Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue National-Zeitung" Nr. 2 Organisationen müssen sieh zu diesem Zwecke in eine allgemeine Weltorganisation vereinigen. Zuerst gelangte die öffentliche Meinung in New-York zur Ueberzeugung von der Notwendigkeit dieser Vereinigung. Im März 1909 fand hier eine Immigrationskonferenz statt, an welcher Vertreter aller örtlichen Parteien und gesellschaftlicher Organisationen, die fast 1 Million der New-Yorker Juden umfassen, teilgenommen haben. Diese Konferenz wandte sich mit einem Aufrufe an die Juden sämtlicher Länder und einer Aufforderung, einen allweltlich-jüdischen Emigrationskongreß zu berufen. Dieser Aufruf fand besonders starken Widerhall in Amerika und Osteuropa; er richtet einen warmen Appell an das russische Judentum, sich der Sache anzunehmen. „Wenn wir überzeugt sind, daß die jüdische Emigration vor allem unsere Frage ist, wenn wir wollen, daß der Kongreß ein wahrer Volkskongreß sein soll, dann müssen wir uns ihm mit demselben Enthusiasmus zuwenden, der das russische Judentum bisher stets charakterisierte." Auch der „Haint" widmete den Kongreßfragen eine Artikel-Serie, die ausführlich und anschaulich die Bedeutung des Kongresses klarlegt. Von den hebräischen Blättern will der zionistische „Haolam" die Aufgaben des Kongresses nur auf die Fragen der Emigration allein beschränkt sehen. Die Kolonisation soll aus dem Programm des Kongresses ganz ausgeschlossen werden. Dagegen betrachtet der „Hasman" den Kongreß von einem höheren, mehr historischen Gesichtspunkte. Er spricht sogar von der Möglichkeit der allmählichen Umwandlung des Emigrationskongresses in einen allgemein jüdischen Kongreß. Mit diesen erhabenen Klängen einer fernen Zukunftsmusik wollen wir unsere Preß-Rundschau schließen. Dr. M. S. „Die Notwendigkeit des Emigrationskoiigresses". Zu dem unter obigem Titel in der Nummer 26 unseres vorigen Jahrganges veröffentlichten Aufsatze erhalten wir von Herrn Dr. Paul Nathan folgendes Schreiben : Sehr geehrte Redaktion! In Nr. 26 Ihrer geschätzten Zeitschrift vom 17. Dezember 1909 sagen Sie in einer Notiz, die überschrieben ist: „Die Notwendigkeit des Emigrationskongresses" folgendes: (Es folgt der Text des Aufsatzes.) Gestatten Sie mir, Ihnen mitzuteilen, daß diese Nachricht völlig unwahr ist. Richtig ist, daß Herr Dawidowitsch mich aufgesucht hat und mich und den Hilfsverein gebeten hat, die Vorbereitungen und Einladungen für einen Kongreß mit zu übernehmen, der in Wien stattfinden soll. Ich habe daraufhin erklärt, daß für die Einberufung eines Kongresses nachWien nur die Wiener und österreichischen Organisationen und Persönlichkeiten legitimiert seien, daß s i e nur die Einberufung in die Hand nehmen könnten und daß sich der Hilfsverein, um die freundschaftlichen Beziehungen, die er zu unseren österreichischen Freunden unterhält, nicht zu stören, in die Befugnisse unserer österreichischen Glaubensgenossen nicht einmischen werde. Wir unsererseits könnten die Vorbereitungen für den Kongreß nur dann betreiben, so führte ich aus, wenn die Tagung an ejnem; Orte stattfände, an. dem zu arbeiten unsere Organisation besonders berufen sei, und ferner stellte ich als Bedingung .unserer Beteiligung: die Zustimmung der verschiedenen großen Organisationen zu dem Kongreß auf Grund eines vorher formulierten Programms. An einem Kongreß in Wien würden wir hingegen — die Zustimmung unseres geschäfts führenden Ausschusses vorausgesetzt — wie jede .andere eingeladene Organisation teilnehmen. Den Ort für den Kongreß aber festzusetzen, ^ei in erster Reihe Sache jener russischen Kreise, die von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Kongresses überzeugt seien. Dies ist der Standpunkt, den ich in Gegenwart von Zeugen eingenommen habe, wie Herr Dawidowitsch wohl jederzeit selbst zugeben wird und den nur ein Uebelwollender als nicht korrekt bezeichnen kann. Ich bitte ergebenst um Veröffentlichung dieser Berichtigung in Ihrem geschätzten Blatte. Mit vorzüglicher Hochachtung Für den Hilfsverein der deutschen Juden: Dr. P. Nathan. * Auch Herr Dawidowitsch bestreitet, unserem Gewährsmanne die von demselben behauptete Aeußerung gemacht zu haben. Demgegenüber hält unser Gewährsmann seine Mitteilung aufrecht. Es scheint hier jedenfalls seitens des Herrn Dawidowitsch, der die deutsche Sprache mangelhaft beherrscht, ein Mißverständnis vorzuliegen. Weitere Einschränkung der Einwanderung nach Nordamerika. Mr. E. A. H a y e s aus Kalifornien hat am 7. Dezember v. J. im Nordamerikanischen Repräsentantenhaüse einen Gesetzentwurf über die Regelung der Einwanderung nach Nord-Amerika eingebracht. Derselbe verlangt die Erhöhung der Einwanderungstaxe von 4 auf 10 Dollars, den Nachweis, daß der Einwanderer lesen kann, und ein — Sittenzeugnis (!). Wie sich die armen Juden, die aus Rußland und Rumänien auswandern, Sittenzeugnisse verschaffen sollen, ohne neuen Erpressungen ausgesetzt zu sein, darüber sagt Mr. H a y e s nichts. Die Herren Repräsentanten im „freien" Amerika scheinen sich jetzt gegenseitig in ihrer Rückständigkeit zu überbieten. Die Jüdische Einwanderung nach Palästina. Das Kons tan tinopler Blatt „Jeune Türe" hat in einem Leitartikel zur Frage der Einwanderung von Juden nach der Türkei in bemerkenswerter Weise Stellung genommen und die türkische Regierung aufgefordert, sich mit diesem wichtigen Problem ernstlich und eingehend zu befassen. Der Verfasser beschäftigt sich darin besonders mit der Bedeutung einer jüdischen Einwanderung für die türkischen Finanzen und sagt darüber unter anderem : „Wir empfinden einen großen Mangel an Menschen. Wie und auf welche Weise können wir aber diese für die Neubelebung der Türkei notwendigen Kräfte gewinnen? Man könnte natürlich die öden Ländereien unseres Reiches vielleicht auch mit mohammedanischen Kolonisten aus Rußland, Indien und Bulgarien besiedeln. Aber diese kommen zu uns sehr spärlich — und nach den statistischen Feststellungen nimmt ihre Zahl stetig ab. Es bleibt uns daher überhaupt nichts anderes übrig, als jüdische A rbeitskräfte nach der Türkei zu ziehen. Hinter den Juden stehen weder die englischen Panzerschiffe, noch die russischen Maschinengewehre. In ihrer Heimat ununterbrochen bedrückt und geplagt, werden sie zufrieden und glücklich sein, in der Türkei eine sichere Wohnstätte zu finden. Und wenn die Juden an einem Gebiete unseres Reiches besonderes Interesse haben werden, dann werden uns ihre Finanzgrößen zu Hilfe kommen,