Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 3 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung' Seite 3 der Beschaffung der erforderlichen Geldmittel. Den Vorsitz führt der alte Jos. R. v. Wertheimer. Alles geht den besten Gang und der Vorsitzende kann endlich zur Abstimmung über die einzelnen Punkte schreiten. Da erhebt sich der Vertreter des Baron Rothschild, das Vorstandsmitglied Moritz R. v. G o 1 d s c h m i d t, und verlangt das Wort. Wertheimer hört ihn nicht und nimmt die Abstimmung vor. Goldschmidt wird ungestümer. Wertheimer hört ihn nicht. Jetzt tritt Goldschmidt vor und stellt sich knapp hinter mich, der ich neben Wertheimer sitze und schreit: „Herrrr Prrr;ä—sident, ich bitte ums Wort!" Umsonst, Wertheimer bleibt taub und bleibt auch taub mir gegenüber, der ich ihm ins Ohr flüstere, Herr v. Goldschmidt wünsche das Wort. Inzwischen ist die Abstimmung nach Wunsch erledigt. Da knirscht der alte Goldschmidt vor Zorn, in den Bart brummend die Worte : „Arrrroganter ..,.!" und die Faust in der Tasche ballend, verläßt er den Saal. Als ich Wertheimer nach Hause begleitete, fragte ich ihn, ob er denn es überhört habe, wie ungeberdjg Herr v. Goldschmidt das Wort verlangt habe? „Wie konnte ich so etwas überhört haben?" erwiderte Herr v. Wertheimer. „Aber ich mußte unter allen Umständen es verhindern, daß er zu Worte kommt, sonst hätte es mit unserer Sache leicht schief gehen können. Baron Rothschild, der unserer Aktion 3000 Pfund widmete, wünschte, daß dieselbe in aller Stille, ohne Aufruf und Ausweise in den Zeitungen durchgeführt werde. Da wären wir aber mit unseren beschränkten Mitteln nicht weit gekommen. Goldschmidt nun hatte die Mission, diesen Standpunkt in der Versammlung zu vertreten und wie leicht hätte er nicht der frischen Farbe der Entschließung mit seinen Bedenken und Rücksichten des Gedankens blässe aufgedrückt und unsere Pläne geschädigt? Besser also, daß ich mich mißliebig mache, als daß die Sache leide." Ein anderes Erlebnis. Wertheimer wollte ein eminent philanthropisches, aber kostspieliges Hilfswerk in Szene setzen, stieß jedoch dabei auf eine starke Opposition seitens seiner beiden Vizepräsidenten Dr. Kuranda und Dr. Kompert, welche die Bedeutung und die große Ersprießlichkeit der geplanten Aktion wohl in ihrem vollen Umfange zu würdigen wußten, jedoch die schwersten Bedenken betreffs der Beschaffung der nötigen Foncls äußerten und hierin die rechnenden Finanzmänner im Vorstande auf ihrer Seite hatten. Es kam zur entscheidenden Sitzung, und Wertheimer sah sich gegenüber einer kompakten aus lauter Bedenken zusammengesetzten Majorität. Vergebens öffnete er alle Schleusen seiner Beredsamkeit, vergebens schilderte er die beabsichtigte philantropische Institution von allen Seiten, versichernd, ein energischer Wille werde unschwer die erforderlichen Geldmittel beschaffen; die oppositionelle Majorität blieb bei ihrem starren non possumus. Da riß dem achtzigjährigen Manne der letzte Faden der Geduld, er sprang in tiefst er Erregung empor, schlug mit seinen dürren, knochigen Händen auf den Tisch, aufschreiend: „Ich lass' mich von euch nicht ins Boxhorn jagen \" und stürzte aus dem Saale. Die Versammlung geriet in große Bestürzung. Als sie wieder die Fassung erlangte, beriet sie unter dem Vorsitz Kurandas den Antrag ihres Präsidenten von neuem und ehe ein halbes Stündchen verflossen, war derselbe einstimmig zum Beschluß erhoben. Die Auslagen, aber kamen zehnfach ein. So und ähnlich sahen sie aus, die Männer, aus welchen in jenen Zeiten noch der Kuttusvorstand zusammengesetzt war. Und aus demselben HolZi war Frankl, der Sekretär des Vorstandes, geschnitzt. Es war ein verantwortungsreiches, den ganzen Mann beanspruchendes Amt, das er zu versehen hatte, wenn er auch dabei von den führenden Männern im Vorstand aus allen Kräften unterstützt wurde. Und) dennoch verfügte er über erstaunlich viel freie Zeit, so daß er nicht nur seinen zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen leicht nachkommen, sondern auch allen feierlichen, Anlässen, freudigen und traurigen Ereignissen, literarischen Veranstaltungen u. s. w., u. s. w. beiwohnen konnte-. Und als ich ihm einmal meine Verwunderung darüber äußerte, daß er seinem Amte so viel Muße abgewinnen könne, erwiderte er: „Ordnung lehrt auch Zeit gewinnen. Geschäftigkeit ist noch lange nicht Tätigkeit. $ei uns in Wien ist es aber traditionell, daß die Beamten big hinunter zum Schammes immer und überall pressiert sind. AUes rennt! Ich will Ihnen diese Art Geschäftigtun an einem klassischen Beispiel illustrieren. Neulich kam ich v^Qn. einem Spaziergang aus dem Prater über die Fer^anqtabrücke. Da stürmt an mir mit flüchtigem Gruße der Schammes von der türkischen Schule vorüber, ich fasse ihn bei der Hand und frage ihn, was es denn, gaj; so. dringend gebe, daß er so unbändig eile. „4ch, Herr Doktor", bittet er flehentlich, „halten Sie mich nicht; auf, ich weiß vor Arbeit nicht, wo mir der Kopf steht,". Aber was in aller Welt, frage ich, ist denn los? „Ach", seufzt er vor kurzem Atem und sphwereir A^heit^ „wiss.en: Sie denn nicht, daß morgen Feiertag ist und, damuß ich den Sepher-Thoras frische Mäntelchen umhängen". „Sehen Sie", so schloß Franzi, „wenn man bei uns nicht hin und her und her und hin schieß und nicht verzweifelt viel zu tun zu haben lamentiert, ist man ein Müßiggänger. Für mich aber ist den Sepher- Thoras die Mäntelchen umhängen eine Spielerei, die ick in der Dämmerung versehe, wo ich nichts besseres anzufangen weiß." Frankl war nicht nur ein geistreicher, sondern, auch ein witziger Mann. AJs ich ihn einmal in seinem Bureau besuchte, war gerade vor mir Dr. Jellinek d#, der im Hause wohnte. Frankl bedauerte, daß der Vermehr mit diesem ausgezeichneten. Manne wegen seiner Schweuhöriig^- keit ein komplizierter und kam dann auf die Wiener Prediger überhaupt zu sprechen. Da sprudelte, wj.e in Augenblicken übermütiger Laune bei ihm ni*cht. gelten, zu geschehen pflegte, ein an frivolem Scherz grenzendes Witzw;ort hervor: „Wir nahen", sagte erv *in, Wien, zw>ei H&uptpredoger,, deren einen man. die gan^e Wocfye internieren, am, Sabbat jedoch freigeben; deren anderen, man die ganze Woche freilassen, am Sabbat aber mj.t Hausarrest belegen sollte." Als ich ihn. fragen,^ ansah, da ich diese Rätselworte nicht gleich verstand, fuhr er fort: „Sie verstehen das nicht? Nichts einfaches. Per eine ist wegen seines schlechten Gehörs ,unp\ seiner Schwerfälligkeit gesellschaftlich untauglich; ist a£er eine wahre Zierde der Ranzel: er bleibe ajso die Wache hindurch in seinen vjer Wänden und werde am S^bb^it auf die Kanzel geholt Der andere besitzt gesel!scha$- lichß Talenjte, ja spgar einen starken Ejn^chlag xon, Burschikoßität, ist aber auf der Kanzel wenig genießbar; ihm gehöre oUe Woche1 man. verhalte ihn al?er, am Sabhat die Schnelle seiner Türe nicht zu übertreten." Den, nächsten, Samstag besuchte ich SzäintiQ* bei welchem au. diesem Tage hnmei; eine witzreiche Tarokpartie anzutreffen war. Dort gab. ich diesen Witz zum besten. ]>)& fcam ich aber sj&pu an. Direktor Joel Deutsch vom Taubstummeninstitut warf, ehe ich noch