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Neue Nationalzeitung · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Nri'l „Neue National-Zeitung' Seite 3 "Das "Defizit im "Religionsunterricht. Offener Brief an den Herausgeber der „"Neue üs-ational- Z e.i tun g". Die schöne Sitte des „Schlach-Monaus" am Purim ist Ihnen wohlbekannt. Dieser Gebrauch des „Geschenke- Schickens" wurde, wie ebenfalls bekannt, in unseren Tagen, da man alle Begriffe, frei nach Nietzsche und noch freier nach Oskar Wilde, umwertet, von unseren Glaubens- oder Unglaubensgenossen auf das Weihnachtsfest verlegt, das von jüdischen (?) Zeitungsschreibern und den Fräulein Gouvernanten, an denen es in jüdischen Häusern nicht fehlt, den jüdischen Kindern schön, rührend, poetisch geschildert wird. Doch was erzähle ich Ihnen und Ihren werten Lesern hier Dinge, die alle Spatzen pfeifen und alle Raben krächzen? Daß aber der Kultusvorstand der Wiener Gemeinde den Steuern und anderes zahlenden Gemeindemitgliedem ein Weihnachtsgeschenk in Gestalt eines Defizites von 110.176*82 Kronen, das sich eigentlich zu einem „Gesamterfordernisse" von 290.176*83 Kronen herauswächst, machen werde, hätten wir in den uns am schwersten bedrückenden Träumen nicht gedacht. Nun aber da dies geschehen ist, rufen wir mit unserer Großmutter seligen Angedenkens aus: „Es schmeckt einem ein Trunk darauf. Wie, Sie meinen, hochverehrtester Freund, „da vergeht einem der Appetit dabei"? Ich bin, als braver Jude, ein Friedensfreund und — gebe ihnen recht. Also unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit der Gemeindemitglieder, an deren Säckel laut appelliert wird, wurde das Geschenk des Defizits — an diesem Paradoxon bemerken .Sie, wie intensiv ich mich mit dem Studium der modernsten Literatur beschäftige — in Empfang genommen. Doch halt! Es wurde dabei auch geredet über die Mikwah, die Wohltätigkeit, die Selcherei, diese mythische Seeschlange unserer rituellen Angelegenheiten, über die verödeten Synagogen, die durch keine Lockrufe und Sirenen (?)-Gesänge zu füllen sind, über den Friedhof und den Religionsunterricht; demnach, wie mein Freund, der Philologe, zu sagen pflegt: „De Omnibus rebus et quibusdam aliis." Meine allgemeine Bildung ist ein wenig zurückgeblieben, so daß ich über Tauchbäder, koscheres Selchfleisch, Synagogengesang, ditto Predigt, und das Begrabenwerden leider nicht reden kann. Was mich aber an dieser „Budget-Debatte" wunderte, war, daß der „Religionsunterricht" fast in allen Reden wiederkehrte. Entweder ist dieser der Sündenbock, der dem Asasel unserer Zeit geopfert wird, oder aber, es ist der Staat Dänemark, in dem etwas „faul" ist. — Wenn von dem Religionsunterrichte gesprochen wird, dann wälzt man die Schuld seines Nichterfolges, denn sonst würde man nicht so viel von ihm reden, gewöhnlich zu: dem mangelhaften Lehrplane, der geringen Zeit, welche dem Unterrichte gewidmet wird, den Lehrbüchern, die nicht viel taugen, den Lehrpersonen, von denen man mit versteckten Angriffen spricht, und dem Hause, das den Unterricht nicht mit der nötigen Tatkraft unterstützt. Es sind dies Argumente, die sich hören lassen, man wird keiner einzigen dieser vorgebrachten Tatsachen eine gewisse Berechtigung absprechen können. Nur möchte ich die Liste der „Ausgetretenen" nicht ganz und gar den mangelhaften Lehrplänen und Lehrbüchern für den Religionsunterricht, der allzugeringen Heranziehung des weiblichen Geschlechtes beim Religionsunterrichte in die „Schuhe schieben". Wenn man die „Umwertung" des „Schlach-Monaus" zur „Weihnachtsbescheerung* ins Auge faßt, dann werden die „Austritte" schon besser erklärt werden können. Wieder ein weit hergeholtes paradoxes Argument Aber die Einsichtigen werden mich verstehen. Lehrpläne und Lehrbücher werden uns freilich nicht helfen. Am wenigsten Bücher, wenn sie auch „approbiert" oder nicht approbiert wurden. Das sind nicht die richtigen Pädagogen, die sich, sei es nun im Religionsunterricht oder sei es in einem anderen Gegenstande vom „Büchel" etwas erhoffen. Ein Buch bleibt immer etwas Totes, sowie der Buchstabe überhaupt, und unsere Jugend liebt im allgemeinen die modernste Literatur mehr, als die der Schulbücher. Wer wollte ihr dies auch übel nehmen? Die graue Lehrbüchertheorie ist weit entfernt vom goldenen, grünen Lebensbaume. Darum, wenn man schon von der Wirkung des Religionsunterrichtes spricht, lege man das Hauptgewicht auf die Persönlichkeit des Unterrichtenden. Wir befinden uns, hochgeehrtester Freund und Redakteur, in dieser Beziehung in der besten Gesellschalt — in der Goethes. Dem war die Persönlichkeit auch das Wichtigste. Ein guter, tüchtiger, sich ganz dem Gegenstande widmender Lehrer, ein Lehrer mit Herz und Geist, ein Pädagoge, vermag viel, auch — ohne approbiertes Lehrbuch. Er kann viel, wenn auch nicht alles. Zwei Stunden nur, sagt man, stehen dem Lehrer des Religionsgegenstandes zur Verfügung. Allerdings sehr wenig, besonders wenn er keine Disziplin hält und ihm demnach die Zeit für den Unterricht fehlt, weil er nicht Religion lehren kann, während die Herren Buben die mathematische Hausübung oder griechische Präparation „verfertigen". Aber, wer sagt, daß dem tüchtigen Religionslehrer nur zwei Stunden für die Unterweisung der Jugend gegönnt sind? Sieht er allerdings im Religionsunteri ichte nur die Kunst, hebräische Vokabeln oder die Formen der starken und, ach, so schwachen Verba „einzubläuen", oder hie und da ein Kapitel „Geschichte" oder, furchtbares Wort, „Sitten- und Pflichtenlehre" vorzutragen, dann freilich mögen auch vier oder mehr Stunden wöchentlich kaum genügen. Besteht aber die Religionslehre im Auswendiglernen von Kapiteln approbierter oder nicht approbierter Lehrbücher, von Uebersetzungen der Bibelverse und „ausgewählter" Gebete? Wird man mit allen diesen Kunststücken nicht unsere Jugend in die Flucht schlagen? Der Religionsunterricht ist. 'eben mit dem in anderen Gegenständen nicht zu vergleichen. Da versagen die Prüferei, das Lehrbuch, das Klassifizieren und all der verrostete Kram ganz und gar. Halt, Sie unterbrechen mich, hochgeschätzter Freund und Redakteur. Ich höre Sie im Chorus mit den anderen rufen, schreien, protestieren: Wie also, Sie Idealist — ich bin nämlich dieser heute so verpönten Gilde zugehörig — stellen Sie sich einen erfolgreichen Religionsunterricht vor? Ohne Grammatik, ohne Lehrplan, ohne Lehrbuch, Geschichte, Pflichtenlehre u. s. w.? Nun sehe ich, daß Sie und der ganze Chorus mich mißverstanden haben. Der Unterricht muß eine feste Basis haben, so viel verstehe ich von dem Handwerk auch, und auch dem in der Religionslehre darf und kann er nicht fehlen, aber der Religionslehrer darf sich nicht allein auf den Unterricht beschränken, er muß vielmehr mit seinen Schülern sich auch außerhalb der Unterrichtszeit beschäftigen, er soll ihr steter Berater, vertrauter Freund, ihr liebevoller Vater sein und dazu bleiben ihm mehr als zwei

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