Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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N5Ü5 mmi mm XIL JAHRGANG. WIEN, 7. JÄNNER 1910. Nr. 1. Die Wiener Kultusgemeinde — vor dem Bankerott. 290.176 Kronen Defizit! Im Sinne des § 16 des Genieindestatuts gehört die Beschlußfassung über den Jahresvoransehlag in die öffentliche Sitzung. Dank dieser demokratischen Verfügung kann jeder jüdische Zeitgenosse ungestört den Saal betreten, wenn das Budget auf der Tagesordnung steht; er darf sogar das oratorische Feuerwerk bewundern, welches zum Fenster hinaus verbrannt wird. Sonst aber sind die Beratungen und Beschlüsse „vertraulich". Ueber die Dinge, die das Publikum am allerwenigsten interessieren, werden an die jüdischen Blätter Kommuniques ausgeschickt. Der Vorstand entbindet sich dadurch meist auch der Dankespflicht gegenüber verschiedenen Spendern und Wohltätern, für die es eine unverdiente Zurücksetzung wäre, wenn sie auf dem Umwege der jährlich kaum ein halbes Dutzendmale sich wiederholenden öffentlichen Sitzungen den Weg in die Presse finden würden. * Am 19. v. M. stand wieder der Voranschlag für das Jahr 1910 auf der Tagesordnung. Ich hatte schon früher seinen traurigen Tenor vernommen: ein schauderhaftes, noch nie dagewesenes Defizit. Und so traute ich mich fast gar nicht in den Saal hinein. Ich fürchtete den Anblick dieser vergrämten, tiefdurchfurchten Gesichter, die mir unter der schweren Last des großen Defizits zusammenzubrechen schienen. Eine große Debatte über die Mittel und Wege zur Sanierung der Gemeindefinanzen, die Anregung von Reformen auf dem Gebiete des Steuer- und Wahlsystems, eine Kritik des verpfuschten Mikwah-Baues — das war das allerwenigste, was ich mir von der Budgetdebatte versprach. Ich mußte mich bald überzeugen, daß ich recht naiv bin. Die Mitglieder des Vorstandes sind in der Schule des Lebens gehärtet, ein Defizit beugt sie nicht so schnell nieder. Zum Fenster hinauszusprechen haben sie wohl nicht unterlassen, aber sie sprachen von dem, was ihnen paßte. Wissen sie ja als Familienväter genau, wo den jüdischen Wähler der Schuh drückt: beim Religionsunterricht. Was ist ihm die Mikwah oder die Wahlreform oder das Defizit, wenn er zusehen muß, wie sich sein Sohn in der Schule mit dem Religionsunterricht abplagen muß. Darum haben die paar Herren, die in der Vorstandssitzung bis ans Ende ausharrten, zum größten Teile dieser Frage ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Es war eine ganz nette, ruhige Unterhaltung, ohne Aufregungen und ohne Mißton, die Herren sind ja unter sieb. Kein Redner hatte den Wunsch, daß neue Einnahmsquellen zur Deckung der immer größeren Ausgaben geschaffen werden, keiner auch nur einen Tropfen sozialen Empfindens, um an die Heranziehung weiterer Schichten zum Wahlrechte zu mahnen. Ich fragte mich, ob alle diese Herren, die 180.000 Juden Wiens repräsentieren sollen, ihrer Aufgabe wirklich gewachsen sind, ob sie für ihr Amt auch wirklich Interesse haben und ob sie überhaupt das Budget der Gemeinde kennen? Ich habe wiederholt die Frage aufgeworfen, warum der Vorstand dem verstorbenen Gouverneur v. T a u s s i g ein Ehrengrab gewidmet hat. Ich fand nirgends eine Erklärung; die Gründe, die Präsident Dr. Stern in seiner Grabrede angab, waren doch nicht stichhältig. Dieser Nummer liegt das Inhalts-Verzeichnis des Jahrganges 1909 bei. WF~ Wir bitten, die Abonnements-Einladung auf Seite 2 des Umschlages zu lesen.