Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 26 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 26. Allgemeiner rnssiseh-jiidiselu'r Kongross. Kowno. Der liier tagende allgemeine russisch-jüdische Ki n.irre Li. zu dem etwa 150 Delegierte aus CO Städten erschienen sind, wurde am 2. Dezember um 10 Uhr früh vom hiesigen <Organisator des Kongresses, Isser Beer Wolff. mit einer Begrüßungsansprache eröffnet. Darauf wurde das Mitglied de;- ersten Duma. Rechtsanwalt Dr. W i u a w e r (Petersburg), zunn Präsiiienten gewählt. In das Präsidium wurden u. a. gewählt: Rabbiner Rabinowitz (Kowno). der U'A-Vortreter Dr. F e i n b e r g und Rechtsanwalt S 1 i o s b e r g (Petersburg). Brodsky (Kiew), das Mitglied der ersten Duma Dr. K a t z e n e 1 s o h n u. a. Die erste Sitzung wurde dann vi ,n ei nein zweistündigen gründlichen Referat des Rechtsanwalts S 1 i <.;s Ii e r g über ..D i e () r g n n i s a t i o u d e r j ü (1 i s c h e n (i em e i n d e n" ausgefüllt. Der Referent schilderte die historische Entwicklung und die gegenwärtige Lage der jüdischen Gemeinden in Rußland und ihrer verschiedenen Institutionen, die er in vieler Beziehung für reformbedürftig hält. Insbesondere schlägt er die Abschaffung der Licht- und Fleischabgaben (der „Korobka") und die Einführung einer progressiven Einkommensteuer vor. In der Abendsitzuug behandelt der Pumaabgoordneto Friedinauu die Sehulfra.go. Nicht weniger als 35 Redner haben sieh zu diesem Punkte gemeldet. Allgemein wird das ..(' h e d e r" in seinem gegenwärtigen Zustande als u n g eeignet und unzweckmäßig bezeichnet. L. Brodsky (Kiew) sprach über die jüdische h'loisch-Accise und wies nach, daß ein großer Teil der daraus erzielten Einnahmen, die gesetzlich für die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, in den Kassen der städtischen Verwaltung ver- Meihe. Die Kieuvr Stadtdiima verwendet zum Beispiel aus dessen Einnahmen 5.000 Rubel jährlich für die A u sw e i s ii n g n n d II i n a u s b e f ö r d e r u n g d e r J u, d e n die sich ohne Wobnreellf in Kiew aufhalten. Die Vorhandlrniren des Kongresses werden in hebräischer Sprache geführt. Es wohnt ihnen auch ein Regierung.svertreter bei. der di u Debatten mit .sichtlicher Aufmerksamkeit f'olyt. Nach dreitägiger Verhandlung wurde der Kongreß am 5. Dezember geschlossen. In seiner Schlußrede betonte der Versitzende W i n a w e r die zutage getretene Einheitlichkeit in den Meinungen der Kongreßteilnehmer über die Grundfragen der russischen Judenheit. die Pflege und Uochhaltung des jüdischen Geistes, die zeitgemäße Fortentwicklung des jüdischen Erziehungsueseiis und die grundlegende Neugestaltung der G^meindeorgaiiisafioii. Der Kongreß bedeute ein wichtiges Ereignis in der neuzeitlichen Geschichte der russischen Judenheit. Er dokumentiere (bis Erwachen des e i n h e i t 1 i c h e n j ü d i s c h e n B e w u ß t s e i n s. Die wichtigsten Beschlüsse des Kongresses sind folgende : 1. Die Licht- und Fleischakzise (Kordbka) soll abgeschafft und durch eine progressive Einkommensteuer ersetzt werden: 2. Jeder Jude, der über zwei Jahre au einem Orte wohnt, ist verpflichtet, der betreffenden jüdischen Gemeinde anzugehören und den Gomeindebetrag zu entrichten. Die unmittelbare praktische Folge des Kongresses ist die bereits erfolgte Gründung ei n es allgemeine n Komitees mit dem Sitze in Petersburg und mehreren Mitgliedern in verschiedenen Provinzstädten, den größeren Zentren der russischen Judenheit. Diesem Komitee obliegt es. die Beschlüsse des Kongresses zur Ausführung zu bringen und als Organ der jüdischen Bevölkerung den jüdischen Dumaabireordneten bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgaben mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Rumänien. Nene Ausnahmsgesetze gegen die Juden. Bukarest. Die Barbarei der rumänischen Regierung nimmt immer größere Dimensionen an. Ein neuer Kreis von Juden, der im Lande bisher einen anständigen Lebensunterhalt auf Grund seiner wirtschaftlich-produktiven Arbeit fand, soll ausgehungert werden : die jüdischen Aerzte und Ingen ieare Das von der Thronrede angekündigte Gesetz zur Förderung der Nationalindustrie ist in einem Entwurf veröffentlicht worden, der im ganzen Lande die größte Aufregung hervorgerufen hat. Das jetzt bestehende Gesetz enthielt die Verfügung, daß die Industriellen, welche seine Vorteile genießen wollen, zwei Drittel ihres Personales aus den Rumänen wählen müssen. Die Bestimmung Rumänen war etwas dehnbar, denn es hatte sich unter den Industriellen die Gewohnheit herausgebildet, die einheimischen Juden zu den Rumänen zu zählen. Als aber unter der jetzigen liberalen Regierung auf die strikte Einhaltung der Gesetzvorschrift gedrängt wurde, mußten bereits mehrere jüdische Ingenieure und Beamte entlassen werden, die ein Spiegelbild der Leiden liefern, die ihre Arbeitsgenossen, falls der Vorentwurf zum Gesetze wird, erwarten. Faktisch würden bei Anwendung der Verfügung des Vorentwurfes über die 80 Prozent Gehälter, die an rumänische Arbeiter gezahlt werden sollen, kein fremder Beamter, kein fremder Arbeiter, kein jüdischer Arbeiter, kein jüdischer Beamter mehr eine Beschäftigung in der Industrie finden, die dennoch zum größten Teil mit fremdem Kapital gegründet wurde und mit fremdem Kapital arbeitet. Das neue Gesetz schließt überdies die Juden noch ausdrücklicher aus wie das alte, denn dort hieß es überall „Rumänen"; hier heißt es ausdrücklich „rumänische Bürger". Langsam sind den Juden die verschiedensten Berufe gesperrt worden: sie dürfen nicht Lehrer, dürfen nicht Beamte, nicht Advokaten sein. Man wies dagegen immer darauf hin, daß ihnen ja in Handel und Industrie ein großes Betätigungsfeld offen bleibt. Jetzt wird für sie auch die Industrie gesperrt, und gleichzeitig werden dadurch Tausende von Familien brotlos. Ist es da zu verwundern, daß die Juden der Verzweiflung nahe, trotz aller antisemitischen Hetzereien und Drohungen sich zu einem energischen Protest und Widerstand vorbereiten? Das Industriegesetz ist aber nicht das einzige, welches eine so ausgesprochen fremden- und judenfeindliche Tendenz hat. Der Entwurf eines Sanitätsgesetzes, der soeben den Kammern vorgelegt wurde, atmet denselben inhumanen und antizivilisatorischen Geist. Dieser Entwurf besagt nämlich, daß nur Rumänen, die ein ausländisches Doktordiplom sich rerwerben, in Rumänien als Aerzte praktizieren dürfen. Dadurch wird nämlich den Juden die Möglichkeit genommen, sich auf einer fremden Universität auszubilden. Da sie in Rumänien selbst unter erschwerenden Umständen studieren, da sie als Studenten und Aerzte nicht zur Spitalpraxis zugelassen werden, ist für sie die Möglichkeit, eine fremde Universität zu besuchen, von besonderer Bedeutung. Ja, nach dieser Verfügung des Sanitätsgesetzes würde es genügen, daß später einmal die medizinische Fakultät in irgend einer Form für die Juden gesperrt wird, und nichts hindert, an eine solche Maßnahme in Zukunft zu glauben, so würde eine solche Maßregel genügen, damit auch die medizinische Praxis für die Juden gesperrt wird. Ueberdies enthält der neue Entwurf eines Sanitätsgesetzes eine Verfügung, die indirekt dazu führen kann, daß kein jüdischer Arzt mehr zur Praxis zugelassen wird; nämlich die Verfügung, daß selbst nach Ablegung der Staatsprüfung an einer rumänischen Fakultät erst beim Minister des Innern um die Zulassung zur Praxis eingekommen werden muß. Zwei freie Berufe standen den Fremden und Juden in Rumänien bisher noch offen : der Ingenieur- und Aerzteberuf. Durch die hier besprochenen Gesetzentwürfe sollen auch diese gesperrt werden. Wie verlautet, wollen nun-