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Neue Nationalzeitung · 1910-01-21 · Heft 2 (21.1.1910) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 2 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2 _„Neue National-Zeitung"_Seite 11 FEUILLETON. Prof. Dr. Max Grünfeld : ~ih. J-L ^a11 ßaine- (Thomas Henry Hall C a i n e: „The bondman, A new saga". 3 Bände. Autorisierte Uebertragung ins Deutsche von H. W. Herzog.1) Unter diesem Titel ist soeben eine vortreffliche Uebersetzung eines Meisterwerkes der englischen Romanliteratur der Gegenwart erschienen. Der Gegenwart sagen wir, obgleich 19 Jahre seit dem Erscheinen des Romanes Gaines verflossen sind. Die verblüffende Fruchtbarkeit, namentlich auf dem Gebiete der belletristischen Literatur, die anzustaunen wir Gelegenheit haben, die wahrhafte Flucht der Erscheinungen, die sich vor unseren Augen vollzieht, wenn wir sehen, wie alljährlich um diese Zeit ganze Warenhallen der erzählenden Literatur auf den Markt geworfen werden, dies alles bewirkt, daß 20 Jahre schon als eine lange Zeit gelten, wenn wir die Entwicklung der neueren Dichtkunst in Betrachtung ziehen. Welche Fülle von Namen ist in dieser Zeit nicht aufgetaucht, wie viele wurden aber auch schon vergessen und gehören der Vergangenheit an, wenn wir nur unser Auge auf die Deutschen werfen! Hall G a i n e aber, der Dichter der Insel Man und ihr glänzendster Schilderer, einer der vielgelesensten Romanschriftsteller des heutigen England 2) gehört zu jenen Großen, jenen Begnadeten, deren Werke sich ihre Frische bewahren; ihren Dichtungen tun Jahrzehnte nichts an, in ihrer glühenden Farbenpracht verblassen sie nicht. Man wird dies von vielen, jetzt hochgepriesenen Werken der neueren Literatur, nach 20 Jahren, kaum sagen können. Hall Caine3), in Runcorn am 14. Mai 1853 geboren, verlebte seine Jugendzeit teils auf Man, teils in Liverpool. Als die Hauptaufgabe seines Lebens betrachtet er die Schilderung der Insel in der irischen Bucht, auf der er nun, auf seinem Landgute, G r e e b a Castle, lebt. In seinem Romane „TheManxman" 4) gibt er eine wahrhaft klassische Schilderung des Lebens nnd Treibens der Leute dieser Insel, die im Mittelalter unter den Namen Eubonia, Manan, Maning bekannt war, von einem keltischen Stamme bewohnt ist, und von den Schotten im 15. Jahrhunderte angekauft wurde. Die Engländer vertrieben sie im folgenden Jahrhunderte. Seitdem waren verschiedene Familien mit der Insel belehnt. 1765 kaufte die britische Regierung die Souveränität und 1829 alle anderen Hoheitsrechte von dem Herzoge von A t h o 1. 5). ') Leipzig, Verlag von H. A. Ludwig Degen er. 2) Von dem englischen Originale seines Eomanes „The eternal eity" wurden in weniger als zwei Jahren mehr als 300.000 Exemplare verkauft. Ein nahezu beispielloser Erfolg! 3) Kenyon: Ha 11 Caine, London, 1901. 4) Schon 1897 in vortrefflicher Uebersetzung in der Zeitschrift „Ans fremden Zungen" erschienen. Die Verlagsbuchhandlung H. A. L u d w i g D e g e n e r, Leipzig, hat in ihrem Verlage Uebersetzungen der Meisterwerke Caines erscheinen lassen. Es sind dies: „The deemster", („Der Oberrichter"), „The eternal city" 1901, („Die ewige Stadt"), „The prodigal son, 1904 („Der verlorene Sohn") usw. 5) Caine „The little Manx nation" 1891. Vergl. auch den Roman „Der Bürg e", 1. Buch, S. 35. Die Leser dieses Blattes werden mich nun mit Recht fragen: Welches besondere Interesse sollen Juden einem Romanschriftsteller entgegenbringen, der in verschollene nordische Gegenden, nach der Insel Man und, wie es der vorliegende Roman „Der Bürge" tut, nach dem nordischen Thüle, dem Eislande mit seinen Lavafeldern, seinen Gletschern, seinen Spring- und Schwefelquellen, kurz nach Island führt? Auf diese Fragen möge sofort die Antwort erfolgen. Caine, der Nordländer, der „Manxmann" steht uns Juden wirklich nahe. Hat er doch, in seinen hervorragendsten Werken, biblische Stoffe, und zwar insbesondere solche des Alten Testamentes behandelt, das heißt diese zur Grundlage seiner glänzenden dichterischen Schilderung gemacht. Wir könnten ihm in dieser Beziehung den Vollblutgermanen, Freiherrn Börries von Münchhausen, an die Seite stellen, dessen schönste Balladen ihre Stoffe aus unserer biblischen Geschichte entnehmen. Daher verdient Caine besonders von Juden gelesen zu werden, welche, in ihrer Bibel oft nicht gerade am besten bewandert, wahrnehmen werden, wie ein moderner, klassischer, englischer Romanschriftsteller Erzählungen aus dem Kindesalter der Menschheit verwertet, um mit ihnen die prächtigsten Wirkungen hervorzubringen. Dies hat Caine schon 1886 in seinem Romane „A son o f Hagar", „Hagars Sohn" getan, lange, ehe unser Landsmann J. J. David denselben Stotf, wenn auch in anderer Form, und zwar in einem ländlichen Drama, behandelte. Biblische Stoffe verwertet er auch in seinem,, Oberrichter" (The deemster) und insbesondere im Manxman, hier die verfängliche Geschichte von David, Urija und Bathseba. In seinem Werke „The scapegoat" („Der Sündenbock" 1891, Deutsch 1895) schilderte er, wie wir nebenbei bemerken, in ergreifender Weise die Bedrückungen der Juden in .Marokko. Caine zeigt in seinen Romanen, wie die uralten biblischen Geschichten dn ihrem nie verblassenden Realismus im wahren Sinne des Wortes modern genannt werden können. Dies beweist er auch in dem Romane, der in prächtiger Ausgabe, in ausgezeichneter deutscher Uebersetzung uns vorliegt, in seinem Werke „Der Bürge" (The bondman). Schon das Motto ist biblisch: „Mein ist die Rache, ich will vergelten." Das sind Worte, welche der Apostel Paulus „An die Römer" schreibt, wie man in seinen Briefen, 12. Kapitel, Vers 19, lesen kann. Der Inhalt des Romanes will uns an dem Beispiele zweier Brüder, die von einem Vater, aber sehr verschiedenen Müttern stammen, deren Einer auf Island geboren ist, während der Andere auf der Insel Man das Licht der Welt erblickte, zeigen, wie sich das Rachegefühl in unendliche, aufopferungsvolle Liebe verwandeln kann, denn der Menschen Gedanken sind nicht Gottes Gedanken, der Menschen Pläne nicht des Herrn Pläne. Caines Werk „The b o n d m a n n", zu deutsch »Der Bürge" behandelt nämlich eine interessante Episode aus der Geschichte Islands, die sich gerade vor 10U Jahren, 1809, abspielte, als Jorgen Jorgensen, während des Krieges zwischen Dänemark und England, sich der Insel bemächtigte. Mit einem armierten englischen Handelsschiffe war er nach Reykjavik, der Hauptstadt Islands gekommen, eroberte die unbewaffnete Stadt und bekam hier bald die höchste Gewalt in die Hand, indem er den dänischen Gouverneur,

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