Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 „Neue National-Zeitung* Seite 9 Kolonialbank. Der Redner beantragt die Einsetzung eines Kongreß-Ausschusses, der sofort zusammentreten und dem Kongreß die Prinzipien für die Schaffung eines solchen Institutes vorlegen soll. Herr Jacobus Kann (Haag), Mitglied des Engeren Aktionskomitees, erstattet ein Referat über Handel und Industrie in Palästina, indem er hervorhebt, daß allerdings die Bevölkerung Palästinas hauptsächlich auf Landbau und Gartenwirtschaft angewiesen sein werde, daß aber dabei industrielle Methoden Anwendung finden könnten. Ueberhaupt werde die Industrie in Palästina sich mehr als anderswo auf die Agrikultur stützen, ja zum Teil direkt agrikulturelle Industrie sein müssen. Der Vorsitzende des Direktoriums des Jüdischen Nationaifonds, Dr. Boden heimer (Köln), erstattet den Bericht über diese populäre Institution der zionistischen Bewegung, über die eine mit dem Bildnis des verstorbenen Professors Dr. Schapira, (Heidelberg) geschmückte Broschüre vnn mehr als hundert Seiten den Delegierten vorliegt. Seit Professor Schapiras Anregung, einen solchen jüdischen Volksfonds zu schaffen, auf dem V. Zionistenkongreß im Dezember 1901 in Basel zum Beschluß erhoben wurde, hat dieser aus kleinen und kleinsten Beiträgen zusammengesetzte Fonds bereits eine Höhe von über 2 Millionen Mark erreicht, ein beredtes Zeichen der Opferwilligkeit der breiten jüdischen Massen. Schließlich nimmt der Führer der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei Amerikas, Dr. S y r k i n, das Wort, um zu erklären, daß er und die bisherigen Sozialisten-Territorialisten wiederum in die zionistische Partei eintreten. Nachmittags erstattet Dr. K a t z e n e 11 e n s o h n den Berieht über die zionistischen Banken. Alle befinden sich in bester Entwicklung. Die jüngste, die Anglo Levantine Banking Company in Konstantinopel, hat beim Schlüsse des ersten Geschäftsjahres bereits 6 Prozent Dividenden verteilt. Die im Jahre 1903 gegründete Anglo Palestine Company in Jaffa mit Filialen in Jerusalem, Beirut, Hebron und Haifa hat ihr Aktienkapital seit ihrer Begründung um mehr als die Hälfte vermehrt. Das wuchtigste zionistische Bankinstitut ist aber die Kolonialbank in London. Sie ist wohl die eigentümlichste Bank der Erde. Sie besitzt fast 130.000 Aktionäre, lauter kleine Leute in allen Teilen der Welt, die ans reiner Begeisterung für das Ideal ihre Aktien erwarben. Ihr Umsatz hat sich in den letzten drei Jahren um fast 30 Prozent gesteigert, ihre Dividenden sind befriedigend. Es entspann sich nunmehr eine Debatte hauptsächlich über die Arbeiten in Palästina. Auch diese Diskussion war ziemlich kritisch und rügte vor allem, daß seitens der zionistischen Organisation nicht genug geschehe. Vierter Verhandlungstag. In der Vormittags-Sitzung, wrelche um 10'/2 Uhr begann, ergriff im weiteren Verlaufe der Diskussion über das Palästina- Ressort der bekannte Nationalökonom Dr. Franz Oppenheimer, Privatdozent an der Universität Berlin, das Wort, um die Genosseuschafts-Siedelung in P a 1 ä s t i n a zu befürworten. Redner faßte seine Ausführungen in folgende Resolution zusammen: 1. Der Kongreß hält an den Beschlüssen der früheren Kongresse fest, die die genossenschaftliche Siedelungs- Methode in den Tätigkeitskreis der zionistischen Organisationen einbeziehen, und überläßt, um die Ueberführung der Idee in die Praxis zu ermöglichen, der zti errichtenden genossenschaftlichen Kolonie pachtweise den erforderlichen Grund und Boden. 2. Durch freiwillige Beiträge zu Sammlungen wird das Betriebskapital für eine Siedlungs-Genossenschaft aufgebracht. Die A'erwraltung ruht in den Händen von Mitgliedern der Verwaltung des Nationalfonds und von Vertretern der beteiligten Arbeiterschaft. — Wie der Präsident mitteilte, sind für den Oppenheimerschen Genossenschaftsfonds bereits 40.000 Mk. von den Kongreß-Teilnehmern gezeichnet worden. Die weitere Vormittags-Sitzung wurde durch ein interessantes Referat des Herrn David Florentin aus Saloniki, Redakteur der angesehenen spaniolischen Zeitung „El Avenir" ausgefüllt, der größtenteils französisch, zum Teil auch hebräisch über „Die kulturelle Lage der Juden in der Türkei" sprach. Redner verlangte die Gründung von Schulen, da die bestehenden Talmud-Thora-Schulen, die Chedarim, aber auch die Schulen der Alliance Israelite den Bedürfnissen in keiner Weise genügten. In Palästina seien in erster Reihe mittlere und höhere Schulen zu gründen, damit Palästina das werden könne, wozu es berufen sei: das kulturelle Zentrum der türkischen Judenheit. Eine jüdische Universität in Jerusalem solle dieses Gebäude dann krönen. Schließlich schlug Herr Florentin die Schaffung von Volksbanken, Sparkassen, Arbeitshäusern, Konsumgenossenschaften und anderen Institutionen der sozialen Selbsthilfe als notwendig vor. Zu Beginn der Nuchmittagsitzung brachte Herr D. Wulffsohn mehrere Dokumente zur Bekräftigung seines Vorwurfs, daß der Vertreter der„ Allgemeinen jüdischenKolonisationsorganisation" in Konstantinopel eine antizionistische Propaganda entfaltet habe, zur Kenntnis des Kongresses. Dann wurde die Palästina-Debatte fortgesetzt. Mehrere Redner tadelten die Art der Verwendung des Nationalfonds in Palästina, sowie die geschäftliche Tätigkeit der Kolonialbank im Westen. Fünfter Verhandlungstag. In der heutigen Sitzung erstattete Herr Moise Cohen- Saloniki sein Referat über „Di« judische Einwanderung in der Türkei." (Wir werden dasselbe in der nächsten Nummer nachtragen). Hierauf wurden nach einem Schlußworte des Herrn Prof. Warburg, in dem er sehr entschieden der Anschauung entgegentrat, daß die Palästina-Arbeit nur der Propaganda für den Zionismus zu gelten habe, während sie in Wahrheit Selbstzweck sei, die zahlreichen zur Palästina-Debatte gestellten Anträge zur Abstimmung gebracht. Der Antrag Dr. Franz Oppenheimers auf Gründung einer Arbeiter-Siedelungs-Genossenschaft in Palästina fand unter stürmischen Beifall einstimmige Annahme. Die von Dr. T s c h 1 e n o w - Moskau beantragte Einsetzung eines Agrarkredit-Ausschusses wurde beschlossen. Eine längere Debatte entspann sich über den Antrag des Herrn Julius Simon, worin zum Ausdrucke gebracht wird, daß die gegenwärtige geschäftliche Tätigkeit der Jüdischen Kolonialbank in London außerhalb der zionistischen Interessensphäre liege. Die Resolution wurde mit geringer Mehrheit abgelehnt. Hingegen gelangte ein zweiter Antrag des Herrn Simon, welcher die allmähliche äußerste Einschränkung des europäischen Geschäftes der Kolonialbank und die Ueberführung des dadurch frei werdenden Kapitals nach Palästina verlangt, zur Annahme. Die letzte Nachtsitzung. Die Nachtsitzung gilt den Wahlen. Sie führt zu einem Siege Wolffsohns gegen seine heftigsten Gegner: die russischen, Wiener und galizischen Delegierten. Die Sitzung wird um 101/, Uhr nachts wieder eröffnet und dauerte bis 4 Uhr morgens. Der Vorsitzende des Permanenzausschusses Dr. W e i zm a n n beantragt im Namen des Permanenzauschusses eine Aenderung des § 28 des Organisationsstatuts. Danach soll das Große Aktionskomitee aus mindestens 21 Mitglieder bestehen. Drei bis sieben davon bilden das E. A. C. Davon müssen mindestens drei an einem Orte wrohnen. Die bisherige Bestimmung, daß der Präsident des E. A. C. vom Kongreß gewählt werden soll, ist im Vorschlage des Permanenzausschusses gestrichen. Dr. L o e w e gibt namens der überwiegenden Mehrheit der deutschen Landmannschaft, der geschlossenen südafrikanischen, ungarischen, bulgarischen, türkischen und italienischen Landsmannschaften, der geschlossenen Misrachiföderation, des Order Knigths of Zion, ferner eines Teiles der rumänischen und englischen Föderation, sowie eines Teiles der russisch-polnischen Delegierten folgende Erklärung ab, die er als Antrag einbringt: „Der Präsident soll vom Kongreß gewählt Averden. David Wolffsohn soll Präsident des E. A. C. sein. Die Bureaus der Leitung sollen sich am Wohnorte des Präsidenten befinden." David Wolffsohn ersucht demgegenüber dringend, von diesem Antrage abzusehen. Die ga Ii zische L a n d m a n s c h a ft erklärt durch Dr. Reich, daß sie zwar unter allen Umständen Wolffsohn zum Präsidenten gewählt wünscht, daß sie aber auf die Verlegung des Bureaus nach Berlin bestehe. Dr. Loewe erklärt nun, daß die von ihm vertretenen Organisationen nicht für den Antrag des Permanenzausschusses stimmen können, daß sie sich aber der Abstimmung enthalten werden. Der Antrag Dr. Loewe wird von Dr. Friedemann wieder aufgenommen. Es folgt die Abstimmung über den Antrag des Permanenzausschusses in getrennten Abstimmungen über die einzelnen Teile. Alle positiven Vorschläge des Permanenzausschusses wegen der Aenderung des Statuts werden bei Stimmenthaltung der von Dr. Loewe vertretenen Landsmannschaften angenommen. Hierauf verlangt die g a 1 i z i s c h e Landsmannschaft ausdrückliche Abstimmung darüber, ob die bisherige Bestimmung des Statuts, wonach der Präsident des E. A. C. vom Kongreß gewählt wird, gestrichen werden soll. Dr. Friedemann erklärt namens der deutschen Landmannschaft, daß diese sich an der Abstimmung "über diesen Antrag beteiligen werde. Der Antrag des Permanenzansschusses auf Streichung dieser Bestimmung aus dem Organisationsstatuts wird mit 148 gegen 1'28 Stimmen a b g e 1 e h n t. Wolffsohn erklärt, der einzige Ausweg aus der durch die vorherige Abstimmung geschaffenen Lage sei die Umstoßung des gefaßten Beschlusses. Er richtet nochmals einen dringenden