderes Viertel bewohnen und ein besonderes

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