Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 26 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Seite 7 Wer eine besondere Genugtuung darob empfindet, bezahltes Lob, eine gut dotierte „laudatio" zu hören, dein gönne man sie. Für Geld kann man in dieser Welt, nach Bernard Shaw, alles haben : Theaterlogen, geschickte Aerzte, prächtige Salons, Pferde, Liebe, Automobils, Ballet, also auch — Grabreden. Aber wenn schon diese Mode geworden sind, warum wird nicht dieses Lob auch dem Armen zuteil, wenn er ein anstündigerer Mensch, ein besserer Jude gewesen ist als der hundertfache Millionär? Ist nur dieser der liebevolle Gatte, der zärtliche Vater? Nicht auch der Arme, der für Weib und Kinder darbte? . . . Wieder diese zur Verzweiflung bringenden Fragen. Wir kommen eben, wenn wir die Heuchelei, welche unser modernes Leben durchzieht, belrachlen, aus den Fragen nicht heraus. Es fehlt uns etwas, was schon irgend ein Alter als notwendig für die wahre Religiosität bezeichnete — das Herz. Das Herz aber bleibt immer nui ein körperliches Organ, ein Muskel, wenn ihm eines fehlt, und dieses kostbare Gut heißt: Liebe. Weniger Heuchelei, mehr Wahrheit, weniger Worte, mehr Liebe. Dann wird es vielleicht doch besser werden. Möschen Israol. PdRL/mENT. Der Präsident als — Judenhetzer. Die Verkörperung des Parlaments bildet immer sein Präsident. Er gibt den Ton an. Für unser jetziges Parlament ist Dr. P a 11 a i tonangebend, einer der Begründer der antisemitischen Partei., ein Ueberläufer aus dem liberalen Lager, ein politischer Streber, für den der Antisemitismus nur das Sprungbrett zur politischen Karriere war. Dieser Dr. P a 11 a i durfte sich nun als Präsident ein Stückchen leisten, welches in keinem anderen Parlamente der Welt, nicht einmal in der Duma möglich wäre: Er hat zur antisemitischen Brandrede des tschechischen Agrariers M y s 1 i w e c in demonstrativer Weise Beifall geklatscht. Und Dr. Pattai ist weiter Präsident geblieben; mit der Ausnahme einiger jüdischer Abgeordneten ist ihm von keiner Seite, auch nicht von den Sozialdemokraten die gebührende moralische Züchtigung zuteil geworden. Das jetzige Parlament hat damit bewiesen, daß es in Agonie verfallen und in der Auflösung begriffen ist. Möge es nur so rasch als möglich verschwinden; wir werden ihm und seinem pflichtvergessenen Präsidenten keine Träne nachweinen. Die antisemitische Haltung des Dr. Pattai wurde von den Abgeordneten K u r a n d a , Dr. Strauch er und Stand in gebührender Weise gebrandmarkt. Hofrat Kuranda rief ihm zu: „Ich finde ein solches Benehmen absolut ungehörig für den Präsidenten eines Parlaments! Sie haben gar nicht das Recht, hier unten zu sitzen, da nur im Falle ihrer Verhinderung ein Vizepräsident den Vorsitz führen darf." Dr. Pattai sagte sehr aufgeregt, er lasse sich über seine Rechte nicht belehren, worauf Hof rat K u - ran da antwortete: „Es handelt sich nicht nur um eine Frage des Rechtes, sondern um eine Frage des parlamentarischen Takte s." Mit diesem Wortwechsel war aber die Sache nicht abgetan. Es bildete sich sofort eine antisemitische Koalition, bestehend aus dem Deutschradikalen v. Stransky, dem Tschechischklerikalen M y s 1 i - vec und den Christlichsozialen Prochazka und Heinrich Schmidt, die dem Präsidenten Dr. P a t - t a i zu Hilfe kamen. Auf der anderen Seite wandten :ich die Abgeordneten Dr. Straucher und Stand gegen den Präsidenten. Dr. Straucher rief: „Schämen Sie sich! So benimmt sich kein Präsident! Ein Präsident muß objektiv sein und darf nicht den Parteimann hervorkehren! Einer solchen Hetzrede zu applaudieren, ist u n w ü r d i g!" Nun entstand ein großer Krawall. Herr von Stransky rief: „Was macht denn der Jud für Skandal?" Der Tschechischradikale Josef S1 a m a entgegnete: „Sie sind ja selbst ein Jude, Herr von Stransky!" Darauf schritt Vizepräsident Zazvorka ein und erteilte den Ordnungsruf an — Dr. Straue Ii e r und Stand. Das Sitzungsprotokoll weiß auch von dieser ganzen widerlichen Szene nichts anderes zu verzeichnen, als jene Ordnungsrufe. Wir lesen in demselben: ..Vizepräsident / a z \v o r k a: Herr Abgeordneter S i a n il. ich rufe Sie zur Ordnung. (Großer Lärm und Zwischen rufe.) Herr Abgeordneter Strü'iicli er, Sie haben nicht das AYort. (Zwischenrufe.) Wenn die Unruhe andauert, verde ich die Sitzung unterbrechen.. (Andauernde, lärmende Zwischenrufe und Unterbrechungen.) Herr Abgeordneter S t r a u c h e r. ich rufe Sie zur Ordnung. (Anhaltender Lärm.)" Der darauf folgende Redner Aug Dr. Licht beginnt in folgender Weise: ..Hohes Haus! Es hat den Anschein, als wäre die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen in diesem Augen Micke eingetreten. (Heiterkeit.) Jm vollen Einvernehmen haben sie den gemeinsamen Feind erwischt: Es •je I) t g e g e n d e n .) u d e n." Damit hat Dr. Licht das Richtige getroffen. Stransky, der Vollblut-Deutsche, und M y s 1 i - vec, der tschechische Heißsporn, mögen sich, wie immer, herumraufen; sobald es gegen die Juden losgeht, finden sie sich, die schönen Seelen. Das ist nicht nur die Tragik des Judentums, sondern auch die Komik des österreichischen Nationalitätenstreites. * Für Vergewaltigung jüdischer Mädchen — Geldstrafe. Abgeordneter Ernst Breiter hat an den Justizminister eine Interpellation überreicht, die in drastischer Weise die Justizverhältnisse Galiziens beleuchtet. Man würde glauben in Rußland zu sein. Tn der Interpellation wird folgender Sachverhalt geschildert: ..In Hzeszow lebt ein alter Wüstling, der Bäckermeister Stephan Bryrzkowski. zu dessen Beruf es zu gehören scheint, a r ni e j ü d i s c h e V r o 1 e t a r i e r m ä d c h e n z u v e rg ew a 1 t i g e n. In seiner Bäckerei richtete er sich ein dunkles Zimmer ein und wenn so ein junges MädchPn tun Semmeln kommt, lockt er es unter dem Yorwand. ihm bessere Semmeln zu geben, in die Dunkelkammer, reißt ihm die Kleider vom Leibe und vergewaltigt es. Im Jahre 1909 allein hat er zehn solche Opfer auf seinem Gewissen und ist im allgemeinen die Zahl -einer Opfer eine recht bedeutende. Hie Sache ist in Kzoszowallgemein bekannt und dennoch hatten die Gerichte bisnun nicht eingeschritten, wiewohl es sich um das Schicksal von Kindern handelte, die das 1 |. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten. In den meisten Fällen scheuten sich die Eltern und Anver- \ erwaudten. die Anzeige zu erheben weil sie den Skandal fürchteten und da es arme Menschen waren, verstand es Bryczkowski. ihnen mit einigen Gulden beizukommen. Heuer wurde der Staatsanwaltschaft in Rzeszow die Anzeige über z w e i Y e r «j e w a 1 t i g u n g s f ä11 e gemacht. Der eine betrifft ein 13jähriges Dienstmädchen. Feigr G., der zweite ein 15jähriges, physisch und geistig zurück-