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Neue Nationalzeitung · 1909-12-17 · Heft 26 (17.12.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 26 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seile 4 .Neue National-Zeitung'' Nr. 2fi Unternehmungen besorgen und so die kleinen, alten Fuhrleute mit Stumpf und Stiel ausrotten. Etwas ähnliches ist es mit den Vermittlern aller Art. Ihre Stelle nehmen jelzt immer mehr die — Annoncen ein. Dieser mächtige Konkurrent, verkörpert im Inseratenteil der großen Zeitungen, macht den Vermittlern ihr Geschäft, ihren Verdienst streitig, von dem sie mit ihren Familien früher leben konnten. Von den kleineren Detail- und Spezialgeschäften gilt ganz ähnliches. Wir sehen an ihre Stelle gioße Warenhäuser trelen, welche allerdings noch nicht bis zu uns gedrungen snd. Dann werden auch noch Konsumgenossenschaften gegründet, die eine gewisse Anzahl von Konsumenten vereinigen und durch direkten Einkauf die Rolle des Zwischenhändlers einfach überflüssig machen. Gewiß, die Zentralisation von Ha-.del und Gewerbe steht auf dem modernen gesellschalllichen Programm. Aber halten wir uns doch die schrecklichen Folgen dieses Forlschrittes vor Augen: Armut und Elend für die, welchen das Brot stückweise aus der Hand gerissen wird, für Arbeiter, Fuhrleute, Handwerker, Krämer etc etc. Wer eine der Enqueten aus letzter Zeit, die in Oesterreich, Frankreich und Deutschland über die Lage der Arbeiter und Krämer gehalten worden sind, studiert hat, der weiß genug. Man gewinnt aus ihnen die Ueberzeug/mg, daß diese Schichten im Volke immer ärmer und ärmer werden, von Stufe zu Slufe sinken und nicht einen Funken Hoffnung haben, aus ihrem E!end einmal herauszukommi n. Wir in Polen sind zwar noch nicht auf dem Tiefstand angelangt. Es besteht aber gar kein Zweifel, daß wir, wenn auch nicht so schnell, den gleichen Entwicklungsweg gehen werden und gehen müssen. Man muß sich da folgendes vor Augen halten : Auch in unserem Lande muß das wirtschaftliche Programm mit seinem modernen Entwicklungsgang unbedingt und gewissermaßen systematisch Armut und wirtschaftlichen Verfall der jüdischen Massen nach sich ziehen. Und die Verelendung wird gleichen Schritt halten mit dem Werden und der Vollendung des gesellschaftlichen Programmes .... Im Auslande hat man sehr viel darüber nachgedacht, wie man die mißliche Lage der Arbeiter verbessern und wie man den Krämern aufhelfen könnte. Doch alles war und ist vergebens .... Die Juden bildeten in Polen jahihunderlelang das Gros des Handelsstandes. Und gerade sie haben sich mit den verschiedenen Handelszweigen beschäftigt. So war es ja auch anderswo. Dadurch nun, daß der Beruf in der Familie blieb, daß das Geschäft vom Vater auf den Sohn und vom Großvater auf den Enkel Oberging, haben sie ihre Fähigkeiten in diesem Berufe vollkommen ausgenützt, sich sozusagen spezialisiert. Ihre Fähigkeiten haben sie jedoch bloß im Kleinhandel, in der Krämerei ausgebildet. Wie ist das aber jetzt, wo der Kleinhandel durch den Großhandel zurückgedrängt wird? Weiters zogen die Juden ihren Lebensunterhalt aus der Maklerei. Früher bediente man sich Lei jedem Verkauf eines Vermittlers : eines Juden. Die polnische Bevölkerung beschäftigte sich dagegen mit der Feldarbeit. Es wurde aber erst anders nach dem Jahre 18b'0. Denn damals begannen die Polen infolge stetigen Anwachsens der Bevölkerung in den Dörfern selbst Handel und Gewerbe zu betreiben. Bald etablierter» sieh christliche Krämerladen und das beste Agitationsmitlel war für sie der Antisemitismus, durch den sie die christlichen Käufer an sich zogen. Das war aber kein eigentlicher Antisemitismus: Hier kämpfte doch nur ein Händler gegen den anderen und ein Handwerker gegen den anderen. Allerdings war der eine Krämer ein Christ und der andere ein Jude. Aber bald ändert sieh das Bild. Gegen die beiden Kämpfer trat ein dritter, der gewaltigste, auf: Das waren die großen ökonomischen Mächte, die alle Krämer, alle Handwerker und Vermittler ruinieren, Juden und Christen. Da werden immer neue landwirtschaftliche Genossenschaften und Agenturen verschiedener Verbände gegründet, der Ruin trifft wieder andere kleine Erwerbszweige. Wie schon zugegeben, vollzieht sich diese Enlwickiung bei uns später als in anderen Ländern, doch bei uns geht sie leider sehr schnell vorwärts, um jenen kleinen Leuten, die von Vermittlung und Krämerei z, B. lebten, den Brotkorb höher und höher zu hängen. Dies trifft insbesondere jene Rerufszweige, die fast durchwegs in jüdischen Händen lagen. Die Fabriken ruinieren die Kleinarbeit. Ein Beispiel: Die Schuhwarenfabriken errichteten in Warschau vor einigen Jahren Verkaufsläden. Die Folge war: Rückgang und dann Arbeitslosigkeit bei den Schustern. Ebenso bringen die großen Konfektionsgeschäfte, die fertige Kleider verkaufen, die Schneider um ihren Erwerb. Unter den Arbeitern, die dann brot- und obdachlos herumlaufen, findet man vornehmlich solche, die bei Juden gearbeitet haben, bei jüdischen Hut-Zugehörerzeugern, Strickern, Schneidern etc. Das Kleingewerbe und das Handwerk waren eben die Domäne der Juden. Und gerade das Kleingewerbe und der Kleinhandel stehen heute auf äußerst schwachen Füßen. Das Volk strömt in die großen Geschäfte, in die Warenhäuser, welche vielen Familien den Verdienst, bezw. das recht spärliche Auskommen entziehen. Das j ü d i s c h e E1 e n d, die jüdische Armut wird immer giößer. Der Jammer immer schrecklicher. Besonders die kleinen Städte sind Stätten des jüdischen Elends. In meinen Jugendjahren habe ich genug Gelegenheit gehabt, Einblick in die jüdischen Verhältnisse zu gewinnen. Aber damals habe ich nie so viel Elend zusammen gesehen. Und meiner Ansicht nach wird es vorläufig gar nicht besser werden, denn die neuzeitliche Entwicklung drängt ja die jüdischen Massen immer mehr in die gierigen Arme des Elends hinein. Wie schwer ist es aber für Leute, die in einem Berufe aufgewachsen sind, etwas anderes zu lernen! Sie wollen ihre alte Beschäftigung nicht aufgeben — die Optimisten. Sie glauben nämlich, vielmehr sie hoffen bestimmt, die „schweren Zeiten" werden bald vorüber sein . . . Aber wovon sollen sie denn bis dahin leben? Wovon sollen sie ihre Familien ernähren? Und welchem neuen Berufe sollen sie sich zuwenden? . . Es bleibt ihnen zum Schlüsse nichts anderes übrig, als in die Fabrik zu gehen. Das ist ihr letzter Rettungsanker. Aber alle kann man doch nicht in den Fabriken beschäftigen, von denen sie um ihr Brot gebracht worden sind! Es gehören lange Jahre, vielleicht Jahrhunderte dazu, um für so ungeheure, brotlos gewordene Massen von Juden neue Erwerbsquellen zu erschließen . . . Ich muß es offen gestehen: Die jüdische Bevölkerung in Polen geht einem immer größeren Elend entgegen. Das klingt sehr traurig, fast verzweifelt. Es ist aber besser, die dunkle Zukunft hell zu beleuchten rand geeignete Präventivmaßregeln zu treffen, als es dem Vogel Strauß nachzutun, welcher, wenn er den totbringenden Jäger vor sich sieht, seinen Kopf im Sande versteckt in dem sicheren Glauben, das Menschenauge werde ihn nicht sehen — weil er ja auch nicht den Menschen sieht. - : L \

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