Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 1 wöchentliche Stunden übrig. Der Religionslehrer sei der Erzieher unserer Jugend, bleibe in immerwährender Fühlung mit ihr, bewache und behüte sie, beobachte jeden ihrer Schritte, dann wird er, auch ohne hebräische Vokabeln und Sittenlehre, sehr viel, wenn nicht alles erzielen können, er wird gar manchen jungen Menschen vor dem Schritte bewahren, der „Austritt" genannt wird. Weniger Schulweisheit und mehr Liebe, weniger oft übel angebrachte Strenge und mehr Freude, das ist es, was wir heute vom Religionsunterrichte mehr denn je fordern müssen. Strenge läßt sich mit Wohlwollen und Freude am Gegenstande gut vereinen. Der Himmel bewahre uns vor der Disziplin- und Formlosigkeit einer alten, längst überwundenen Zeit, in der man das Wort vom „Cheder" oder der „Judenschule" prägte. Aber eins können wir verlangen: daß der Lehrer seinen Schülern beweise, wie die Ideen des Judentums keine vernagelten und verrosteten sind, wie enge sie sich vielmehr mit denen der neuen Zeit berühren und mit diesen vereinigen lassen. Unser bestes Schulbuch bleibt doch immer noch die R i b e 1, dieser ewige Jungbrunnen, aus dem sie alle schöpften, die Dichter und Denker, die Staatsmänner und Gesetzgeber. Mit der großen und weitschichtigen Literatur des Mittelalters und der Neuzeit aber soll unsere heranwachsende Jugend in der Weise bekannt gemacht werden, daß der Lehrer in verständiger Erklärung die Zusammenhänge zeigt, in denen sie mit den Erscheinungen der Zeit steht, die sie hervorgebracht hat. Der lebendige Vortrag des Lehrers, die nie rastende Relehrung, auch außerhalb der Unterrichtszeit, die väterliche Ermahnung, bilden das Wesen des Religionsunterrichtes, dabei, wie ich hervorhebe, auch die Sorge für das materielle Wohl der Schüler, die sich der Lehrer angelegen lasse, wenn es nottut. Und es tut in vielen Fällen not. Ich bekenne meine Schuld, hochgeschätztester Herr Redakteur, denn ich bin vom Defizite im Haushalte der Wiener Kultusgemeinde auf ein ganz anderes Kapitel gekommen, auf dasDefizitim Religionsunterrichte. — Aber aus den spärlich sickernden Reden der Budget-Debatte ersah ich eines: Mancher treffliche Mann unter den Vorständen der Wiener Kultusgemeinde hat nicht nur den Fehlbetrag an Geldern, sondern auch den am Unterrichte berührt und indem er das letztere tat, an eine Wunde gerührt, an der wir offenbar leiden. Er meinte wohl, die Jugend müsse auf den rechten Weg geleitet werden. Dazu aber sind nicht so sehr Lehrpläne, Lehrbücher, Grammatik und Pflichtenlehre nötig — als Männer, welche es verstehen, in den Seelen der jungen Leute zu lesen und zu erkennen, wessen ihre Herzen bedürfen! Ich höre viele sagen: Der Mann versteht vom Unterrichte gerade so viel, wie, von den so wichtigen Mikwah-, Friedhofs-,Wohltätigkeits-, Seleherei-,Synagogengesang- und Schächtungsangelegenheiten. Nämlich nichts. — Sei es drum. Aber ein wenig habe ich doch das Herz ausgeschüttet. Seine Meinung kann ein jeder sagen, und dies habe ich getan, ohne allzugroße ira und mit ein wenig studio. Sie aber, hochgeehrtester Freund und Redakteur, der Sie den Mut besitzen, in unserer Herdenmoral-Zeit, in unseren Tagen der leeren Schlagworte, der hohlen Redensarten, der süßlichen Frömmelei und äffischen Nachbeterei, den Worten der Wahrheit die Spalten Ihrer Zeitung zu öffnen, nehmen Sie dieses Schreiben auf, prüfen Sie es auf seine Aufrichtigkeit und dann drucken Sie es ab zu Nutz und Frommen aller, die es angeht. — Vor allem aber nütze es unserer über alles geliebten Jugend. — Mögen wir alle, die wir an Disziplin leiden, bald von ihnen befreit werden. Und, da wir nun einmal schon alles umwerten, wünschen wir dies, wenn auch nicht am „Rosch-Haschanah", so doch an dem kommenden Neujahre 1910. Wünsche kann man immer entgegennehmen. Und besonders Wünsche, daß die Defizite aller Art sehwinden mögen. Heiter grüßt Sie, hochverehrtester Herr Redakteur und viellieber Freund Ihr auch im neuen Jahre ergebenster Mitarbeiter Schlomoh Lo-Noda. POLITISCHE RUNDSCHAU. Gegen sechs jüdisch-nationale Advokaten welche jüngst in einer Lemberger Volksversammlung den Gemeinderat angegriffen haben, weil er einem jüdisch-akademischen Wohltätigkeitsverein eine Subvention verweigerte, hat die Lemberger Advokatenkammer beim Disziplinarrat die Anzeige erstattet. Das ist ein starkes Stück. Wenn dies so weitergeht, so werden die österreichischen Advokatenkammern recht viel zu tun haben und die Disziplinarräte werden sich im Gerichtshöfe über politisierende Advokaten verwandeln. Dann wird man wohl bei jüdisch-nationalen Advokaten nicht stehen bleiben, sondern wird auch die polnisch-, deutseh-, ruthenisch-, slovenisch- und Gott weiß welche noch nationalen Advokaten, ja ebenso die Antisemiten und Sozialdemokraten vor die Disziplinarräte zur Verantwortung ziehen müssen. Die Lemberger Kammer wird sich jedenfalls ihre Idee patentieren lassen. Hätte ihr doch leicht die Wiener Kammer zuvorkommen und beispielsweise die antisemitischen Advokaten Dr. Lueger, Dr. Neumayer, Dr. P a 11 a i, Dr. Förster usw., die in der Agitation oft sehr kräftig waren, maßregeln können. Aber auf solche Ideen kommt man eben nur in Lemberg. Allerdings berufen sich die Anzeiger auf die jüngst beim Obersten Gerichtshof als Disziplinarsenat erfolgte Verurteilung des Reichsratsabgeordneten und Advokaten Dr. Trylowski wegen seiner als hetzerisch erklärten Versammlungsrede. Sie übersehen jedoch, daß dieser disziplinären Verurteilung die vorangegangene strafrechtliche zugrunde gelegt wurde. In seiner letzten Wirkung bedeutet der Beschluß der Lemberger Advokatenkammer die Entmannung des Advökatenstandes; das scheinen eben die Anzeiger in ihrer blinden, politisch-parteilichen Gehässigkeit nicht einzusehen. Weihbischof Marschall von Wien ist durch die bevorstehende Ernennung eines Koadjutors um die erwartete erzbischöflicha Stellung gebracht worden. So bedauerlich es auch ist, daß dieser liberale Priester nicht die Stelle des Glaubensfanatikers Gruscha einnehmen wird, so liegt dennoch für die jüdische Presse kein Grund zur Aufregung vor. Es ist bekannt, daß Weihbischof M arschall nicht wegen seiner liberalen Gesinnung, sondern infolge der persönlichen Antipatien sehr hochgestellter Persönlichkeiten gestürzt wurde; es ist auch bekannt, daß Marschall bei aller liberalen Gesinnung in den jüdischen Familien, wo er verkehrte, Taufpropaganda getrieben hat. Es wäre auch gar