Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 26 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite f) T)ie jüdische Emigration. „Muskelexamen" auf Kl Iis-Island. Infolge einer Verordnung des Immigrafions-Kommissärs Williams werden die Einwanderer auf Ellis-Island seit Anfang November einem „Muskelexamen11 unterzogen, um ihre muskulöse Kraft zu prüfen! Diejenigen Personen, die das Examen nicht bestehen, sollen als „physisch Schwache" zurückgeschickt werden, selbst wenn sie ausreichende Geldmittel besitzen und Verwandte in Amerika haben. Die neue drakonische Verordnung stützt sich auf einen Paragraphen im amerikanischen Einwanderungsgesetz, wonach „Personen, die wegen ärztlich festgestellter physischer Gebrechen nicht imstande sind, sich selber zu ernähren", von der Einwanderung nach Amerika ausgeschlossen sind. Diese gesetzliche Bestimmung besteht bereits seit drei Jahren, ohne daß bisher eine Forderung nach „starken Muskeln" daraus gefolgert wurde. Von der neuen Verfügung werden namentlich die jüdischen Immigranten — insbesondere Schneider, Schuhmacher, Weber sowie sonstige Handarbeiter und Kontorbeamle — hart betroffen. Auf der Insel befinden sich gegenwärtig etwa 1400 Einwanderer, die auf das „Examen" warten oder dasselbe ,.nicht bestanden" haben und zurückgeschickt werden sollen. Sie haben an die Regierung in Washington appelliert und werden dabei von den Schiffsgesellschaften unterstützt, die mit der neuen völlig willkürlichen Maßnahme des Immigrationskommissärs natürlicherweise sehr unzufrieden sind. Die Entscheidung der Regierung steht noch aus und wird von den Betroffenen mit banger Tngeduld erwartet. * Amerikanische Arbeiter gegen die jüdische Einwanderung. Die größte amerikanische Arbeiterorganisation, die sozialistische „Föderation o! Labour", faßte folgende Resolution: „Die Gesetze gegen die russische Einwanderung sind nicht hinreichend und müssen noch wesentlich verschärft werden." Die Federation ist übrigens seit jeher die größte Gegnerin humaner Einwanderungsgesetze, wiewohl] an ihrer Spitze ein Jude, Samuel Gomperts, steht. # Auswanderungschronik. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres haben sich 139.746 Emigranten (fast doppelt soviel als in demselben Zeitraum des Vorjahres) von Hrcmen aus über den Ocean begeben. In letzter Zeit stieg besonders die Zahl der Zwischendeck - Passagiere. An die Emigration in den Jahren 1906—1907 reicht jedoch die diesjährige beiweitem nicht heran, was aus folgenden Zahlen zu ersehen ist. Es begaben sich von Bremen aus nach den Vereinigten Staaten von Amerika in den ersten 10 Monaten des Jahres 1906 171.647 Emigranten; „ 1907 208.523 ., 190 s 58.370 ., 1909 123.122 Vor Beginn des erstgenannten Jahres waren bekanntlich die furchtbaren Judenmetzeleien in Bußland, die eine fluchtartige Massenauswaudcrung von Juden aus diesem Lande zur Folge halten. Die unverhältnismäßige Abnahme der Emigration nach Amerika in» Jahre 1908 ist vor allem auf die daselbst ausgebrochene ökonomische Krisis zurückzuführen. Die Torsperre in England. Laut offiziellen Mitteilungen kamen n.'icfi England in den ersten neun Monaten dieses Jahres 337.771 Schiffspassagiere, darunter 88 232 Durchreisend»; gegen 330.5 iö Personen (davon 17 560 Durchreisende) im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Dm Zunahme der Zahl der Durchreisenden beweist eine Verstärkung der Kmigr.Uion nach Amerika. Die Einwanderungsgesetze werden jetzt in England viel strenger als bisher angewendet. So wurden in den neun Monaten dieses Jahres 954 Einwanderer wegen Krankheit oder Geldmangel zurückgeschickt — g^ge" 514 Personen im gleichen Zeitabschnitt des Jahres 1908. 378 Fremde (gegen 266 im Vorjahre) wurden von England zurückgeschickt, nachdem sie sich dasselbst bereits niedergelassen hatten. Gesuche von angehaltenen Einwanderern werden immer weniger berücksichtigt. * Die Emigration nach Südafrika. Das Auswanderungs-Departement in Capetown hat die bisher geltende Vorschrift, wonach die Einwanderer 20 Pfund Sterling (480 K) vorweisen mußten, abgeschafft. Dagegen wurden die Vorschriften über die Zurückweisung der Analphabeten verschärft. Die Kenntnis des Lesen.*; und Schreibens bloß in Jiddisch ist kein Grund zur Zurückweisung; diese Sprache — nach Exzellenz Ilnger bloß „Dialekt" — wiid jeder anderen Sprache gleichgestellt. Weiters wurde bestimmt, daß Einwanderer, die im Laufe der ersten zwei Jahre aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden müssen, ausgewiesen werden können. Moderne Jieuchelei. Sehwarze Röcke, seidene Strümpfe, Weiße, höfliche Manchetten, Sanfte "Reden, Kmbrassieren — Ach, wenn sie nur Herzen hätten! Herzen in der Brust, und Liebe, Wanne Liehe in dem Herzen — — Hein e. Es wird immer schwieriger, keine Satire zu schreiben. Etwa zum Exempel, wenn man unsere Parlamentsberichte liest. Ich meine beileibe nicht die ewig tropfende Rinne, die sich über unsere armen Häupter ergießt und di-' man Debatte über die Nationalitäten- und Sprachenfrage nennt. Es wird auch anderweitig für „Heiterkeit" im Parlamente gesorgt. Oder muß man nicht still hkheln, oder hell auflachen über die Interpellation, die pich der „sozialdemokratische Verband" über die sögenannlc „Austrittsliste" geleistet hat> I-laben diese Herren wirklich keine andere Sorge? Die Staatsgrundgesetze und der Paragraph über den Mißbrauch der Amtsgewalt und andere Paragraphen, lauter schweres Geschütz, werden ins Feld geführt, weil — nun, weil sich „drei in Wien erscheinende Blätter, die den religiösen Interessen der strenggläubigen (?!) Juden zu dienen bestimmt sind", erdreisten, die Namen derjenigen zu veröffentlichen, die schnöde;.us unseren Reihen entlaufen sind. Man muß sich zunächst darüber wundern, daß?ich Hie Herren Interpellanten nicht einmal die Mühe nehmen, über die Richtung dieser drei Blätter sich zu informieren, bie hätten sonst erfahren, d;iß diese nicht allein die Interessen der „strenggläubige:," Juden vertreten. Doch dies nur nebenbei. Aber wie fein die