Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Der Redner schilderte dann, wie sich seit dem letzten Kongreß im Haagdie traurige Lage des jüdischen Volkes namentlich im Osten noch verschlechtert habe und die zionistische Selbsthilfe zu immer größerer Notwendigkeit geworden sei. Aber in politischer Beziehung seien im Laufe der letzten beiden Jahre Wunder geschehen: Die Türkei, ein bisher despotisch regiertes StaatSAvesen, habe den Uebergang zum konstitutionellen Staat vollzogen. Es sei kein Zweifel, daß der Zionismus einer großen Zukunft entgegengehe, denn die Quintessenz aller seiner Bestrebungen sei die Kolonisation, die als logische Folge die Schaffung eines Staatengebietes mit sich bringe. Die neue Türkei habe es bereits für wünschenswert erklärt, daß eine jüdische Einwanderung stattfinde. Die Türkei brauche loyale Einwohner und es könne wohl kaum loyalere Einwohner geben als die Juden, die stets bestrebt seien, das Wohl der Staaten zu fördern. Die Zionisten seien nie politische Abenteurer gewesen und würden es nie sein. (Stürmischer Beifall.) Sie wären stolz darauf,, daß ihre Brüder in der Türkei mitgekämpft haben für die Neugestaltung der Dinge und ihr Blut vergossen für die Freiheit des ottomanischen Staates. Die ottomanische Staatseinheit und ihre gedeihliche Entwicklung seien die selbstverständliche Grundlage der zionistischen Bestrebungen. Die Idee des Zionismus werde und müsse vorwärts schreiten. Die jetzt in der Türkei herrschenden geordneten Zustände würden dem Zionismus die Möglichkeit geben, für eine geordnete Einwanderung und gute Kolonisation zu sorgen, deren Grundlage das jüdische Volk ist. Der Redner schloß seine beifällig aufgenommene Hede mit den Worten: Der Zionismus muß siegen, schreiten wir aufrecht fort. Herr Dr. B. L e v y-Hamburg begrüßte den Kongreß im Namen des Deutsch- Israelitischen Synagogenverbandes und wünschte den Beratungen den besten Erfolg. Herr Dr. M. F r a n k-Altona überbrachte die Glückwünsche des Vorstandes der Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde in Altona, die auf eine fast zweihundertjährige Geschichte zurückblicke. Weitere Begrüßungsansprachen hielten die Vertreter der Gemeinden von Wandsbek, Kiel, Lübeck und Bremen sowie Herr Dr. E. Kalmu s-Hamburg als Vorsitzender der Zionistischen Ortsgruppe von Hamburg-Altona. Letzter Hedner berichtete, daß die Zionistische Ortsgruppe von Hamburg-Altona die Stiftung einer Kongreßspende in der Höhe von 3000 Mark als Grundstock zu einem Stipendienfonds beschlossen habe, der als Beihilfe für junge Leute bestimmt sei, welche in Palästina eine höhere Schule besuchen oder sich dort dem Studium widmen wollen. Der Präsident dankte der Hamburger Ortsgruppe für die hochherzige Spende und erteilte dann Herrn Dr. Max Nordau das Wort zur Programmrede. Der Kedner, mit minutenlangem Beifall begrüßt, betonte, daß das Ereignis, das seit der letzten Tagung im Haag die zionistischen Gemüter am meisten erregte, bezeichnenderweise kein direkt zionistisches gewesen sei, sondern die am 27. Juli vergangenen Jahres in der Türkei erfolgte unblutige Umwälzung, der erst am 13. April 1898 ein blutiges Drama nachfolgte. Dieses Ereignis sei von sehr vielen als die Erfüllung des Zionismus betrachtet worden. Eine große Anzahl von Gesinnungsgenossen habe von der Leitung irgend eine Tat erwartet. Von vielen Seiten sei gewünscht worden, die Leitung solle sich sofort mit der Türkei in Verbindung setzen und ihren Sitz dorthin verlegen sowie einen Kongreß nach Konstantinopel einberufen, andere verlangten wieder eine Aenderung des Baseler Programmes. Er sei nun durchaus nicht dazu berufen, die Maßnahmen der Leitung zu verteidigen, aber er rechne es der Verwaltung doch zum hohen Verdienst an, daß sie sich nicht vom Ueberschwang der Gefühle habe leiten lassen und nichts von alledem getan habe. Man müsse sich als nüchtern erwägeuder Mensch doch fragen, was geschehen sei und welche Pflichten die veränderten Verhältnisse dem Zionismus auferlegten. Daß die Türkei sich aus einem despotisch regierten Staat in ein konstitutionelles Staatswesen verwandelt habe, darüber freue man sich nicht nur als Jude und Zionist, sondern auch als Mensch. Aber über der Begeisterung dürfe doch nicht vergessen werden, daß dies keine jüdische und zionistische Bewegung, sondern eine rein ottomanische war und daß es taktlos gewesen wäre, sich in innere Angelegenheiten der Türkei zu mischen. Der Zionismus dürfe sich nicht mit einer ottomanischen Partei identifizieren und müsse den Anschein vermeiden, als ob er sich in innere ottomanische Angelegenheiten einmischen wolle, so lange noch der größte Teil seiner Anhänger anderen Staaten angehört. Das Ziel unserer Hoffnungen und Bestrebungen, fuhr der Redner fort, liegt in der Türkei, aber daraus ergibt :sich gerade, daß es übereilt gewesen wäre, schon jetzt einen Kongreß nach Palästina einzuberufen, so lange Avir nicht die GeAvißheit hatten, daß die türkische Regierung der Angelegenheit wohlwollend gegenüberstehe. Ebenso war es unmöglich, die Leitung nach Konstantinopel zu verlegen oder gar nach Palästina; denn noch ist der Zionismus nicht stark genug, um Werke zu schaffen, die sich selbst in Palästina erhalten. Nein, erst muß der Zionismus die Gesamtorganisation der J u d e n h e i t umfassen, erst müssen wir für die innere Verbreitung unserer BeAvegung in den Zentren der jüdischen Bevölkerung der Länder Europas und Amerikas sorgen. Solange Avir nicht diese Aufgabe erfüllt haben, muß unsere Leitung außerhalb bleiben. Der Hedner Avandte sich dann den Stimmen, die eine etwaige Aenderung des Baseler Programms verlangten, zu, und betonte, daß er gerne unter den A-eränderten politischen Verhältnissen den Gedanken eines Charters fallen lasse, das nur ein persönlicher Wunsch Herzls gewesen Aväre; aber im übrigen dürfte man an dem Baseler Programm nichts ändern. (Vergleiche dazu obigen Artikel.) Nordau betonte am Schlüsse seiner Darlegungen, daß der Zionismus gar nicht daran denke, in Palästina einen selbständigen, von der Türkei unabhängigen Staat zu schaffen; aber ebenso wenig wolle er sich assimilieren. Wolle die Türkei die Zionisten unter dieser Bedingung, dann sei es gut; fordere man aber den Verzicht auf das Judentum und verlange man die Assimilation, dann sage das Judentum nein, A\ie es so oft verlockenderen Kulturen gegenüber nein gesagt habe. Ein Zionismus, derd en türkischen Regierungsreformen zuliebe sein Programm ändere, Aväre nicht mehr der Zionismus des Hedners. (Stürmischer Beifall.) Im Sinne der Vorschläge des Permanenzausschusses wurden dann in die Kongreßleitung gewählt: Zum Präsidenten Dr. Max Nordau, zu Vizepräsidenten Dr. B o d e nh e i m e r, Reichsratsabgeordneter Adolf Stau d, Doktor T s c h 1 e n o av, Ingenieur U s s i s c h k i n. Zu Beisitzern: Dr. B e r n s t e i n - K o h a n. David Flu reut i n (Saloniki), Dr. Ernst Kalmus, Dr. Isidor M a r g u 1 i e s, Friedensrichter Jakob Moser, Samuel P i n e 1 e s, Rabbiner Heines, Wladimir T e m k i n. Die N a c h m i 11 a g s s i t z u n g wurde vom Präsidenten mit herzlichen Gedenkworten für die Avährend der Kongreßperiode Verstorbenen eröffnet, vor allem für Großherzog Friedrich von Baden. Sodann erstattete Generalsekretär S o k o 1 o av den gedruckt vorliegenden Berieht des Aktionskomitees. Derselbe zerfällt in drei Teile, den kulturell-politischen, den organisatorisch-administrativen und den finanziellen Teil. Der erste umfangreichste Teil gibt eine vollständige Uebersicht über alle bedeutungsvollen Erscheinungen im Judentum der letzten zAvei Jahre, vom zionistischen Standpunkte aus betrachtet. Er verzeichnet, mit großer Genugtuung ein mächtiges Erstarkender national-jüdischen KulturbeAvegung und verweilt eingehend bei den politischen Ereignissen, die für die zionistische BeAvegung von besonderer Bedeutung geAvorden sind, der Umwälzung in der Türkei. Er begrüßt mit Freuden das Werden verfassungsrechtlicher Zustände im ottomanischen Reiche, von denen er sich die besten Aussichten auch für die zionistischen Bestrebungen verspricht. Der zweite organisatorische Teil behandelt die einzelnen Institutionen der BeAvegung. Der Jahresabschluß des Aktionskomitees Aveist zum erstenmale einen Ausgleich der Einnahmen und Ausgaben auf, die A'erschiedenen Banken und Fonds haben sich erfreulich entAvickelt nnd große Ueberschüsse zu verzeichnen. Sodann folgt eine Finanzubersicht, der wir unter anderem folgende Zahlen entnehmen : Das Aktionskomitee, d. h. die Leitung hatte in den beiden Jahren der Berichtsperiode Einnahmen in der Höhe von 300.000 Mark, der Jüdische Nationalfonds vermehrte sich um eine halbe Million, die Banken Aveisen insgesamt Einnahmen von 600.000 Mark auf, die „Oelbaumspende", aus deren Erträgnissen auf dem Bodenbesitz des Nationalfonds Oelbäume gepflanzt Averclen, 100.000 Mark, die Gesamteinahmen der zionistischen Organisation in der Berichtsperiode betragen Mark 1,644.604-04. Das Gesamtvermögen der Organisation _und der verschiedenen ihr gehörigen Institutionen etc. beträgt 7V3 Millionen. In der Generaldebatte forderte als erster Redner Prof. Dr. L. Kellner- Czernowitz die Organisierung des Kongresses nach Sektionen für alle Fragen des Judentums. Dr. Pazmanik - Genf übte unter lebhaften Beifalls- und Widerspruchskundgebungen scharfe Kritik an der Tätigkeit des Aktionskomitees, zumal des Präsidenten, dem es an Gedanken, Gefühl und Willen gefehlt habe. Der Angriff seitens der Alliance Israelite Universelle hätte viel schärfer abgewehrt werden müssen. Nichts sei unternommen worden, um mit anderen Organisationen in Verbindung zu treten. Was in Palästina an Rationellem geleistet wurde, ist nicht dem Präsidenten, sondern Prof. Warburg zu danken. Die Leitung dürfe nicht außerhalb der jüdischen Zentren, also auch nicht in Köln bleiben. Redner beantragte zum Schlüsse folgende Resolution: „Alle bewußten Zionisten verpflichten sich vor allem, innerhalb der nächsten fünf, bezAv. zeh« Jahre mit Zustimmung der türkischen Regierung nach Pa/ästina auszuwandern.u (Beifall, Gelächter, Unruhe).