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Neue Nationalzeitung · 1910-01-21 · Heft 2 (21.1.1910) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 2 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Judenschaft mit der Gründung des Patronagevereins bloß eine alte Schuld an ihre Religion ab, die lehrt, daß jeder Mensch zu einem sittlichen Leben geboren sei. Der Verein ist der einheitlichen sozialen Patronage-Tätigkeit nicht abhold, fordert jedoch, daß jedes Kind in seinem eigenen Glauben erzogen werde. Auch diese Eede fand großen Beifall. Es folgten die Begrüßungen. Für die verwandten Vereine begrüßte Ministerialrat Julius v. R i c k 1, für die Losonczer Kultusgemeinde Adolf "W o h 1, für die Komäromer Kultusgemeinde Koloman Fried, für die Ofner Kultusgemeinde Dr. Adolf Webe r den neuen Verein. Telegraphische Begrüßungen Avaren vom Oberstadthauptmann Dr. esider B o d a, der Präsidentin des Katholischen Patronageverein Ddith Farkas, Magistratsrat Geza Alm ad y u. a. eingelaufen.<, t? Personal-Nachrichten. Der mit dem Titel eines Regierungsrates ausgezeichnete Polizeirat Moriz S t n k a r t, der verdienstvolle Chef des Sicherheitsbureaus, wurde zum Oberpolizeir a t, der Polizeikommissär Dr. W agner zum Oberpolizeikommissär befördert Die Beförderung des Herrn Oberpolizeix-ates S t u k a r t ist um so erfreulicher, als sie einen Beweis bildet, welche großartige Erfahrungen die Wiener Polizeidirektion mit ihren jüdischen Beamten macht. Es ist aber andererseits unverständlich, warum seit neun Jahren bei der Wiener Polizeidirektion kein jüdischer Beamter mehr Aufnahme findet. AUEN WCLHEiLEN Leopold II., König der Belgier, war in konfessioneller Beziehung ein absolut vorurteilsfreier Monarch. Als der König einst auf einem Hof balle erfuhr, daß ein hocharistokratischer Herr ein in Brüssel eine große Rolle spielendes jüdisches Ehepaar auffällig zurückgesetzt hatte, reichte Leopold II. der beleidigten Dame ostentativ den Arm und ließ die hochadelige Dame, die nach ihrer Stellung die erste im Defilee hätte sein müssen, einfach stehen. Die Herzogin-Witwe von Arenberg feierte die Hochzeit ihrer Tochter mit dem Prinzen und nachmaligen Herzog von Croy- Dülmen. Zur Vorfeier der Hochzeit war großer Empfang im herrlichen Palais Arenherg in Brüssel und die ganze vornehme Welt der Hauptstadt war dazu geladen. Der König und die königliche Familie hatten zugesagt und der Etikette gemäß war die Liste der Geladenen dem König unterbreitet worden. Am Vormittag des Feslabends fuhr Leopold II. bei der Herzogin-Mutter vor. Im Laufe der Unterhaltung bemerkte der König leichthin: „Ich habe auf der Liste Ihrer Gäste den Namen des Herrn Lambert de Rothschild nicht gefunden." (Lambert ist ein Schwiegersohn des verstorbenen Baron Alphonse von Rothschild und Chef des Brüsseler Hauses Rothschild; als solcher stand er von jeher den Finanzunternehmungen Leopolds II. sehr nahe) „Den Namen habe ich allerdings schon gehört, Sire," erwiderte die Herzogin; „jedoch ist es im Hause Arenberg nicht Sitte, jüdische Bankiers zu Familienfesten einzuladen." Der König war wie betroffen. „Aber, Frau Herzogin," sagte er, „ich mache ihn zum Baron!" (was tatsächlich kurze Zeit nachher geschah.) „Sehr wohl, Sire, dann sagen Sie ihm, bitte, er möge sich in hundert Jahren hier vorstellen!" Der König hielt es für das Richtigste, das Gesprächsthema sofort zu wechseln und verabschiedete sich bald. Erzherzog Rainer über die jüdischen Offiziere. In der Czemowitzer „Volkswehr" erzählt Dr. Kohn nachstehenden Vorfall: Anfangs der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts inspizierte Se. kaiserl. Hoheit Erzherzog Rainer die Landwehrgarnison in Zaleszczyki. Bei der Mittagstafel, zu welcher auch der Bezirkshauptmann und der Kinderarzt geladen waren, glaubte der Bezirkspascha dem kaiserlichen Prinzen ein besonderes Vergnügen zu bereiten, wenn er, der Landessitte gemäß, die Juden als Gesprächsthema wählte und sich über sie in wenig schmeichelhafter Weise ausließ. Hierauf reagierte der erlauchte Gastgeber ungerührt wie folgt: „Da haben wir in der Armee ganz andere Erfahrungen gemacht. Die jüdischen Offiziere sind sehr pflichteifrig, füllen ihren Platz vollkommen aus und — was die Hauptsache ist — sie machen keine Schulde n.u Diesen Vorfall hat der erwähnte Arzt, ein wegen seiner ärztlichen und menschlichen Qualitäten im ganzen Bezirke hochangesehener Mann, Dr. Julius G r ü n s t e i n, mit dem der Friede sei, am selben Tage in meinem Vaterhause, wo er freundschaftlich verkehrte, mitgeteilt. Der berühmte Rabbiner von Kowno, Hirsch R a b i n o w i ts c h, ist im Alter von 60 Jahren am 12. d. verschieden. Durch seine große Gelehrsamkeit auf talmudischem Gebiete, durch seine mit Toleranz gepaarte Frömmigkeit hat sich der Verstorbene, der früher Magid (Prediger) in Wilna war, die Sympathien der weitesten jüdischen Kreise Rußlands zu erobern verstanden. Er war auch einer der ersten Pioniere auf dem Gebiete der Palästina-Kolonisationspropaganda und entwickelte an der Seite Rabbi Mohilerers eine sehr ersprießliche Tätigkeit. Vor Jahren wurde ihm die sehr einträgliche Stelle eines Vorsitzenden des Beth-Din (Rabbiner-Kollegium) in New-York angeboten, doch hat er abgelehnt. Für die große Achtung, der sich der Verschiedene auch bei den Staatsbehörden erfreut hat, spricht am besten der Umstand, daß der Gouverneur beim Leichenbegängnisse erschienen ist. Kultusvorsteher Emil Horner in Wien ist im Alter von 55 Jabren plötzlich gestorben. Der Verschiedene hat als Almosenier des Baron Albert Rothschild eine sehr ersprießliche philantropische Tätigkeit entwickelt und hatte auch die Aufgabe, in den Ausschüssen mehrerer bedeutender Wohltätigkeitsanstalten das Haus Rothschild zu vertreten. Die jüdische Kunst in Polen. Im Verlage der Krakauer Akademie der Wissenschaften wird demnächst ein der jüdischen Kunst gewidmetes Werk erscheinen. In demselben werden die Synagogen in Polen speziell behandelt werden. Die russischen Juden und eine — Kuh. Als unlängst aus Irkutsk die Juden vertrieben wurden, da gab der Clown dem dortigen Zirkuspublikum folgendes Bonmot zum besten . „Was ist denn für ein Unterschied zwischen den Juden und einer Kub?" fragte er. Dann gab er selbst darauf folgende Antwort : „Die Kuh treibt man zuerst hinaus, dann melkt man sie. Die Juden dagegen melkt man zuerst, dann treibt man sie hinaus." Ein russischer Hofjude. Der Vizedirektor im zweiten Departement des Justizministeriums, Geheimrat Jakob H a 1 p e r n, erhielt vom Czaren eine sehr hohe Auszeichnung: den Wladimir-Orden II. Klasse. Uel>er das jüdische Armentecht hat Herr Oberrabbiner Dr. Rosenfeld in einem Czemowitzer Verein einen sehr interessanten Vortrag gehalten. Redner beleuchtete dieses Kapitel zunächst vom historischen Standpunkte, indem er die soziale und materielle Stellung der Armen bei den heidnischen Völkern erörterte. Ebenso wie es bei den Heiden eine Abstufung in der Götterskala gab — es gab Götter höherer, niederer und ganz niederster Ordnung — so gab es auch unter den Menschen nach dem Gesichtspunkte des Besitzes Unterscheidungen, wobei selbstverständlich die Armen dem Nichts gleichgalten. Ganz anders war die Lage der Armen bei den Juden. Sie erhielten gewisse Ansprüche an die Besitzenden gleichsam von Rechtswegen zuerkannt. Das Jobeljahr im alten Palästina, das ist das 50. Jahr, in welchem alle Schulden getilgt, verkaufte und verpfändete Grundstücke an die früheren Besitzer zurückfielen, kann als eine Einrichtung zugunsten der Annen bezeichnet werden. In Paranthese zog Dr. Rosenfeld eine Aeüßerung des tschechischen Abgeordneten M y s 1 i w e c heran, der vor kurzem im Parlamente in einer Brandrede gegen die Juden die Forderung aufstellte, sie mögen all ihren Besitz aus den letzten 50 Jahren den Armen zuteilen. Redner bemerkte, die Juden würden gerne den Besitz den Armen überlassen, wenn ihnen all das rückerstattet werden

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