Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1909-12-17 · Heft 26 (17.12.1909) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 26 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425773-2425800--1539-2427905
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 „Neue National-Zeitung' Nr. 26 Herren Sozialdemokraten, die doch sonst nicht gerade mit der Polizei liebäugeln, nach dieser zu rufen vor stehen! Die „Arbeiter-Zeitung'' hat dieser Interpellation übrigens schon vor längerer Zeit präludiert. Fühlen sich ihre Redakteure besonders getroffen? Dann teilen sie dieses Schicksal mit denen der „Neuen Freien Presse." Darin sind sich diese beiden Blätter — die antisemitischen Zeitungen nennen sie Judenblätter — ähnlich. Es steckt aber hinter dieser Interpellation ein gut Stück Heuchelei. Die Herren reden von vollkommener Glaubensfreiheit und meinen, diese sei gefährdet, wenn man veröffentlicht, der Student X oder der Advokat Y oder die Näherin N seien aus dem Judentum ausgetreten. Wie hätten die Interpellanten nicht für so — naiv gehalten. Sie glauben selbst nicht daran, daß sie mit ihrer Interpellation ein Staatsgrundgesetz verteidigen. Wir haben noch nie davon gehört, daß die Sozialdemokraten sich für die Glaubensfreiheit eingesetzt hätten. Wann haben sie für Juden gesprochen, wenn diese von den Antisemiten des Parlaments, die ja dort die stärkste Partei bilden, angegriffen wurden? Man erzählt sogar, daß sich die Organe der famosen Interpellanten in antisemitischen Verhöhnungen der Juden gefallen. Und plötzlich dieser Kampf für Glaubensfreiheit? Mögen doch diese Herren, wenn die Rechte der Juden angegriffen werden, zeigen, daß sie „Herzen in der Brust" haben und „warme Liebe in dem Herzen." Die Gelegenheit dazu bietet sich gar oft dar. Vorläufig verteidigen sie nur die Rechte der Renegaten. Ein glänzender Beweis für den Charakter dieser Männer. Im gewöhnlichen Leben nennt man ein solches Vorgehen „Heuchelei". Gracchi de seditione querentes, sagten die alten Römer, und wir neueren sprechen von den Wölfen, die sich beklagen, daß die Lämmer ihnen das Wasser trüben. . . . * Der heuchlerische Zug vergiftet unser ganzes öffentliches Leben. Und es ist schwer, darüber keine Satire zu schreiben. Wir Juden wissen davon etwas zu erzählen. Sehr gut ist es, wenn sich unsere Kahalvertretungen konservativ nennen und über — sagen wir — Koscherfleischfragen, Schechitah und Selchereianlagen debattieren. Risum teneatis! Wer lacht da? Ein Kichern erhebt sich im Kreise der sehr Eingeweihten. Konservativ, ein schönes Wort, man muß es aber auch sein. Oder muß man über solche Heuchelei nicht Satiren schreiben, welche ernste und eingehende Beratungen man über das koschere Fleisch, das wir armen Steuerträger sehr teuer bezahlen müssen, abhält, während die Herren Berater selbst sich das „Dower acher", genannt Jungschweinernes, Schinken etc., sehr wohl munden lassen? Das ist eben der große Widerspruch, der durch unser Judentum geht. Aus unserer Jugendzeit wissen wir, daß unsere Religion die Tat, das gute Beispiel verlangt. Und da gehen Leute, welche soeben die Gebote der Religion mit Füßen getreten haben, hin und beraten über Kultus, Schechitah, koschere Selchereien und andere interessante Dinge ähnlicher Art. Wenn dies nicht Heuchelei ist, dann wissen wir nicht, was wir mit diesem Worte bezeichnen sollen. „Sanfte Reden, Embrassieren", aber keine Herzen, „keine Liebe in dem Herzen." * S a b b a t h, wunderbares Wort. Unsere Kindheit steigt vor unserem geistigen Auge auf, wenn wir an den Snl>balh denken, wie er einstens im Elternhausr. hi d. r Kehilluh geheiligt wurde. Jetzt werden Vorträge über den Sabbath gehalten. Er wird nach seiner sozialen, ethischen, historischen Bedeutung zergliedert, erklärt, verdeutlicht. Es werden geistreiche Bemerkungen über das „Sabbath-Machen" losgelassen. Und in dem mit elektrischem Lichte beleuchteten Hotelsaale erhebt sich ein leises, sehr leises Lächeln, Der Saal ist aber auch von einem sehr vornehmen Publikum gefüllt. „Schwarze Röcke, seidene Strümpfe." — Damen, die nach den besten Pariser Parfüms duften, in den modernsten Kostümen, Herren im Smoking oder tadellosem Gehrock sitzen hier und lassen sich über den Sabbath „vortragen". In den französischen Salons des 18. Jahrhunderls, in den Berliner Salons der getauften Jüdinnen, welche die großen, großen Kreuze trugen, wurde in ähnlicher Weise über religiöse Dinge „gegeislreichelt"; man übe Gnade diesem etwas harten Worte gegenüber. Man philosophierte in jenen Salons der galanten Damen und nicht weniger galanten Abbes über die Religion und dankte dem Schöpfer, daß man über diese Kinderkrankheit hinaus sei. Wir nennen dies Heuchelei. Wie viele von denen, welche den Vortrag über den Sabbath anhörten, halten ihn auch wirklich? Besuchen die Synagoge? Halt, hie und da besucht man sie, man will den Gesang des Kantors hören, man hat zufälligerweise „Jahrzeit", der Junge einer befreundeten Familie feiert das „Bar-Mizwah-Fest". Wie wird der Sabbath im Hause gehalten? Man will nicht, daß der Sabbath auf den Sonntag verlegt werde. Sehr gut. Ist dies aber nicht faktisch schon geschehen? Die Kinder müssen am Sabbath die Schule besuchen. Was soll man tun? Man kann für die jüdischen Kinder keinen eigenen Stundenplan machen. Aber muß am Sabbath auch jüdischer Religionsunterricht erteilt werden? Gibt es für diesen nicht andere Stunden? Doch ich sehe, ich verirre mich in einem Labyrinthe von Fragen, auf die mir alle Vorträge keine Antwort geben. Eines ist klar: Diejenigen, die den Sabbath bewahren, die „Schomre Schabbos", bedürfen keiner Vortl age. Sie sind in der verschwindenden Minderheit. Jene aber, welche diese Vorträge anhören und sich am heiligen Tage ihre Zigarre schmecken lassen, für die es keine Synagoge, keine Sabbathheiligung im Hause gibt, keinen Freitagabend und keine Sabbathfreude, werden auch durch Vorträge nicht belehrt werden. Diese werden für sie schätzbnres Material bleiben. Schmunzelnd werden sie nach Hause gehen und die Feier des siebenten Tages jenen überlassen, welche sie begehen müssen; sie haben schon lange den siebenten Tag auf den ersten Tag der Woche, den Tag des Herrn, die Dominica, verlegt und die Chanukkalichtlein mit dem strahlenden Tannenbaum vertauscht. Wir wollen mit diesen Ausführungen niemand nahetreten, niemand angreifen, aber eine Zeit, die sich etwas darauf zugute tut, die Wahrheit in Romanen oder anderen literarischen Erzeugnissen zu verkünden, muß es sich schon gefallen lassen, wenn man ihr sagt, wie sehr sie erfüllt ist von dem Gegenteile, der Feindin aller Wahrheit — der Heuchelei. * Wir sprechen so viel vom Ghukkat Ha-Goi, das heißt von der Nachahmung fremder Gebräuche. Zu diesen gehört sicherlich die aus einem anderen Bekenntnisse entlehnte Grabrede. Hespedim, Nekrologe gab es im Judentum immer. Wir wissen es. Aber über wen wurde geredet? Ueber den Gelehrten, den Frommen, den wahrhaft Gottesfürchtigen. Ueber wen redet man jetzt? Ueber den, dessen Erben die Rede bezahlen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.