Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 1 Die Anregung zur Abfassung eines Parteiprogrammes ging von mir aus. In der Konferenz vom 27. August 1897 habe ich sie zuerst lanciert. Sie wurde jedoch von Dr. Herzl und noch intensiver von Wolffsohn, der unbedingt Dr. Herzl ergeben war, bekämpft und fiel durch. Tags darauf habe ich in der Vorkonferenz gemeinsam mit Adam Rosenberg (New-York) den Antrag auf Einsetzung einer füntgliederigen Programm-Kommission gestellt und diesmal wurde der Antrag mit dem Zusatz angenommen, daß die Kommission aus 7 Mitgliedern zu bestehen habe. Es wurden sohin in die Komission gewählt: Dr. Birnbaum, Dr. Boden heimer, Dr. Mintz, Dr. Nordau, Adam Rosenberg, Prof. Schapira und ich. Dr. Nordau fungierte als Repräsentant der Herzlichen Anschauungen und hatte die Aufgabe, das Progamm so verschwommen als nur möglich zu gestalten. In Hamburg erzählte nun Dr. Nordau von sich folgendes: „Es ist vielleicht trotz der Raschlebigkeit und Kürze des Gedächtnisses der heutigen Menschen noch nicht ganz vergessen^ daß für die konkrete Fassung, das heißt, für den Wortlaut des Baseler Programms, in der Hauptsache ich (!) verantwortlich hin. Ich hatte ursprünglich den Ausdruck „öffentlich-rechtlich" nicht gebraucht. Er schien mir unnötig. Ich (!) sagte: rechtlich gesicherte Heimstätte. Im Programmausschuß befanden sich jedoch grundstürzende Feuerbrände, die mehr träumten und denen mein Ausdruck nicht stark genug schien, nicht genug zu sagen schien. Sie drohten mit Reden und Anträgen in der öffentlichen Sitzung, die unsere Bewegung gleich bei ihrem ersten Schritt vor der Oeffentlichkeit schlimm bloßgestellt hätten. Da machte unser Herzl den Vermittlungsvorschlag, meine Fassung „rechtlich gesichert" durch die Wendung „öffentlich-rechtlich gesichert" zu ersetzen. Von dieser Aenderung erklärten die Kadikaien sich leidlich befriedigt und es wurde erreicht, daß das Baseler Programm dann einstimmig unter jubelndem Zuruf angenommen wurde. Sie sehen, ich habe keinen persönlichen Grund, mich für «öffentlich-rechtlich" einzusetzen. Ich tue es aber jetzt dennoch. Denn, wenn wir es nochmals ändern, so geben wir dem Worte nachträglich eine Deutung, die eine dreiste Fälschung seines -wirklichen ursprünglichen Sinnes wäre. (Lebhafte Zustimmung.) Eine kleine Minderheit des ersten Kongresses verband mit dem Ausdrucke die Vorstellung einer jüdischen Einwanderung in Palästina unter den Auspizien der Großmächte, die diese Besiedelung des Heiligen Landes als einen Bestandteil des europäischen Staatsrechts anerkennen sollte. Die ungeheuere Mehrheit des Kongresses war derartiger ausschweifender Phantastik fremd. Mit „öffentlich-rechtlich" wie mit „rechtlich gesichert" wollte sie nur sagen, daß die Zionisten den Gedanken abweisen, sich in Palästina einzuschleichen, daß sie nur auf Grund ausdrücklich gewährter gesetzlicher Rechte ottomanische Reichsangehörige werden wollten. (Lebhafte Zustimmung.) Das ist die Bedeutung von „öffentlichrechtlich". Die Darstellung Dr. N o r d a u s ist falsch. Wir wollen nicht behaupten, daß Dr. Nordau absichtlich gefälscht hat, aber es hat ihn sein Gedächtnis im Stiche gelassen und er hatte wahrscheinlich keine Zeit, um in die gedruckten Protokolle des I. Kongresses oder in die Berichte der „Welt" Einsicht zu nehmen. Wer dies aber tut, der kann sich leicht von der Unrichtigkeit der Nordau'schen Darstellung und Interpretation überzeugen. Der Programm-Ausschuß hatte zwei Entwürfe vor sich..; die Tendenz der Mitglieder ging dahin, ein möglichst ausführliches, allen Fragen des nationalen und wirsehaftlichen Lebens Rechnung tragendes Programm auszuarbeiten. Nordau trat jedoch lür weitgehendste Knappheit ein, mit der Versicherung, daß das Programm- Gerippe auf den nächsten Kongressen möglichst ausgestaltet wird. Bekanntlich eine Zusage, die nicht gehalten wurde. Aus diesem Grunde beschloß der Ausschuß einstimmig, den von Nordau vorgeschlagenen Ausdruck „rechtlich gesicherte Heimstätte" zu akzeptieren. Es ist daher eine dreiste Unwahrheit, daß irgend jemand im Ausschusse „mit Reden und Anträgen in der öffentlichen Sitzung gedroht hat.* Dieser einstimmige Beschluß des Ausschusses fand jedoch beim Kongresse entschiedenen Widerspruch (vgl. Kongreß-Protokoll S. 114fg) und wurde von mehreren Rednern (Schach, Motzkin) der Ausdruck „völkerrechtlich gesichert" verlangt. Dagegen sprach sich wieder am Kongreß Dr. Herzl aus und beantragte die Bezeichnung „öffentlich rechtlich". Infolge dieser Anträge zog sich der Ausschuß zur neuerlichen Beratung zurück und akzeptierte für den ersten Programmpunkt die „öffentlich gesicherte Heimstätte", wozu auch der Kongreß seine Zustimmung gab. Soviel zur Steuer der geschichtlichen Wahrheit, Es beweist dies, daß nicht die Minderheit, wie Dr. Nordau behauptet, sondern der ganze erste Kongreß sich mit einer bloß rechtlichen Sicherung der Heimstätte für das jüdische Volk nicht begnügen wollte. Er. verlangte öffentlich-rechtliche Garantien. Die Redewendung Nordaus, daß der erste Kongreß' mit diesem Programmpunkt den Zweck verfolgte, die Zionisten als ottomanische Reichsangehörige nach Palästina zu bringen, während sie sich bisher einschleichen mußten, ist eine Sophisterei. Denn das Programm rechnete nicht mit Individuen, es proklamierte ein Ziel für das jüdische Volk. Gerade die schillernde Plaidoyer-Kasuistik Nordaus beweist, daß die Tätigkeit des zionistischen Aktionskomitees resp. Wolffsohns nicht auf dem Niveau des Basler Programms steht. Und da weder das Talent, noch die Beziehungen Wolffsohns und seiner Freunde zu jener Höhe hinaufreichten, von der Weltpolitik gemacht wirdr mußte das Basler Programm in das Alltagsgewimmel der Bankgründungen, Bilanzen und Dividenden gezerrt werden- Die Grabrede des politischen Zionismus. Der neunte Kongreß in Hamburg hat die ganze- Inhalts- und Resultatslosigkeit der bisherigen Hintertreppen- und Bakschisch-„Diplomatie" bewiesen; dort hat Nordau dem politischen Zionismus die Grabrede gehalten. Was er sonst sprach, war bloß eine Propaganda für national gefärbte Kleinkolonisation. Wenn jetzt Dr. Herzl aufstände! Das Basler Programm paßt nicht mehr für die heutigen Verhältnisse in der Türkei und innerhalb der zionistischen Partei; es ist ein Anachronismus. Der Hamburger Kongreß suchte aber nicht im heißen Ringen nach einem Programm für seine Geister, sondern nach, einem Führer für seine Herde. Dr. S. R. Landau. Die Kongressverhandlungen. Erster Verhandlungstag. Der Kongreß wurde um 10 Uhr vormittags im „Konzerthause" vom Präsidenten des Aktionskomitees Herrn David. Wolffsohn in Gegenwart von etwa 400 Delegierten mit der Verlesung einer Begrüssungsrede eröffnet. Redner begann mit dem Ausdruck der 'Genugtuung, daß die Zionisten zum erstenmale auf deutschem Boden tagen. Die Zionisteu fühlten sich in einem Kulturland wie Deutschland wohl und auch in Hamburg, der weltumspannenden Handelsstadt, wisse man die Bestrebungen des Zionismus zu würdigen..