Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 1 Nun ist's mir klar. Taussig war der Gläubiger der Kultusgemeinde. Aus der Kasse der Bodenkreditanstalt hat er gepumpt und gepumpt und hat es ermöglicht, daß sicti der Vorstand über die Defizitwirtschaft so leicht hinwegsetzte. Heute ist die Gemeinde an die Bodenkreditanstalt über 880.000 Kronen schuldig und da sie noch an andere Bankinstitute Verpflichtungen von über 130.000 Kronen hat, so beträgt ihr Schuldenstand über eine Million Kronen. Davon sind 45U.0Ü0 Kronen auf den Tempeln in der Seitenstettengasse und in der Tempelgasse grundbücherlieh einverleibt. Trotzdem soll jetzt wieder ein Darlehen von K 180.000 aufgenommen werden, wenn sich *'in Geldgeber findet. Wohin soll diese Kavalier-Wirtschaft führen? Und wenn es jetzt der neuen Leitung der Bodenkreditanstalt einfallen wird, die nicht grundbücherlieh gesicherten Beträge zu kündigen? Wenn wir die Erhöhung der Kultussteuern, respektive eine gerechte Besteuerung der jüdischen Millionäre verlangen, dann erklärt Herr Dr. Stern, daß dies nicht nötig sei, weil diese Herren der Gemeinde ohnedies in kritischen Zeiten zur Seite stehen. Das ist natürlich nicht wahr. Die Millionäre geben nur in den seltensten Fällen für Gemeindezwecke etwas her und sie tun das eher aus Eitelkeit, um ihren Namen unvergeßlich zu machen. Die meisten dieser Herren kümmern sich um die Gemeinde gar nicht, ihre Kinder taufen sich und die Gemeinde hat das — Nachsehen. Ich verweise nur beispielsweise auf den Armeelieferanten W e t z 1 e r, von dein die Gemeinde nichts hat und der seine einzige Tochter taufen ließ. Dieser Herr hat sich aber trotzdem jüngst die Füße wundgelaufen, um als -Jude" ins Herrenhaus zu kommen. Der Starrsinn und die Volksfeindlichkeit des Herrn Dr. Stern führen also dazu, daß die jüdische Gemeinde von der Gnade einiger Millionäre und Bankdirektoren abhängig ist, alles nur deshalb, damit den reichen Juden ihre Pflichten nicht allzuschwer gemacht und den armen Juden das Wahlrecht vorenthalten wird. Und wenn darum die Kultusgemeinde auch bankerott wird, wenn auch die Synagogen der Residenzgemeinde Wien bis auf den letzten Dachziegel verpfändet werden sollten — das Pumpsystem wird fortgesetzt. * Es fällt mir nicht ein, zu bestreiten, daß die Wiener Kultusgemeinde in Bezug auf Wohltätigkeit, Kultus und Unterricht große Aufgaben zu erfüllen hat und denselben auch im Großen und Ganzen gerecht wird. Jedes Sparen auf diesen Gebieten wäre ein Fehler. Wenn nun gespart wird, wenn trotz Zunahme der Bevölkerung und der immer stärker werdenden Ansprüche derselben an die Gemeinde die Ausgaben-Posten des Budgets alljährlich herabgemindert und nicht erhöht werden, so ist dies nur ein Beweis der Rat- und Kopflosigkeit in der Führung der Gemeinde. Für das Jahr 1908 wurden die Gemeinde-Ausgaben mit K 3,109.544, für 190y mit K 3,035.236 und für das laufende Jahr mit K 2,983.215 K budgetiert — ein stetiger Rückgang. Die Logik bei dieser Finanzpolitik ist geradezu überwältigend. Jeder vernünftige Finanzpolitiker einer Gemeinde oder eines Staates sagt sich, daß die normale Erhöhung des Ausgaben-Etats die Schaffung neuer Einnahmsquellen erfordert. Ist es — wie bei einer Kultusgemeinde — nur schwer möglich, neue Einkommensquellen zu schaffen, dann muß eine Reform der bisherigen Steuern oder Umlagen erfolgen, die unter gerechter Einschätzung der einzelnen Mitglieder dennoch eine bessere Ausnützung der vorhandenen Steuer- Ressourcen ermöglicht. In der Wiener Kultusgemeinde geschieht es umgekehrt. Die Ausgaben werden nicht erhöht und damit wird jeder Anlaß zur Steuerreform vorweg genommen. Es wird gespart, kleinlich, krämerisch. Ein ehemaliger Oberfinanzrat, der durch 40 Jahre nur an Paragraphen getüftelt hat, ein trockener Bureaukrat ohne Verständnis für die Aufgaben einer jüdischen Großgemeinde, ist dazu bestellt, als Großsparmeister im Vorstande zu walten. Bei diesem Losungswort: nur sparen, aber keine Steuerreform, wird das Budget so schlecht und recht t zusammengehalten. Das Defizit für das laufende Jahr betrug „nur" K liO.176'82. Allein dieses Jahr kommen, noch dazu die Spenden für das Knaben-Waisenhaus per 100.000 K und für die verkrachte Mikwah weitere 80.000 K; es ergibt sich ein unbedecktes Mehrerfordernis von K 290.176 82. Um es zu decken, wird eine neue Anleihe aufgenommen werden müssen. Nun ist Taussig tot. Die Herren Bankdirektoren Kux, Hammerschlag und Weishut haben jetzt die beste Gelegenheit, sich ein Ehrengrab zu sichern. Die Geschichte mit dem Mikwah-Bau ist zu charakteristisch, um hier übergangen zu werden. Dieser Bau wurde vor einem Jahre begonnen und mit 164.000 Kronen präliminiert. Ausgegeben wurden bereits 15Ü.O00 Kronen, ein** neue Anleihe von 80.000 K muß aufgenommen werden und überdies lastet auf dem Platz* noch eine restliche Forderung der Ersten österreichischen Sparkasse per K 10.518'59. Die Mikwah, die der Vorstand der Sehiffschul' aus eigenen Mitteln zu erbauen bereit war, kostet jetzt die Gemeinde bereits über 240.000 K. Zudem ist das Gebäude ganz verpfuscht. Der Bauplan des verstorbenen Architekten Marmorek soll, so wird im Vorstand behauptet, die Ueberschreitungen notwendig gemacht haben. Inwiefern daran die Protektionsw irtschaft bei der Vergebung der Arbeiten an Professionisten auch Schuld trägt, wird geschwiegen. Hat sich ja doch hier der unerhörte Fall ereignet, daß die Installationsarbeiten einem um die Organisation des jüdischen Gewerbestandes hochverdienten Manne schon nach erfolgter Vergebung weggenommen wurden, unter dem Vorwande, man könne die Warmwasservon der Kaltwasser-Leitung nicht trennen und müsse daher beide Arbeiten einem anderen Unternehmen übertragen. Und darüber wird in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes gar nicht gesprochen! Denn liier gibt es keine Opposition und das ist das Allertraurigste an den Verhältnissen der Wiener Gemeinde. Ich habe in knappen Zügen die finanzielle Derouteder Wiener Kultusgemeinde skizziert. Daß es mir gelingen wird, die Majorität des Vorstandes zu bekehren oder zu belehren, daran glaube ich nicht. Ich appelliere daher nur an den gesunden Teil der Wiener Juden und frage: Wie lange noch soll eine privilegierte Koteriediese große Gemeinde zu Grunde regieren? -- L.