Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 3 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 zu Ende war, die Karten von sich, sprang wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe und schrie das eine über andere Mal: „Das ist mein Witz! Mein Witz! Er hat mich beganewt!* Ich konnte nicht entscheiden, wem die Priorität zuerkannt werden müsse; aber ich bemühte mich, Deutsch zu beruhigen, indem ich erklärte, Frankl habe mir keineswegs diesen Witz als Eigenbau, sondern mehr als geflügeltes Wort mitgeteilt. Uebrigens, fügte ich hinzu — und das schmeichelte Deutschs Eitelkeit —- hat Frankl bei dieser Gelegenheit rühmend des kaustischen Witzes gedacht, über welchen Direktor Deutsch verfüge und mir auch Proben desselben zum besten gegeben. „Lassen Sie hören! Lassen Sie hören!" erscholl es von allen Seiten. „Gut, ich will Ihnen eine derselben, die ich mir gemerkt, wiedergeben und Direktor Deutsch mag zusehen, ob er sich zu derselben bekenne. Dr. Frankl erzählte mir nämlich u. a., Herr Deutsch sei einmal an einem Sabbat nach dem Gottesdienste im Omnibus nach der Stadt gefahren. Am darauffolgenden Sabbat habe nun ein einfaltsfrommcr, um das Seelenheil der anderen bekümmerter Glaubensgenosse, ein ständiger Besucher des Taubstummen-Bethauses, nach dem Beten zu einigen Umherstehenden eine Anspielung auf diese Sabbatfahrt des Direktors gemacht. Daran habe sich folgender Dialog abgespielt. Der Direktor: „Wie, Sie wollen mich am Sabbat im Omnibus gesehen haben?" Der andere: „Ja wohl, lieber Herr Direktor!" Der Direktor: „Habe ich da geraucht." Der andere: „Ja, ja, Sie haben dabei auch geraucht." Der Direktor: „Nu, da war ich's doch nicht. Das ist doch der unumstößlichste Beweis, daß ich's nicht war." Und der brave Mann war auf der ganzen Linie geschlagen. Die ganze Gesellschaft nahm lachend das Kartenspiel wieder auf und Deutsch sagte schmunzelnd: „Der Frankl muß doch alles ausschwatzen". Wie die meisten Altwiener jüdischen Kreise hatte auch Frankl einen leisen Horror vor Galizien. Als ich im Jahre 1883 von einer mehrwöchentlichen Studienreise durch Galizien heimgekehrt war, traf ich kurz darauf Frankl auf dem Graben promenieren. Er hatte Kenntnis von meiner Reise und ließ sich von mir meine Erlebnisse erzählen. Ich war noch ganz voll von den Eindrücken, die auf mich eingestürmt, von den niederdrückenden Erfahrungen, die ich gesammelt und schilderte ihm, noch im Innersten bewegt, was ich gesehen und erlebt; zum Schlüsse der Ueberzeugung Ausdruck gebend, daß hier etwas geschehen müsse, wenn die Gefahr einer Massenbewegung, wie ich eine ähnliche zwei Jahre früher gelegentlich der russischen Emigration in der Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, noch rechtzeitig vorgebeugt werden sollte. Jetzt erst, als ich inne hielt, merkte ich, daß sich inzwischen die sonst so glatten und heiteren Mienen Frankls in ernste Falten gelegt und daß er, gegen seine Art, ungewöhnlich lange geschwiegen. Plötzlich brach er in den Ausruf aus: »Um Gotleswillen, regen Sie nur keine Hilfsaktion für Galizien an; da ist übrigens nicht zu helfen! Wir stecken ohnehin schon tief drin, und es fehlt nicht viel, daß uns das bischen Kultur und das bischen Emanzipation, die wir uns so mühevoll errungen, erstickt wird. Hören Sie auf meinen Rat, der ich hierin viel Erfahrung habe. „Lassen Sie Toten ihre Toten begraben", sie stehen ohnehin zeitig genug auf; aber wecken Sie sie nicht zur Unglücksstunde, wo das Mittelalter mit seinen unheimlichen Schatten heraufzusteigen anfängt. Ich wiederhole Ihnen, da ist nichts zu machen. Nur ein Mittel gibt es und das heißt:.......!" Dabei gebrauchte er ein recht hartes, ja grausames Wort, das ich mich nicht zu wiederholen getraue. — Wir gingen still nebeneinander her. Als wir in die Rothenthurmstraße einbogen, kam uns Szäntö in den Weg und schloß sich uns an. Szäntö stand vollständig auf meiner Seite und das verdroß Frankl. Nach kurzer Kontroverse blieb er stehen, faßte Szäntö an beiden Händen und seine heitere Laune wieder gewinnend, sagte er zu ihm mit komischem Pathos: „Simon Szänlö, Sie stehen im Begriffe, Ihre publizistische Feder einer gefährlichen Sache zu leihen. Ihr zündet ein Feuer an, das uns alle verzehren wird. Mir kann's übrigens recht sein, da ich es nicht mehr erleben werde. — Doch wer kann wissen, vielleicht habt ihr recht; vielleicht steigt aus diesem Feuer, darin ein völlig stumpf gewordenes, bei lebendigem Leibe krepiertes Geschlecht schmoren wird, dem Phönix gleich ein neues Judentum hervor: als „Licht der Völker". Diese Prophezeiung der Propheten ist doch noch nicht in Erfüllung gegangen." Sie haben beide das neue Morgenrot nicht mehr gesehen, das aus dem Osten emporstieg unduns mit dem Zionismus und Nationalismus begabte. Er bildete aber, wie gesagt, mit seiner Aversion gegen Galizien keine isolierte Erscheinung. Als einige Jahre später Baron Hirsch, auf die galizischen Kulturverhältnisse aufmerksam gemacht, seine .Millionenstiftung' kreieren wollte, da hätte er es sich in den Kopf gesetzt, aus den namhaftesten jüdischen Finanzbaronen in Wien sein Kuratorium zusammensetzen zu wollen. Er schickte Herrn Veneziani, seine rechte Hand, nach Wien, um diese Herren in sein Interesse zu ziehen. Dem Drängen Venezianis nachgebend, begleitete ich ihn zu Herrn Baron Moritz Königs warter. Dieser empfing uns in höflichster Form. Als er aber erfuhr, worum es sich handle, geriet er in Aufregung und rief das eine über das andere Mal aus: „Nicht anrühren! Nicht anrühren!" und hielt uns eine lange Standrede voll Invektiven gegen Galizien, die in die Worte auslief: „Da gibt es nur eine Hilfe:......!" Es war dasselbe harte Mittel, das Frankl empfohlen. Königs warter eiferte gegen jedes Streben, den Galizianern, sei es daheim oder in Wien helfend entgegen zu kommen. „Da haben sie", erzählte er erbost, „hier in Wien eine Talmud-Thoraschule, als lebten wir mitten in Galizien, errichtet. Zucker aufstreuen für die Fliegen! Und dieser da", fuhr er fort, auf mich hinweisend, „ist auch einer, der jeden Kaftan mit Gold überziehen möchte!" So und ähnlich sprach ein konservativer Jude, der aus dem Kultusvorstand austrat, um es nicht mitzuversündigen, daß im Tempel ein deutsches Gebet eingeführt werde; dem Rabbiner Jellinek viel zu wenig fromm und der für seinen strengfrommen Lebenswandel auch einen orthodoxen Rabbiner zu seinem Quasibeichtiger haben mußte; so sprach ein Jude, der gern einige auswendig gelernte talmudische Brocken in seine Rede einflickte, um sich als Talmudjuden zu dokumentieren, so sprach er von seinen Glaubensgenossen, die doch auch Talmudjuden waren! Wie wir uns von Baron Königswarter verabschiedeten, wird den Leser weniger interessieren. Veneziani tat es auf französich, ich auf deutsch. Jener aber, obgleich kein konservativer, ein wahrhaft edler und frommer