Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Neue National-Zeitung1" Seite 7 Unser Staat hat deshalb keinen anderen Weg für die Beseitigung unseres chronischen Budgetdefizits, als die innere Kolonisierung und die Urbarmachung unseres brachliegenden Landes mit Hilfe der Juden. Die Regierung würde darnach gut tun, sich mit dem jüdischen Problem gründlich und systematisch zu befassen." — „Das jüdische Element ist geeignet, große Landstrecken in Syrien, Palästina und Anatolien in einen blühenden Zustand zu versetzen. Wenn unsere Staatsmänner dem Lande wirkliche Förderung bringen wollen, dann können sie an den Händen, den Köpfen, den Kapitalien und anderen Mitteln der jüdischen Welt viel Nutzen finden mit Hilfe jener in unserem Besitze befindlichen Anziehungskraft — mit Hilfe Palästinas." Eingesendet. Bekanntlich hat der Norddeutsche Lloyd auf seinen sämtlichen transatlantischen Dampfern besondere rituelleKiichen zur Verpflegung der jüdischen Passagiere eingerichtet. Wie dankbar und angenehm diese Berücksichtigung ihres religiösen Empfindens von den jüdischen Passagieren empfunden wird, beweisen zahlreiche Dankschreiben, die fast täglich an die Direktion des Norddeutschen Lloyd gelangen. Unter anderem ist in den letzten Tagen von einer Gruppe jüdischer Auswanderer nach Galveston nachstehendes Dankschreiben dem Norddeutschen Lloyd zugegangen. Zeugnis. Wir unterschriebenen jüdischen Zwischendeckspassagiere des Dampfers „C a s s e 1" bescheinigen hiermit, daß der jüdische Kochmeister, Herr Israel Blaustein, uns mit guter Speise die ganze Zeit versorgt hat. Wir sind alle höchst zufrieden und niemand hat an ihm etwas auszusetzen. Dampfer „Cassel" auf der Reise nach Galveston im November 1909. Chemje Peterfreund Leibusch Roturau Josef Szer Rifke Laje Konn Szeine Schülman Josef Klein Frinne Rosenblum Rifke Rose etc. HORP.eSPONDeNZCN Oesterreich-Ungarn. Wien. Von der am 6. Jänner stattgehabten öffentlichen Vorstandssitzung haben wir noch nachzutragen die Wahl des Vertreter-Kollegiums. In dasselbe wurden folgende Herren gewählt: Salo Cohn, Max Frank, Dr. Leopold Kohn, Wilhelm Kuffn e r, Prof. Dr. Josef P o 11 a k, kais. Rat Leopold Sachs, Dr. Markus Spitzer, Dr. Maximilian Steiner. Die Wahl des Vertreter-Kollegiums ist gerade für die hiesige Kultusgemeinde von sehr großer Wichtigkeit, weil in diesem Kollegium eigentlich alles „gemacht" wird. Das Gemeindestatut. logt die größte Machtfülle in die Hände der Vertreter, während die „gewöhnlichen" Kultusvorsteher nur mehr Statisten-Rollen bekleiden. Wir werden übrigens auf diese Frage noch zurückkommen. Die zweite öffentliche Sitzung in diesem Jahre, die vom 16. d. M., galt ausschließlich einer „Präsidial- Erklärung". So nannte Herr Präsident Dr. Stern seine Polemik gegen den letzten Leitartikel der „Neuen National-Zeitung". Wir beschäftigen uns an anderer Stelle mit dieser „Erklärung", die wir auch in der uns vom Kultusvorstande zugesandten Textierung loyalerweise vollinhaltlich abdrucken. Auffällig ist es jedoch, daß uns das Sekretariat der Kultusgemeinde zu dieser Sitzung vom 16. d. M. keine Einladung zugeschickt hat, wiewohl dies sonst bisher anstandslos geschah. Wir haben es auch nicht unterlassen, dem Sekretariate der Kultusgemeinde unser Befremden mit folgendem Schreiben auszudrücken: Wien, 18. Jänner 1910. P. T. Sekretariat der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Zu Ihrer letzten öffentlichen Vorstandssitzung ist unserem Blatte keine Einladung, resp. von dieser Sitzung keine Verständigung zugekommen. Wir finden dies ungemein auffällig, da Sie uns ja seit Jahren sonst die auch für andere Zeitungen bestimmten Notizen stets zugesandt haben. Wir haben allerdings keine Basis, um anzunehmen, daß Sie uns von der letzten öffentlichen Vorstandssitzung, die zur Stellungnahme gegen unser Blatt einberufen w u r d e, absichtlich zu verständigen unterlassen haben, doch möchten wir Sie jedenfalls von dem diesmal eingehaltenen nicht einwandfreien Vorgang in Kenntnis zu setzen. Hochachtungsvoll u. s. w. Darauf ist uns eine Antwort des Sekretariats zugekommen, in welcher eine absichtliche Nichteinladung in Abrede gestellt, jedoch die Möglichkeit eines — Versehens zugegeben wird. England. Konferenz der englischen Rabbiner. London. Die vergangene Woche hier abgehaltene Konferenz der englisch - jüdischen Religionsbeamten beschäftigte sich mit der Erhaltung des Judentums in England. Die Ministry der United Synagogue der Provinz und der Reformgemeinden aller Schattierungen war vertreten, um in drei Tagen über: 1. Titel, Funktionen und Status der jndischen Geistlichen; 2. Sabbatbeobachtung; 3. Kindergottesdienst; 4. Schema für Pensionsgehalte; 5. Mischehen; 6. Distriktsorganisation der^Provinzgemeinden — zu beraten. Für die Hauptpunkte hatten jeweils zwei Redner ihre Ansichten und Argumente in ausführlichen Referaten niedergelegt, die dann frei diskutiert wurden. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Chiefrabbi schritt Reverend A. A. Green (Hampstead) zum ersten Punkt der Tagesordnung; ihm sekundierte Reverend J. Raffalovich (Liverpool). Beide rügten den Tiefstand des jüdischen Wissens bei den Rabbinern in England. Der Bericht des Reverend H. S. Lewis (Manchester) über die Sabbatentweihung verlangt besseren Besuch des Gotteshauses, eventuell Verlegung (!) des Gottesdienstes zu einer den Gemeindemitgliedern bequemen Zeit am Sabbat. Einen ganz besonderen Wert legte der Redner auf Gründung und Pflege von „Sehomre Schabboth"-Vereinen. Reverend S. L e v y zeigte, daß wohl ökonomische Faktoren eine sehr große Rolle bei der Sabbatentweihung spielen mögen, daß jedoch diese nicht allein verantwortlich sind. Besser wie irgendwo, sagte der Redner, kann in unserem freien Lande der Sabbat gehalten werden und die Sechstageschicht bietet die Wahl, am Sabbat oder Sonntag ruhen zu können. Eine scharfe Kritik wurde an den jüdischen Lehrern geübt, die der heranwachsenden Generation die Heiligkeit des Sabbat einzupflanzen haben und von denen zwei Drittel den Sabbat entweihen; und weiter an den Bureaubeamten der United Synagogue, die zum größten Teil für den freien Tag sich anderweitig Beschäftigung suchen. Die praktischen Vorschläge des Reverend Levy sind: keine Lehrer beim Jewish Religious Education Board anzustellen, die den Sabbat entweihen, den Beamten der Gemeinde keine Nebenbeschäftigung zu erlauben, die zur Sabbatentweihung führt, und daß kein Sabbalentweiher Parnes sein sollte.