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Neue Nationalzeitung · 1910-01-21 · Heft 2 (21.1.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 2 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 5 im Wege. Die Tätigkeit der bereits bestehenden philantropischen Gesellschaften ist unzureichend und dabei zersplittert.. . Nur eine allweltliche jüdische Organisation wäre imstande, dem Uebel abzuhelfen und den Wandererstrom dorthin zu lenken, wo die Emigranten ein menschenwürdiges Dasein führen können. Besonderes Interesse ruft in den östlichen Kreisen das Projekt einer Emigrantenbank hervor. Es wurde beschlossen, verschiedene diesbezügliche Vorschläge dem Kongresse zu unterbreiten. An den Arbeiten des Kongresses sollten die jüdischen Deputierten der verschiedenen Parlamente teilnehmen. Ferner sollten auch Vertreter der Regierungen herangezogen werden, für die das Emigrationsproblem einen akuten Charakter trägt. Dies ist von besonders großer Bedeutung angesichts der internationalen Emigrationskonferenz, die auf Initiative Italiens einberufen wird. Der Kongreß könnte auch einen Vertreter der jüdischen wandernden Massen entsenden.* Die einflußreiche Kiewer Zeitung „Kijewskije W e s t i (11. Oktober 1909) schrieb: „Die Popularität der Losung „Organisation der Wanderung" bei fast allen jüdischen Parteien und in den verschiedensten Schichten des jüdischen Volkes bedeutet eine Wendung in der Evolution des jüdischen gesellschaftlichen Gedankens, eine Wendung, die von größter Bedeutung sein wird. Der Kongreß wird in die Geschichte der jüdisch-nationalen Politik ein neues und gewiß äußerst bedeutendes Kapitel einschreiben: „Die jüdische Wanderungspolitik" . . . Zwischen den hilflosen, bettelarmen jüdischen Emigranten, die der ausschließlichen „Fürsorge" der geheimen Agenten überlassen werden, findet das Schnorrertum immer größere Verbreitung. Nolens volens muß der jüdische Emigrant unterwegs zur Hilfe und materiellen Unterstützung seiner reichen europäischen Volksgenossen Zuflucht nehmen. Deshalb erwählt sich auch die westeuropäische und amerikanische jüdische Bourgeoisie die Emigration als Objekt der philantropischen Politik. Man muß gestehen, daß die Philantropie einiges zur Besserung der Lage der Emigranten getan hat. Es wurden z. B. Informationsbureaus errichtet, die dem Emigranten mit Rat zur Seite stehen. Die Ica gibt ein periodisches Organ in jüdischer Sprache heraus, das speziell den Interessen der Emigranten gewidmet ist. Das alles ist aber so unbedeutend und winzig und so vom bureaukratischen Geiste durchdrungen, daß es absolut unmögüch ist, dies als genügend anzuerkennen .. . Diese philantropische Tätigkeit beweist nur deutlicher die Notwendigkeit der Schaffung einer demokratisch geleiteten Volksorganisation. Nur eine Organisation, die sich auf die breiten Massen der jüdischen Bevölkerung in den Ländern der Emigration, Transmigration und Immigration stützt, ist imstande, den Prozeß der jüdischen Wanderungen zu beherrschen und die in ihnen enthaltenen Tendenzen zum Ausdruck zu bringen. Das Fundament für diese Organisation zu legen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Kongresses." Wird aber die Regulierung der jüdischen Wanderung nicht einen ausschließlichen Palliativcharakter tragen müssen? Wird sie auch eine allgemein nationale Bedeut u n g für uns Juden haben? Darauf antwortet das Blatt: „Für das jüdische Volk ist die Emigration nicht nur eine Form des Kampfes für seine soziale, sondern auch eines der wichtigsten Kampfmittel für seine nationale Existenz. Infolgedessen ist die Rolle der Emigration in der jüdischen Geschichte eine viel bedeutendere als in der Geschichte der anderen Völker. Die wirtschaftliche Evolution der Völker, zwischen denen die Juden leben, wird durch das Hinausstoßen der jüdischen Minorität aus ihren ökonomischen Positionen begleitet. Die Emigration, die das nationale Zentrum in neue Länder verlegte, rettete so den jüdischen nationalen Organismus vom Verfall. Der historisch-untrennbare Zusammenhang zwischen der sozialen und nationalen Seite der jüdischen Wanderung äußert sich darin, daß sich die Emigranten in großen Massen in den neuen Ländern konzentrieren . . . Solange die wichtigsten Triebfedern der Emigration nicht schwächer geworden sind, solange, im Gegenteil, das Emigrationsbedürfnis wächst, solange wird auch die Verkleinerung der Immigrationsmöglichkeit, sei es wegen der Ueberfüllung der Einwanderungszentren, sei es wegen der gesetzgeberischen Beschränkungen, eine gewaltsame und infolge dessen für das jüdische Volk äußerst gefährliche sein müssen . . . Vor den jüdischen Massen steht in ihrer gewaltigen Größe die Frage der Beschaffung von neuen Einwanderungszentren. Das Leben diktiert gebieterisch die Notwendigkeit der Ablenkung des Emigrationsstromes von seinem bisherigen Bett. Kleine Bäche haben sich von ihm bereits abgeteilt und neue Richtungen eingeschlagen. Man müsste in diesen Prozeß energisch eingreifen. Das kann aber nur — eine demokratische Emigrationsorganisation. Diese Organisation wird die Vertreterin des Judentums sein in allen Fragen, die die Emigration berühren. An dieselbe werden auch offizielle Vorschläge gemacht werden können, wie zum Beispiel der Vorschlag, den die türkische Regierung noch vor kurzem an den Chacham-Baschi gerichtet hat. Die türkische Regierung ist interessiert, in ihre schwachbewohnten Grenzgebiete jüdische Emigranten als ein politischneutrales Element heranzuziehen. Der Chacham-Baschi beschränkte sich in seiner Antwort auf den Ausdruck der Dankbarkeit. Eine Organisation könnte aber zweifellos die günstige Konjunktur in der Türkei für die Interessen der jüdischen Einwanderung ausnützen. Bei der Existenz einer Volksorganisation werden auch die für die Regulierung der jüdischen Wanderung notwendigen Finanzinstitute, wie die Emigrationsbank, geschaffen werden können. Diese Bank, die unter anderem den Ein- und Verkauf von Schiffskarten sowie verschiedene andere Geldoperationen auf diesem Gebiete vorzunehmen haben wird, könnte einen großen Teil des Volksbudgets, das Millionen von Rubeln erreicht, ersparen, den Teü nämlich, der gegenwärtig in die Taschen der zahlreichen Agenten fließt. Der Mechanismus einer derartigen Organisation wird gleichzeitig sehr geeignet sein, eine ausführliche statistische Erforschung der jüdischen Emigration vorzunehmen und so eine feste wissenschaftliche Basis für die jüdische Wanderungspolitik zu schaffen. Diese Organisation wird auf sich auch die Aufgabe der sozialen Gesundung der Emigrantenmassen durch Verbreiterung ihrer sozial-ökonomischen Arena nehmen können und zu diesem Ziele die Entwicklung der Farmerbewegung und anderer kolonisatorischer Unternehmungen fördern. Alle Schichten der jüdischen Gesellschaft müssen am Kongreß vertreten sein — dann wird er die Emigrationsfrage in ihrer ganzen Breite stellen und die Bedingungen ihrer Lösung schaffen können. In ähnlicher Weise heben die Bedeutung des Kongresses hervor: „Rasswjet" und „Die neuen Rigaschen Nachrichten". Sogar die antisemitische „Nowoje Wremja" widmet der Kongreßbewegung ihre Aufmerksamkeit. Selbstredend befassen sich auch die in jiddischer Sprache erscheinenden Blätter mit dem Kongreß. So lesen wir im „Fraind" (N. 172): „Wenn Amerika seine Tore für die jüdischen Einwanderer schließen wird, so wird das ein ungeheures Unglück für unser Volk sein . . . Wir müssen daher rechtzeitig die notwendigen Maßregeln treffen . . . Das ganze jüdische Volk, alle Parteien, Gesellschaften und

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