Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 3 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr 3. Nicht etwa durch schädliche, schrittweise Konzessionen, durch Hinuntersteigen in die Tiefe, dadurch, daß man dem Geschmack der Wähler schmeichelte, sondern durch Erhebung vermittelst eines geläuterten, dem Geiste der Zeit angepaßten Gottesdienstes, durch Belehrung von der Kanzel herab und durch einen gediegenen Religionsunterricht, der nicht wie heute in den verschiedenen öffentlichen Schulen von sehr verschiedenen Religionslehrern, sondern im Tempelgebäude in der Stadt von gediegenen Kräften erteilt wurde. Außer den bestellten Religionslehrern, die der Größe ihrer Aufgabe sich völlig bewußt waren und sie auch gründlich beherrschten, mußte in jenen Zeiten der erste Prediger der Gemeinde, Dr. Jellinek, den Religionsunterricht an den obersten Klassen der Mittelschulen erteilen. Diese Religionslehrer fühlten sich damals noch lange nicht als Professoren, deren Losung „Disziplin" — natürlich die rein äußerliche — und deren Mittel, um den Schülern die Liebe zur väterlichen Religion einzujagen, Katalog und Bleistift, die abschreckende Geißel für die Jugend, sondern als väterliche Lehrer und liebevolle Erzieher. Jene moderne „Kultur" ihrer heutigen Nachfahren kannten sie noch nicht. Noch einmal: der Kultusvorstand war damals e i n Guß: seine Mitglieder rekrutierten sich aus den Kreisen der Intelligenz, der Staatsmänner, Parlamentarier, Dichter, Gelehrten, Schriftsteller und Männer der Hochfinanz. Und selbst die letzteren waren von dem gleichen idealen Geiste beseelt, der auch in ihren Salons zum Ausdruck gelangte, welche Sammelpunkte für die Welt der Kunst und Wissenschaften waren. Diese Körperschaft war von einer Idee erfüllt: der Idee des unverfälschten alten Liberalismus, der dann auch die Atmosphäre der Gemeindestube durchwehte. Jedes einzelne Mitglied dieses Vorstandes fühlte sich als Träger und Apostel dieser Idee. Und das war das eine gemeinsame Band, das diesen Vorstand fest zusammenhielt. Und ein anderes gemeinsames Band war die Ehrfurcht vor dem Wissen und dem Talent. Je höher einer selbst steht, desto höher hält er den anderen; je origineller einer ist, für umso origineller hält er den anderen; daher die merkwürdige Beobachtung der Distanz, die man in dieser Körperschaft ungeachtet der intimen und intimsten Beziehungen der einzelnen Mitglieder zu einander wahrnehmen konnte. Jeder anerkannte und schätzte das Streben und Können des anderen, und die später eintretenden jüngeren Älitglieder hielten sich bescheiden im Hintergrunde, bis sie den Alten den Geist der Verwaltung und Führung abgelauscht hatten und sich berufen fühlten, mitzuberaten. Man mußte es mitangesehen haben, mit welcher Hochachtung und Verehrung sie selbst dem Sekretär begegneten. Jeder dieser Leute — und auch das machte sie gleichgestimmt — hatte noch die Zeit vor der Judenemanzipation gesehen und jeder von ihnen war von der Ueberzeugung durchdrungen, diese Emanzipation, die doch das erste Postulat des erwachten Liberalismus war, wenn auch nicht selbst herbeigeführt, so doch mitgeholfen zu haben, daß sie verwirklicht werde. Und noch eines war ihnen allen gemeinsam, zumal den Führenden, den weltlichen wie den geistlichen: das war die Eitelkeit. Sie war aber von so liebenswürdiger und harmloser Art, daß man sie nicht gern hätte missen mögen. Eitelkeit ist widerlich bei alltäglichen Menschen, die nicht die mindeste Berechtigung haben, eitel zu sein. Bei bedeutenderen Menschen jedoch ist sie in,der Regel der Ausfluß einer gewissen Naivetät, einer kindlichen Freude an anerkanntem Schafifen. In diesem Sinne waren sie alle insgesamt eitel, vom Präsidenten bis zum Sekretär. Natürlich durften auch die geistigen Führer dabei nicht abseits stehen bleiben. Es war rührend, zu sehen, wie der eine bei aller Freundschaft und Wertschätzung für den anderen sich mir gegenüber über dessen kleine Eitelkeiten belustigte. Am freiesten, weil am selbstlosesten, von dieser frommen Schwäche war Mannheimer, der, lebte er heute, der Asket kat' exochen unter den Rabbinern wäre. Eine starke Portion von ihr besaß Dr. J e 11 i n e k, der sich gleichwohl entrüsten konnte über die Eitelkeit Geigers. Nicht minder stark, wenn auch in einer anderen Art, war Frankl von ihr beherrscht. Weniger auf die Oberfläche trat sie bei Dr. Kompert, in welchem sie eine demutsvolle Gestalt angenommen hatte. Und doch glaubte er sich völlig frei von ihr und konnte nicht begreifen, wie manche Leute eitel sein können. Ich erinnere mich, daß er anfangs der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, von Berlin zurückgekehrt, mir mit tiefster Entrüstung erzählte, er sei mit Berthold Auerbach in traulichem Gespräche — das heißt, korrigierte er sich sofort, in Auerbachs Gesellschaft kommt doch niemand außer ihm zum Wort — durch die Straßen Berlins promeniert; plötzlich, während er ganz Banales geplaudert hätte, sei er stehen geblieben und habe zu ihm allen Ernstes gesagt: „Da nehmen Sie sich nur gleich, lieber Kompert, das Notizbuch heraus und zeichnen Sie sich diesen Gedanken auf." „Ist das nicht," so schloß Kompert, „der Gipfel der Eitelkeit?" Dabei sprach aus jedem Worte Komperts die verletzte eigene Eitelkeit. „Ich bin doch," meinte er, „auch etwas und habe es, Gott sei dank, noch nicht nötig, mir von Auerbach Ideen borgen zu müssen." '' . Will man Frankl als ersten Funktionär der ehemaligen Wiener Gemeinde beurteilen, so muß man sich seinen Vorstand, von dem er ein Stück ist, ein wenig in der Nähe besehen. Er war hier ein par inter pares; der Verkehr zwischen beiden ein durchaus kollegialer; es wurden ihm die gleichen Rechte eingeräumt und die gleichen Pflichten von ihm gefordert. Daß es mitunter Differenzen zwischen beiden gab, konnte nicht ausbleiben, aber sie waren stets sachlicher Natur. Ich war einmal Zeuge einer stichelnden Unterhaltung zwischen dem Präses Dr. K u r a n d a und dem Sekretär Frankl. Es war nach einer Sitzung im Saale der Kullusgemeinde. Man plauderte in einer Fensternische. Kuranda, der in der Regel zu Fuß sich zu den Sitzungen begab, hatte heute einen Wagen benützt. In Bezug darauf fragte er den Sekretär Frankl: „Haben Sie mich heute vorfahren gesehen?" „Nein," erwiderte dieser, „vorfahren habe ich Sie nicht gesehen, aber um so öfter auffahren." „Dann," gab Kuranda zurück, „um das Wort zu Tode zu hetzen, waren die Dinge eben verfahren." Hierauf verabschiedeten sie sich in herzlichster Weise, als ob sie eitel Komplimente gewechselt hätten. Sie waren aber auch gegen sich, selbst streng, diese Vorsteher,' und beobachteten die rigoroseste Disziplin dem Präses gegenüber. Wo immer man in jene Zeit hineingreift, da ist es interessant und fordert zu Vergleichen zwischen einst und jetzt heraus. Hier einige Episoden. Achtundzwanzig Jahre sind es her. Eine illustre Gesellschaft tagt in Wien, zu der Paris, London, Berlin, selbst Budapest ihre Delegierten entsendet haben. Es handelt sich um ein großes Ereignis, um die Organisierung der russischen Emigration und um Beratung: