Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2' „Neue National-Zeitung" Seite 3 meindefinanzen keine Rede sein und der behauptete „Bankerott der Kultusgemeinde" ist eine unsinnige, lächerliche Phrase. Zweck dieser Auseinandersetzungen ist es durchaus nicht, die Finanzlage der Gemeinde im rosigsten Lichte darzustellen, es kann und soll vielmehr nicht geleugnet werden, daßangesichtsderimmer steigendenordentlichenAusgabenund der an die Gemeinde häufig herantretenden außerordentlichen Anforderungen es durchaus nicht so leicht ist, mit den zu Gebote stehenden Einnahmen das Auslangen zu finden, daß möglicherweise sogar in nächster Zeit zui Aufnahme eines neuen Darlebens behufs Deckung der Ausgaben für die Mikwah und des Beitrages für das Jubiläums- Knaben-Waisenhaus wird geschritten werden müssen. Dies berechtigt aber nicht im entferntesten dazu, durch unbegründete, den Tatsachen nicht entsprechende Ausstreuungen das Ansehen und den Kredit der Gemeinde zu untergraben und das — es kann ruhig gesagt werden — berechtigte Vertrauen (?) zur derzeitigen Gemeindeverwaltung zu erschüttern." POLITISCHE RMNDSCI1/HJ. 616 Getaufte in Wien weist das Verzeichnis unseres Blattes für das Jahr 1909 auf. Der Herr Vize-Präsident Dr. K o h n hat sich in Öffentlicher Sitzung damit getröstet, daß es „nur" zirka 600 jährlich seien. Er übersieht aber, daß auch diese Zahl genug groß ist, daß die Wiener Gemeinde als Taufseuchenherd allen jüdischen Großgemeinden der Welt voran geht. Das ist ja auch etwas. Lord Nathaniel Rothschild ist unter die Wahlagitatoren gegangen. Er läßt sich so tief herab, daß er sogar unter die armen Juden vom East-End geht, um sie gegen die Liberalen zu haranguieren. Eine krassere Undankbarkeit hat es kaum jemals gegeben. Sein Vater Lionel ist nur infolge der Unnachgiebigkeit des liberalen Unterhauses gegen die konservativen Lords als erster Jude ins Parlament gelangt; er selbst hat dem liberalen Gladstone seine Peerschaft zu verdanken. Und nun hetzt der Lord in Versammlungen und im Oberhaus für die Konservativen, die die Alien-Bill gegen die Juden eingeführt haben und die eine Verschärfung der Sonntagsruhe planen. Diese politische Perversität wird dem edlen Lord nicht schaden; wohl aber den jüdischen Volksmassen, die unter der Empörung der liberalen Parteiführer zu leiden haben. Es erfüllt sich auch diesmal der alte Spruch : Von deinen Großen wird dein Unglück kommen. Generalmajor Samuel Hazai der zum Honved-Minister ernannt wurde, ist natürlich Christ. Für die „Reichspost" ist er jedoch Jude, weil er — Samuel heißt. Dann müßten ja auch der Minister a latere Samuel Baron Josika, Flügel-Adjutant Samuel von Apor, gew. Finanzminister Benjamin von Kailay Juden sein. Die „Reichspost" weiß eben nicht, daß heute nur noch ' die Protestanten jüdische Namen tragen. Den Juden selbst fehlt dazu der Mut. Advokat Dr. Max Diamant (Czernowitz): Das "Reichsgericht gegen die jüdische Rationalität. Nach monatelangem Warten habe ich nun Schwarz auf Weiß erhalten, daß ich nach dem Urteile des österreichischen Reichsgerichtes ein Mitglied der „mosaischen Glaubensgenossenschaft" bin, daß Jüdisch eine Lokalsprache und keine Nationalsprache ist und daß ich kein Recht habe, mich gegen das brave Ministerium zu beschweren. Die Worte und Sätze der Entscheidung klingen ganz ministeriell. Doch putzen wir den Zierat weg und sehen wir uns die Gedanken der Entscheidung an: Der Rechtsschutz des Art. XIX komme nur Volksstämmen zu. Es wäre zu prüfen, ob die Juden einen Volksstamm bilden. Die österreichische Gesetzgebung behandle sie aber bloß als Bekenner der mosaischen Religion, als Religionsgenossenschaft, wofür einige Gesetzesstellen angeführt werden. Der gesetzliche Schutz des Art. XIX komme daher „der hebräischen oder jüdischen Sprache" nicht zu, weil dieser Schutz nur der Sprache einesVolksstammes des Staates gewährt werde. Soweit wäre alles stilgerecht. Nun fühlt sich aber das Reichsgericht verpflichtet, doch wenigstens noch ein Argument für sein Sprüchlein zu bringen. Da schläft aber der Vater Homer ein. Es sagt, verfassungsrechtlichen Schutz genießt eine Sprache nur dann, „wenn eine solche Sprache von allen Angehörigen dieses Volksstammes speziell in Oesterreich gesprochen wird". „Nun ist es eine allgemein bekannte Tatsache und wird auch vom Beschwerdeführer selbst zugegeben, daß die inGalizienundderBukowinagesprochene jüdische Sprache in den westlichen Kronländern gar nicht gesprochen wird." Jüdisch wäre daher „keine Nationalsprache, sondern eine bloße Lokalsprache (ein Dialekt lokalen Charakters)". Wir wollen hier stehen bleiben und uns einen Augenblick vorstellen, die Rumänen müßten um die Anerkennung ihrer Nationalität vor dem Reichsgericht kämpfen. Das Reichsgericht hätte sie aber abgewiesen und in der Begründung gesagt: Die österreichische Gesetzgebung kenne die Rumänen nur als Mitglieder der griechisch-orthodoxen Glaubensgenossenschaft. Dann kämen einige Gesetzesstellen über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der griechisch-orientalischen Kirche und schließlich der Trumpf etwa so : Es ist eine allgemein bekannte Tatsache und wird auch vom Beschwerdeführer selbst zugegeben, daß die im Süden der Bukowina gesprochene rumänische Sprache von den übrigen Mitgliedern der griechisch-orthodoxen Glaubensgenossenschaft zumal in demselben Kronlande nicht gesprochen wird. Es handelt sich daher nur um eine Lokalsprache. Man würde darauf sofort erwidern: „Aber bitte sehr, die übrigen Orthodoxen in der Bukowina gehören doch zu einem anderen Volksstamme, sie sind Ruthenen. Diese Argumentation ist lächerlich, die Herren scheinen Religionsgemeinschaften von Nationalitäten noch nicht unterscheiden zu können." Wollten wir in unserem Falle auch erwidern: „Aber bitte, die westlichen Israeliten gehören anderen Volksstämmen, den Deutschen, Tschechen an" — wir machten uns lächerlich. Wir stimmen mit dem Reichsgerichte in diesem Punkte überein, westliche und östliche Juden gehören zu demselben Volksstamme, wenn sie auch nicht alle jüdisch sprechen.