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Neue Nationalzeitung · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1 „Neue National-Zeitung" Seite 5 nicht am Platze, wenn wir uns in die rein internen Vorgänge des katholischen Klerus einmengen würden. Der „Liberalismus" einer gewissen Presse, der jetzt für Marschall Alarm schlägt, hat den Juden ohnehin genug Feinde geschafft. Der neue Pairsschub brachte auch den „Israeliten" eine Ueberraschung. Unter den neuernannten 24 lebenslänglichen Herrenhausmitgliedem befindet sich auch ein Universitätsprofessor „mosaischer Konfession : Hofrat Dr. Lieben. Die jüdische Bevölkerung kann nun ruhig weiterschlafen, sie ist im Herrenhaus aufs beste vertreten: durch vier Universitätsprofessoren und einen Handelskammerpräsidenten. Daß diese Herren bei all ihrer wissenschaftlichen oder kaufmännischen Autorität den Bedürfnissen und dem ganzen sozialen Leben der jüdischen Bevölkerung fremd gegenüberstehen — darüber ist wohl kein Wort zu verlieren. Aber schließlich: wen sollte die Regierung ernennen? Schmelke von H o r o w i t z oder David von Guttmann oder gar Baron Albert Rothschild? Gerade bei dieser Gelegenheit zeigt sich am klarsten das ganze Chaos des jüdischen Parteilebens. In ganz Oesterreich gibt es keine einzige jüdische Persönlichkeit, die sich allgemeiner Popularität erfreuen und deren Berufung ins Herrenhaus von der jüdischen Oeffentlichkeit verlangt würde. Und so lange dies nicht der Fall ist, wird auch der Regierung nichts anderes übrig bleiben, als bloße Zufallsjuden zu berufen! Der IX. Zionisten-Kongress in Hamburg. Nun liegen die Berichte (vom 26. bis 30. Dezember) des fünftägigen Zionisten-Kongresses vor uns. Das Resultat der heftigen, oft stürmischen Debatten ist gleich Null. Es bleibt Alles beim Alten. Trotzdem Herr David Wolffsohn wiederholt beteuert hat, daß er die Präsidentenwürde nicht mehr annehme und die russischen Delegierten vereint mit den galizischen und österreichischen Delegierten in der leidenschaftlichsten Weise gegen Herrn Wolffsohn vorgiengen, um für Prof. W a r b u r g Platz zu machen, einigte sich schließlich der Kongreß Freitag, um 4 Uhr morgens, nachdem die ganze vorhergehende Nacht beraten und gestritten wurde dahin, das ganze bisherige engere und große Agigations-Komitee mit der weiteren Führung der Geschäfte provisorisch zu betrauen. Präsident Wolffsohn hatte sich eine sehr kluge Taktik zurecht gelegt. Statt sich gegenüber den Angriffen zu verteidigen, griff er selbst an, und zwar besonders scharf die russischen sowie die galizischen Delegierten. Man muß wirklich staunen, wie dieser einfache Holzhändler, der am ersten Kongreß kaum einige Sätze zusammenbringen konnte, heute vorzüglich zu polemisieren weiß. Er stand im Mittelpunkte des Kongresses, dessen Um und Auf in der Frage gipfelte: Was hat Wolffsohn in den letzten zwei Jahren geleistet? „Politischer Zionismus Nichtstun!14 Daß Wolffsohn nichts geleistet hat, darüber war wohl der ganze Kongreß einig, bei seinen Anfängern und Gegnern ergab sich eine Meinungsverschiedenheit nur bezüglich der Gründe dieser Unfruchtbarkeit. Das kühnste Wort sprach wohl Abg. Stand, in seiner Polemik gegen Wolffsohn. Er sagte folgendes: „Politischer Zionismus d. h. Nichtstun. Das Politische ist in höchstem Grade unpraktisch, es schafft nichts, er ist eine Erstarrung*. Dem Herrn Stand sekundierte Herr Dr. Braude aus Lodz, welcher das engere Aktionskomitee „eine bureaukratische Maschine, eine leere Maschine ohne Inhalt" nannte. Wer diese Herren seit Jahren kannte, aus jener Zeit, da sie noch bedingungslose Anhänger des politischen Zionismus und Gegner der Kleinkolonisation, ja selbst der Gegenwartspolitik waren, der mußte erstaunt nach den Gründen dieser plötzlichen Sinnesänderung fragen. Und die Antwort darauf gab Wolffsohn, gab auch Dr. Braude selbst: Das Direktorium der Jüdischen Kolonialbank hat sich geweigert, für die zionistische „Kredit-Union" in Lemberg Kapitalien zur Verfügung zu stellen. Wolffsohn meinte dazu ironisch: „Vorläufig haben die Herren, die praktische Arbeit verlangen, immer noch von den Geldern verlangt und genommen und sind furchtbar böse darüber, daß man ihnen die Gelder nicht ausliefert, die der phantastische Zionismus aufgebracht hat." Wenn nun Herr Stand jetzt plötzlich den politischen Zionismus öffentlich verwirft, weil dessen Instiument, die Kolonialbank, nicht das Geld für eine gegenwartspolitische Agitationsanstalt — eine solche ist doch gewiß die „Kredit-Union" — hergeben will — was sollen sich da erst die Gegner des Zionismus denken! Ueberflüssig zu bemerken, daß es an großen Ideen und welchen neuen Anregungen gefehlt hat. Der Kongreß verlief in einem bedauerlichen Gezänke. Hier Wolffsohn', der unermüdliche, aber unzulängliche Repräsentant der größten jüdischen Volksidee, dort Warburg, der Professor der Botanik, dem die zionistische Partei bereits eine Reihe von zumeist exotischen botanischen oder agrikulturellen Experimenten zu verdanken hat. Zur Geschichte des Baseler Programms. Und das zionische Programm? Daran wurde in Hamburg nicht gerüttelt. Da zeigte sich am krassesten die ganze geistige Armut des Kongresses. Ueber Kleinigkeiten, über persönliche Fragen wurde viel gestritten, aber selbst an die Interpretation — nicht etwa an eine Aenderung des Programmes, und zwar seines ersten Punktes, in dem von der „öffent- 1 i c h-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" gesprochen wird, hat sich niemand herangewagt..In dieser großen Versammlung von über 400 Männern der Intelligenz gab es keinen gebildeten Staatsrechtler, keinen Juristen von überdurchschnittlicher Vorbildung, der sich der gewiß dankbaren Aufgabe unterzogen hätte, unter Zugrundelegung der Verhandlungsprotokolle des I. Basler Kongresses nachzuweisen, daß die Darstellung des Herrn Dr. Nordau, soweit sie sich auf das Zustandekommen des obgenannten ersten Programmpunktes bezieht, tatsächlich unwahr und soweit sie eine juristische Interpretation dieser Stelle bildet, ein Widersinn ist. Herr Dr. Nordau, der ja sonst ein vorzügliches Gedächtnis hat, scheint gerade in diesem Punkte sehr viel vergessen zu haben. Es sei uns gestattet, seinem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen. Ich tue dies als Mitglied der Programm-Kommission, die das Basier Programm verfaßte, um das Prestige der Programm- Kommission gegen von einem Giößenwahn diktierte Entstellungen, die auf historischen Wert Anspruch erheben wollen, in Schutz zu nehmen.

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