Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 26 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14___„Neue National-Zeitung"_ Nr. 26 FEUILLETON. Dr. Adolf Kohut:*) Fürs* Bismarck und die jüdische j4aute-Finance. Jahrzehntelang haben die Feinde Bismarcks, Otto Glagau, Herr v. Diest und deren Hintermänner, sowie die Deklaranten der „Kreuz-Zeitung" den fast 30 Jahre hindurch leitenden deutschen Staatsmann allerlei unlauterer Machenschaften in Geldsachen mit Gerson Bleichröder und anderen Vertretern der Haute Finance beschuldigt, ohne für ihre Verdächtigungen auch nur den Schatten eines Beweises beibringen zu können. Kam es zu Prozessen, zeigte sich's sonnenklar, daß es den Pamphletisten nur darauf ankam, hervorragende und patriotische Männer deshalb zu verunglimpfen, weil deren tatkräftige Unterstützung des preußischen Staates und des leitenden Ministers zu kritischen Zeiten eine nicht hoch genug anzuerkennende Tat war. Erst die neueren Publikationen der Bismarck- Literatur liefern den urkundlichen Beweis, daß die Beweggründe, welche die Vertreter der Haute-Finance bei ihren Beziehungen zu Bismarck leiteten, durchaus gute waren, und daß ihre Handlungen das Licht der Oeffentlichkeit in keiner Weise zu scheuen brauchen. Auf Grund dieser Schriften und meiner eigenen Studien sei hier dieses Verhältnis mit großen Strichen gezeichnet. Was ist nicht alles über die Beziehungen Bismarcks zu Gerson BJeichröder gefabelt worden! Man hatte sogar die Dreistigkeit, zu behaupten, der große Staatsmann hätte sich mit dem genannten Bankier in allerlei Börsengeschäfte eingelassen, ja selbst seine politische Machtstellung dazu mißbraucht, um mit Hilfe des Finanzmannes sich zu bereichern! Nun hat vor einiger Zeit der frühere langjährige Gesandte Preußens in Konstantinopel und Rom, Robert v. Keudell, ein Ehrenmann durch und durch, ein sehr umfangreiches Buch über „Fürst und Fürstin Bismarck" herausgegeben, worin er alle diese Verleumdungen aus eigener Kenntnis der Tatsachen — denn er war jahrelang Sekretär Bismarcks und gehörte stets zu den Intimsten des Hauses — widerlegt. Bereits 1864 gehörte der Chef des Bankhauses S. Bleichröder, Gerson Bleichröder, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, zu der geringen Zahl derjenigen Persönlichkeiten, die in die auswärtige und innere Politik des preußischen Ministers genau eingeweiht waren, weil dieser sowohl den Verstand wie den Charakter des Bankiers ungemein hoch schätzte und volles Vertrauen zu ihm hatte. *) Der in den weitesten Kreisen durch sein vielseitiges Schr.iftstellertalent bekannte Dr. Adolf Kohut hat soeben im Finanzverlas Alfred Neu mann (Berlin W. 57) ein Büchlein „F i n a n z g r ö ß e n u n d g r o ß e F i n a n z e n" publiziert. Darin versucht der Verfasser in angenehmem Plaudertone das Mysterium der Börsen- und Finanzwelt den Uneingeweihten zu enthüllen. Er behandelt sowohl die Persönlichkeiten einzelner Mitglieder des Hauses Rothschild als auch Bleichröder und Bernhard Dernburg, anderseits würdigt <>r „Die Philosophie des Geldes", „Die Finanzen Japans" usw. Unseren Lesern dürfte gewiß der Abdruck des obigen Artikels höchst willkommen sein, zumal wir hier zu hören bekommen, welche merkwürdige Rolle dip jüdischen Hochfinanziers am preußischen Hofe zur Zeit Bismarcks spielten. Anm. der Red. Gerson Bleichröder war bei allen Räten des Auswärtigen Amtes beliebt. Einzelne seiner Redensarten, wie z. B. „Das Großartigste, was man in dieser Richtung sehen mag", wurden auf der Wilhelmstraße förmlich zu geflügelten Worten. Welche Dienste Bleichröder im deutsch-französischen Krieg und beim Frieden von Versailles dem Staat geleistet hat, ist bekannt. Er war der finanzielle Ratgeber Bismarcks und der tonangebenden Staatsmänner in jener Zeit. Den Friedensunterhandlungen zwischen Jules Favre und Bismarck wohnte bekanntlich auch er bei. Jules Favre war außer sich über die Forderung von 5 Milliarden seitens des deutschen Bundeskanzlers und meinte, um seinem Gegner das Uebertriebene seiner Forderung einleuchtend zu machen : „Selbst wenn man von Christi Zeit bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde man mit einer solch ungeheuren Summe nicht zustande kommen!" „Oh," erwiderte wohlgelaunt Bismarck, „seien Sie ohne Sorgen, dafür habe ich diesen Herrn — er deutete auf Bleichröder, der Israelit war — mitgebracht, der zählt von der Erschaffung der Welt an." Noch im letzten Augenblick der Verhandlungen verschaffte Bleichröder dem Deutschen Reich einige Millionen Thaler Kriegsentschädigung mehr, indem er vor der Unterschrift der Verträge daran erinnerte, daß bei den stipulierten Ratenzahlungen, in denen die fünf Milliarden von Frankreich an Deutschland geleistet werden sollten, von den Zinsen noch nicht gesprochen sei. In der Tat beliefen sich die von Frankreich zu zahlenden Zinsen noch auf einige hübsche Milliönchen. Bis zum Lebensende Bleichröders blieb ihm Bismarck mit freundlichen Gesinnungen zugetan. Auf Veranlassung des Altreichskanzlers wurde er Geheimer Kommerzienrat und in den erblichen Adelstand erhoben. In dem Briefe, den Bismarck sofort nach dem Ableben des großen Finanzmannes an die Familie desselben richtete, hob er mit warmen Worten hervor, daß der Verewigte sein „treuer Freund" lange Jahre hindurch gewesen sei. Bismarck hatte noch zu anderen Bankiers, die sein Vertrauen besaßen und auf deren fachmännisches Urteil er gab, Beziehungen. Zu diesen gehörte z. B. der Kölner Bankier Abraham Oppenheim. Dieser erschien vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges als Vertreter von 17 rheinischen Handelskammern bei dem preußischen Premier, um ihn zu veranlassen, den Krieg hinauszuschieben oder doch wenigstens mit der preußischen Kammer Frieden zu schließen. Bismarck schüttete vor dem Kölner Herrn sein ganzes Herz aus und vertraute ihm Dinge, von denen damals nur wenige etwas wußten. So sagte er ihm u. a.: „Ich hege den Wunsch nach Aussöhnung mit dem Landtage gleichfalls, noch ehe ein großer Konflikt unvermeidlich wird. Meine verhaßte Person würde aber ein Hindernis der Verständigung sein; ich habe deshalb vor einiger Zeit den König gebeten, statt meiner den Fürsten von Hohenzollern zum Ministerpräsidenten zu ernennen und mir den Posten eines Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Ministerium zu geben. In dieser Stellung würde ich meine Erfahrungen im auswärtigen Dienst ebenso verwerten können wie als Minister und der Fürst würde mir wohl freie Hand lassen. Der König hat aber auf diesen