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Neue Nationalzeitung · 1909-12-17 · Heft 26 (17.12.1909) · p. Seite 15

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 26 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Nr 26 Seite 15 Gedanken nicht eingehen wollen, Er hat dagegen Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus anzuordnen anbefohlen und wir müssen zunächst diese abwarten," Oppenheim erzählte diese Unterredung noch am selben Abend in höchster Verwunderung seinem Freunde Bleichröder, welcher dann am anderen Morgen Herrn v. Keudell davon berichtete. Schließlich noch ein Wort über die Stellung Bismarcks zu einigen namhaften Mitgliedern des Hauses Rothschild. Im Jahre 1851 lernte der damalige preußische Gesandte am Bundestage, der Geheime Legationsrat Otto v. Bismarck, den damaligen Chef des Welthauses M. A. v. Rothschild und Söhne, den schon erwähnten Freiherrn Anselm (Amschel) Mayer von Rothschild persönlich kennen. Dieser war preußischer Geheimer Kommerzienrat — es war daher ganz natürlich, daß der Vertreter Preußens am Bundestage, mit dem einflußreichen und von allen Mächten umworbenen Finanzmann in nähere Berührung trat. Er tat dies umsomehr, als der Baron in seiner Villa glänzende Ballfestlichkeiten veranstaltete, welche zu besuchen damals zu dem guten Ton gehörte. Ständiger Gast der Rothschildschen Festlichkeiten war auch die berühmte Sängerin Henriette Sontag, Gattin des sardinischen Gesandten Grafen Rossi. In den Salons des Börsenfürsten lernte Herr von Bismarck die Künstlerin zuerst kennen. Er sagte von ihr in seinem an den preußischen Minister des Auswärtigen, Freiherrn von Manteuffel, erstatteten amtlichen Bericht u. a.: „Sie hat sich embelliert, seit sie Berlin verlassen hat, der kupferige Teint ist ziemlich geschwunden . . . Madame Sontag, wie sie hier genannt wird, empfängt nach 3 Uhr die haute volee von Frankfurt und erregte die Unzufriedenheit der Kellner im „Hotel de Russie" dadurch, daß sie erst um lVL- Uhr mit kaltem Champagner zur Nacht speise. „Am 18. Juni 1851 war ich beim Baron Amschel zum Diner eingeladen," und man wird nicht ohne Lächeln die Schilderung dieses Besuches durch den preußischen Bundestagsgesandten lesen: „Heute Mittag esse ich beim alten Rothschild, dem Baron Amschel, der mich schon vor zehn Tagen hat einladen lassen. Meine Antwort: „Wenn ich noch lebe, würde ich kommen," hat ihn erschüttert, so daß er sie allen Leuten erzählt. „Was soll er nicht leben, was soll er doch sterben, der Mann, ist er doch noch jung und stark!" Einliegende Blättchen habe ich im Garten des alten Amschel Rothschild für dich gepflückt, der mir eben gefällt, weil er ein streng orthodoxer Jude ist, der bei seinen Diners nichts anrührt und nur Gekauschertes ißt. „Johann, nimm mit Dir epps Brod vor die Rehcher," sagte er zu seinem Diener, als er ging, mir seinen Garten zu zeigen, in dem zahmes Dammwild ist. „Herr Beraun, diese Pflanze koscht mich 2000 Gülden, uf Ehre 2000 bare Gülden; laß se Ihnen für 1000, oder wolle Se habe geschenkt, so soll er se Ihnen bringe in Ihr Haus, weiß Gott, ich schätze Se aufrichtig, Herr Beraun, Se sind e scheener Mann, e braver Mann," dabei ist er ein kleines, mageres, eisgraues Männchen, der Aelteste seines Stammes; aber ein armer Mann in seinem Palast: Witwer, betrogen von seinen Leuten und schlecht behandelt von vornehm französischen und anglisierten Neffen und Nichten, die seine Schätze ernten, ohne Dank und ohne Liebe." Anselm Mayer von Rothschild hatte dem preußischen Staat manchen wichtigen Dienst geleistet, so daß sich der damalige Ministerpräsident Freiherr von Manteuffel veranlaßt sah, seine Ernennung zum Hofbankier beim König Friedrich Wilhelm IV. in Vorschlag zu bringen. Zuerst fragte er jedoch bei Herrn von Bismarck an, ob dieser mit der Titel Verleihung einverstanden sei. Darauf erwiderte der deutsche Bundestagsgesandte unter dem 5. Januar 1853, „daß er keine Bedenken geltend zu machen habe, auch glaube er bei dem Beteiligten eine lebhafte Empfänglichkeit für die ihm zugedachte Ehre voraussetzen zu können". Er fährt dann fort: „Eine eigentliche antipreußische Tendenz haben die Rothschild nie verfolgt; nur haben sie sich bei Gelegenheit eines Konfliktes, der vor etwa Jahresfrist zwischen uns und Oesterreich über die Flüssigmachung der Depositen für die Flotte stattfand, vor Oesterreich mehr gefürchtet als vor uns. Da indessen der Mut, den Grafen Thun zurückzuweisen, von Rothschild füglich nicht verlangt werden kann, die Mitglieder der Familie auch über das damalige Verhalten des von ihnen als altersschwach bezeichneten Baron Amschel sich seither entschuldigt haben, so glaube ich, daß man diesen Fehler in Betracht der Dienste, welche diese Geldmacht zu leisten imstande ist, der Vergessenheit übergeben kann." Zum näheren Verständnis des hier Gesagten sei bemerkt, daß in der Bundesratssitzung vom 7. Januar 1852 nach lebhafter Debatte beschlossen worden war, erforderlichenfalls „bei Rothschild" unter Verpfändung der bei ihm deponierten Bundesgelder bis zur Höhe des Betrages der Rückstände von den Umlagen vom 28. April und 8. Juli 1851 eine Anleihe aufzunehmen. Graf Thun hatte dagegen für Preußen protestiert. Holstein, Laxenburg und Sachsen-Weimar hatten sich dem Protest angeschlossen; alle übrigen waren für den Beschluß. Der Flottenausschuß war zugleich beauftragt worden, schleunigst Vorschläge wegen definitiver Regelung der Sache, d. h. der Auflösung der Flotte, zu machen. Herr von Bismarck hatte seitens des preußischen Ministerpräsidenten den amtlichen Auftrag, den alten Baron Amschel von Rothschild von der Stellung Preußens zu der Flottenanleihe persönlich in Kenntnis zu setzen, mit dem Zusätze, daß Preußen für die ihm erwachsenden Nachteile Regreß nehmen werde. Bismarck führte bei dem Chef des Rothschildschen Hauses des weiteren aus, daß Preußen die beabsichtigte Gelderhebung nicht als Bundesanleihe betrachte; die bei Rothschild deponierten Bundesgelder habe man nicht das Recht, ihrer kontraktlichen Bestimmung zu entziehen. Rothschild habe nicht die Pflicht, in derlei Sachen Präsidialverfügungen zu befolgen. Baron Rothschild wurde sehr aufgeregt und sehr nervös als Bismarck im Namen Preußens so zu ihm sprach. Er schwankte lange, bis er schließlich doch zahlte und den Protest zurückschickte. Und so erhielt denn Rothschild am 15. Februar 1853 durch Bismarck das Prädikat „Hofbankier". Auf recht freundschaftlichem Fuß stand Bismarck auch mit dem Neffen des Genannten, dem Disponenten des Rothschildschen Hauses und späteren Mitglied des preußischen Herrenhauses, Karl Mayer von Rothschild. Auch diesem verschaffte Bismarck mehrere Ordensauszeichnungen. So überreichte ihm der preußische Bundestagsgesandte im Juli 1853 eine Dekoration für NichtChristen und schrieb darüber seinem Chef Manteuffel: „Sie ist sehr geschmackvoll und er war dankbar, wenn er auch offenbar lieber zu den Kreuzträgern gehört hätte."

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