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Neue Nationalzeitung · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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Nr. 1 Auf Antrag G r e e n b e r g - London wird die Diskussionsredezeit auf zehn Minuten beschränkt. Dr. Thon- Krakau bestreitet, daß nichts geleistet -wurde; aber es fehlte die Resonanz, der Schwung, der die Massen fortreißt : es geschehe vieles, aber nicht viel: man greife zu viel an und bringe nicht alles zu Ende. Dr. S. D a i c h e s - London vermißt eine Parole, ein moralisches Erhebungswort. Der Zionismus stehe am Scheidewege; kein günstigeres Ereignis konnte geschehen, als die Umwälzung in der Türkei. Die Leitung müsse einen neuen Weg einschlagen. Kein Zionismus mit Wenn und Aber, sondern mit Palästina- Arbeit. (Beifall.) Nachdem Herr J. Simon- Mannheim namens des Legitimationsausschusses die Giltigkeitserklärung sämtlicher Mandate beantragt hatte, wurde die Sitzung geschlossen. Am Abend fand in der Ernst Merck-Halle des Zoologischen Gartens in Anwesenheit mehrerer Tausend Personen ein S c h a uturnen statt, bei welchem etwa 150 Turner aus Berlin, Budapest, Charlottenburg, Köln, Graz, Hamburg, Freiburg i. B., Posen, Stettin und Wien ihr tüchtiges Können zeigten. Zweiter Verliandlungstag. Der zweite Verhandlungstag wurde vollständig von der Debatte über den Bericht des Aktionskomitees ausgefüllt, gegen welchen mehrere Kedner scharfe Vorwürfe erhoben. Dr. Kohan-Bernstein-Jaffa tadelte, daß die Palästinenser zu wenig gehört Averdeu. Sie wollen, daß auch einer aus ihrer Mitte dem engeren Aktionskomitee angehört. Nur durch die Geheimnistuerei der Leitung kommt das Mißtrauen. Ein Antrag auf Schluß der Rednerliste (es sind noch 71 Redner angemeldet) wird angenommen. Reichratsabgeordneter S t a n d - Lemberg erblickt einen Gegensatz zwischen dem politischen Zionismus der Herren Wolffsohn und Nordau und dem praktischen, allein erfolgreichen des Prof. Warburg. Die Herren, die in ihrem politischen Zionismus immer nur zaudern, anstatt in diesem selten günstigen Augenblicke, wie er nie wiederkehren werde, mit der türkischen Regierung Verhandlungen zu führen und immer nur widerwillig handeln, führen den Zionismus zur Erstarrung. Mag die Leitung des Bureaus in Köln oder sonstwo liegen, die Arbeit müsse in Palästina schon jetzt ihren Schwerpunkt finden. Bei der Herrschaft der politischen Richtung werde es in zehn bis zwanzig Jahren keinen Zionismus mehr geben. Dr. B r a u d e - Lodz wirft der Leitung vor, sie habe völlig vergessen, daß es solche Länder gebe, die nicht nur Träger, sondern auch Objekt des Zionismus sind. Es fehle eine Leitung, die in Berührung mit den Pulsen der Volksbewegung steht. Nachdem Greenberg-London das Aktionskomitee gegen die erhobenen Vorwürfe in Schutz genommen hatte, ergriff der Präsident des Aktionskomitees, Herr D. W olffsohn, selbst das Wort zu einer längeren Rede, die sehr scharfe Ausfälle gegen die russischen und österreichischen Delegierten enthielt und von denselben sehr stürmisch unterbrochen Avurde. W o 1 f f s o h n führte aus : Die Leitung und einzelne Personen derselben seien in den letzten Wochen und Monaten in z i o n istischen Zeitschriften so heftig angegriffen Avorden, einzelne Landmannschaften, besonders die russische, wären mit einer so ausgesprochenen Meinung zum Kongreß gekommen, ohne die andere Partei zu hören, daß er sieh gezwungen sehe, in eine ausführliche Polemik einzutreten. Allerdings sei er (Redner) nicht der erste, dem eine solche Behandlung widerfahre. Dieselben Kreise haben auch Herzidas Leben verbittert und Protestversammlungen gegen ihn abgehalten. (Entrüstete Zwischenrufe.) W olffsohn fragt: „Fühlt sich jemand getroffen?tt Stand schreit: „Natürlich. Ich sclnvöre bei Herzl, ich habe ihm nie das Leben a-erbittert" Wolffsohn setzt fort: Sie haben A^on mir eine Generalbilanz A^erlangt und ich Averde Sie Ihnen geben. Ich erkläre Aron vornherein, daß es mir unmöglich erscheint, bei der starken und wenigsachlichen Opposition, die seit Monaten gegen mich getrieben Avird, fernerhin an der Spitze der Bewegung zu bleiben. Ich konstatiere, daß die Kritik der Herren eine rein negative ist. Ein Teil der Delegierten sitzt da und lauert immer nur auf irgend eine Gelegenheit, auf die Leitung loszuschlagen. Warum sagt man denn nicht, Avie es gemacht Averden muß? Der eine sagt, ich soll ein Adler sein, der andere, ich soll ein LöAve sein und ich Aveiß nicht, Avas ich sonst noch alles sein sollte. (Heiterkeit.) Einen russischen Führer der Opposition fragte ich: Was Avollen Sie Aron mir? Da sagte er: Sie sind uns eine zu starke Persönlichk eit in der Leitung. (Hört! Hört! und großer Lärm. Ruf: Das war ein Idiot! Unsinn!) Die Oesterreicher haben mir sogar den Vorwurf gemacht, daß ich mich in die innere österreichische Politik ewjicn.ischt habe. (Hört! Hört! und Widersprach.) B r a u d e hatte für die g alizische Vorschußbank damals keine Sicherheit bieten können und darum habe sein Ersuchen nach reiflicher Prüfung abgelehnt Averden müssen. Sobald es sich als sicher erwies, hat die Kolonialbank den Kredit ge- Avährt. Das Direktorium sei dazu da, die gesammelten Gelder zu schützen und gegen Verschleuderung und Verlust zu sichern. (Beifall.) Der Zionismus Averde sich niemals für parteipolitische und innerpolitische ZAvecke irgend eines Landes festlegen lassen. Die Unzufriedenen, die gegen die Leitung des Aktionskomitees protestieren, verlangen, daß ihre russischen oder galizischen oder österreichischen Interessen durch den Zionismus vertreten Averden. Mit Politik habe die Leitung nie etAvas zu tun gehabt; sie arbeite von jeher nur praktisch. Aber gerade die Protestler hätten sich Aron jeher von der praktischen Arbeit ferngehalten. Wenn selbst Aron berufenen Vertretern bei den Kongreßverhandlungen stet* die Schattenseiten hervorgehoben Avürden, dann könnte keine Autorität herrschen. Es A\'ar sclrwer, ein Nachfolger Herzls zu sein. Es wird leichter sein, der Nachfolger Wolffsohns zu sein. Aber Aver auch mein Nachfolger wird, Avenn Sie so fortfahren, den Präsidenten zu kritisieren,' dann wird kein Präsident die BeAvegung A'orAvärtsbringen können! (Stürmischer Beifall und AViderspruch). Herr Wolffsohn schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Die Art und Weise der heute und überhaupt in der letzten Zeit an meiner Tätigkeit geübten Kritik macht es mir unmöglich, die Leitung Aveiter zu führen. Es Avar sehr, schwer das Erbe Herzls zu übernehmen, es Avird aber leichter sein, Wolffsohns Nachfolger zu sein." In der Nachmittagssitzung verständigte man sich darüber, A7on den zirka 50 angemeldeten Diskussionsrednern nur je vier Redner für das Aktionskomitee und vier von der Opposition sprechen zu lassen. Eine scharfe Kritik an der Leitung übten neuerdings die Delegierten Arono av i t z (Palästina), Prof. Dr. W eitzmann (Manchester), Goldberg und Dr. T s e h 1 e n o av (Rußland). Der Hauptredner der Opposition, Dr. Tschleno av griff den Präsidenten David Wolffsohn persönlich an. Die heutigen Ausführungen Wolffsohns seien auf den Ton des Reichskanzlers Fürsten BüIoav gestimmt geAvesen, der von russischen Schnorrern und-Verschwörern gesprochen habe. Eine Reihe Redner sprach dagegen dem Präsidium ihr Vertrauen aus. Nach einem SchlußAvorte Wolffsohns Avurde zur Abstimmung über den Antrag auf Erteilung des Absolutoriums abgestimmt. Die Abstimmung gestaltete sich sehr beAvegt, Aveil ein zAveiter Antrag Arorlag, der dem engeren Aktionskomitee nur eine teilweise Entlastung aussprechen Avollte, Avas von Wolffsohn als MißtrauensArotum bezeichnet Avurde. Die übenvältigende Mehrheit der Delegierten nahm den Antrag auf Erteilung des Atollen Absolutoriums an, Avorauf die Minderheit ihren Antrag zurückzog. Dritter Verhandlungstag. Zu Beginn der Vormittagssitzung erstattete Professor Dr. W a r b u r g (Berlin), der bekannte Kolonisationsfachmann den Bericht des Palästinuressorts, dessen Vorsitzender er ist. Professor Warburg berichtet über den Stand und die Fortschritte soavoIü der zionistischen Palästinainstitute — der Anglo Palestine Company, der Oelbaumspende, des Kulturfonds,, der in der Berichtsperiode neu begründeten Palestine Land. DeA'elopment Company, des jüdischen Nationalfonds — soAA'ie über eine Reihe nicht speziell zionistischer, aber von der zionistischen Organisation unterstützten gemeinnützigen Institutionen und privaten Enverbsunternehmungen. Besonders erfreulich ist die EntAvicklung der genannten zionistischen Palästinabank, die im letzten Jahre bereits eine Dividende von 41/,, Prozent, zu. zahlen in der Lage war, und die außer der Zentrale in Jaffa Filialen in Jerusalem, Beirut und Hebron sowie eine Agentur in Haifa besitzt. Die Oelbaumspende, die der Aufforstung Palästinas durch Anlage von Oelbäumen zu dienen bestimmt ist, besitzt bereits einen Fonds für die Anlage von über 30.000 Oelbäumen. Vorzüglich hat sich auch die KunstgeAverbeschule „Bazalel" in Jerusalem entwickelt, die in einem Nebenraum des Kongreßgebäudes eine Ausstellung ihrer Teppiche, Filigranarbeiten, Holzschnitzereien etc. eingerichtet hat. Die Palestine Land Development Company, die bestimmt, ist, die Parzellierungs- und Ansiedlungsgeselischaft der zionistischen BeAvegung zu Averden, konnte auf ihrem Gute Kinereth am Tiberiassee bereits beginnen, jüdische Arbeiter, die später als Pächter und Ansiedler in Betracht kommen, auszubilden. Weiter erstattet Dr. TschlenoAv den Bericht über die Tätigkeit der zur Vorbereitung der Gründung eines Agrarkreditinstitut es eingesetzten Kommission. Der IX. Kongreß könne sich, indem er die Gründung eines großzügigen Institutes für Agrarkredit in Palästina beschließe, ein ähnlich großes Verdienst um die zionistische Sache erwerben, wie Vor 11 Jahren der zweite Kongreß durch die Gründung der Jüdische»

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